Kultur : Schärfer als der Röntgenblick

Burcu Dogramaci

Unter starkem Wind biegen sich die Bäume, und düster hängt der Himmel über Hamburg. Das Gefühl der nahenden Apokalypse begleitet den Weg ins Museum - und es vergeht auch nicht angesichts der dramatischen Bilder im Inneren: Aufgetürmte Wolkenberge stehen über dunklen Wäldern, Ruinen und totes Geäst sind die Hauptdarsteller in herrlichen Landschaften. Die Menschen sind nur Staffage, eine unbedeutende Fußnote innerhalb der von Natur beherrschten Bildwelt.

Dem Niederländer Jacob van Ruisdael ist in der Hamburger Kunsthalle die erste Schau überhaupt in Deutschland gewidmet. In Holland besitzt Ruisdael einen ähnlich hohen Status wie seine Zeitgenossen Rembrandt und Vermeer. Doch hierzulande ist der Landschaftsmaler kaum bekannt - erstaunlich, wie Martina Sitt, die Kuratorin der Ausstellung, sagt. Eine Revolution der neuen Ideen und Werte habe der Künstler für das Genre der Landschaftsmalerei bewirkt, behauptet sie - und hat den 36 Gemälden und Zeichnungen Ruisdaels zum Beleg Arbeiten seiner Vorgänger und Zeitgenossen zur Seite gestellt. Die Schwächen der anderen unterstreichen die Stärken Ruisdaels. Kein anderer beherrschte die dynamische Komposition und die subtile Lenkung des Betrachterblickes besser; niemand sonst verknüpft die mikroskopisch genaue Darstellung von Vegetation mit solcher atmosphärischen Dichte. Und schließlich ist da die brillante Führung des Lichts, das einen öden Baumstumpf oder eine alte Hütte zum Glänzen bringt. Ohne Frage: Ruisdael ist ein maitre peinteur oder, in den Worten Goethes, ein "Dichter".

Jacob van Ruisdael (1628/29-1682) kam in Haarlem zur Welt, einer traditionellen Bierbrauereistadt, bekannt auch für die Textilindustrie. In seinem Meisterstück "Bleichwiesen bei Haarlem" beschwört Ruisdael am Horizont die Schönheit seiner Heimatstadt und inszeniert im Vordergrund die Leinenbleiche. Haarlem war jedoch auch ein Anziehungspunkt für zahlreiche Künstler, Ruisdaels Vater, sein Onkel und Cousin malten ebenfalls. Von den Haarlemer Landschaftsmalern unterschied sich Ruisdael jedoch gewaltig: Statt Idyllen bot er seinen Zeitgenossen schwermütige Kompositionen, in denen stets ein Hauch von Vergänglichkeit und Todessehnsucht mitschwang. Bei Ruisdael war die Landschaft kein Hintergrundprospekt für liebliche Genreszenen, sondern Protagonist. Nicht selten nimmt der Himmel zwei Drittel der Bildfläche ein.

Nur in seiner mittleren Schaffensphase, in den 1650er Jahren, näherte sich Ruisdael in Zeiten der Rezession dem Publikumsgeschmack an. Für die Kunsthalle war dies ein Grund, die Schwerpunkte auf das Früh- und Spätwerk zu legen, zumal Ruisdaels Bilder, die auf äußerst fragile Holztafeln gemalt sind, selten verliehen werden. Dennoch gelang es, 26 Tafeln nach Hamburg zu holen, darunter einige der berühmten Meisterwerke wie den Dresdner "Judenfriedhof" oder den "Waldsumpf" aus der Ermitage. Manchmal war auch ein Deal notwendig: Damit das Rijksmuseum die legendäre "Mühle von Wijk" hergab und seinem Publikum keine leere Fläche präsentieren muss, gaben die Hamburger eine Gegenleihgabe heraus - in Amsterdam hängt nun ein schöner Rubens.

Viel Organisationsgeschick und Überzeugungskraft stecken hinter dem ehrgeizigen Vorhaben, das die Besonderheit einer künstlerischen Gabe ins richtige Licht rücken will. Das lässt sich wortwörtlich nehmen, denn die Hamburger Schau demonstriert anhand der Beleuchtung, welche Rezeptionsmöglichkeiten bestehen. In einem abgetrennten Raum sind zwei Bilder installiert - Original und Kopie - die mit unterschiedlichen Lichtfarben beschienen werden: Wärme und Kälte, Dunkelheit und Helligkeit bestimmen die Betrachterempfindung.

Neben dieser kritischen Präsentation von Wahrnehmungs- und Manipulationsmöglichkeiten bietet die Ausstellung mit Röntgenaufnahmen von Ruisdaels Werken eine weitere Besonderheit. Im Röntgenbild entblößt sich der Duktus, der dynamische Strich Ruisdaels ebenso wie seine Technik. Der Künstler bediente sich eines Perleffekts, bei dem er Wasserfarbe in Ölfarbe auftrug und die perlenden Spuren vor allem für die Belaubung der Bäume verwendete. Das wohl wichtigste Kennzeichen seiner Künstlerhandschrift ist jedoch der Einsatz von Bleiweiß, das beim Röntgen ebenfalls deutlich hervortritt. Mit Bleiweiß legte Ruisdael auf der Grundierung das Lichtgerüst der Komposition an. Dieser technische Einblick in Entstehungsprozesse fasziniert - und entzaubert die Bilder nicht. Im Gegenteil, der Pragmatismus der Radiographien lässt zurück zur Malerei streben: Beim Anblick der auf einer Anhöhe stehenden und in den Wolkenhimmel ragenden weißen "Mühle von Wijk" stockt für einen Bruchteil der Sekunde der Atem. Aus einem starren Bauwerk gewinnt Ruisdael neues, dramatisches Leben. Keine Röntgenaufnahme kann diese Magie ergründen.

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