Schaubühne: "Das Kalkwerk" : Kalt ist alle Erkenntnis

Schaubühne: Regisseur Philipp Preuss wandelt an den Sprachabgründen von Thomas Bernhards Roman „Das Kalkwerk“.

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Hellhöriger Forscher. Felix Römer als Konrad an der Klappsmühlenscheibe.
Hellhöriger Forscher. Felix Römer als Konrad an der Klappsmühlenscheibe.Foto: Thomas Aurin

Der Mann könnte sich gleich selbst in die Pfanne hauen. Er hat sich in Mehl, Eiermatsch und Semmelbröseln gewälzt, bereit zur Panade. Jetzt sitzt er triefend in der Bühnenmitte, ein altes Kassettengerät auf dem Schoß. Sein Verstand, so viel wird klar, ist schon lange so gar wie ein Wiener Schnitzel. Auch der Wahn scheint eine österreichische Spezialität zu sein.

In seinem 1970 publizierten Roman „Das Kalkwerk“ beschreibt Thomas Bernhard die Geschichte einer unaufhaltsamen Auslöschung. Erzählt wird von Konrad, der sich mit seiner Frau in ein stillgelegtes Kalkwerk zurückgezogen hat. Dort brütet er seit Jahrzehnten über einer Studie, die das menschliche Gehör zum Thema haben soll. Mithin „das philosophischste aller Sinnesorgane“. Bloß bringt er sie nie zu Papier. Stattdessen drangsaliert er, im Rollstuhl sitzend, seine pflegebedürftige Gattin mit Experimenten nach der „Urbantschitschen Methode“. Schon das klingt nach Ohrenschmerzen. Das Inventar des Kalkwerks muss er derweil Stück für Stück (auch ein Gemälde von Francis Bacon darunter) veräußern. Übrig bleibt ein leerer Kerker. Ein Resonanzraum des Irrsinns, in dem die Zeit mehr tropft als vergeht. „Becketts Wladimir wartet noch“, schrieb Peter Härtling, „Bernhards Konrad weiß gar nicht mehr, was Warten ist“.

Felix Römer trägt eingangs ein schwarzes Kleid zu roten Schuhen mit Absatz. Er sitzt allein in einem mit glitzernder Folie ausgekleideten Kasten (Bühne: Ramallah Aubrecht), einer Art Spiegelkabinett des hellen Wahns. Mit seinem leiernden Kassettenrekorder erinnert er noch an eine andere Beckett-Figur: Krapp aus dem „Letzten Band“, der Zwiesprache mit den Aufzeichnungen seines früheren Ichs hält. Es wird eine große Soloshow für Römer, den gebürtigen Wiener im Ensemble der Schaubühne. Sein Landsmann, Regisseur Philipp Preuss, inszeniert das „Kalkwerk“ im Studio des Hauses als 75-minütigen Monolog. Der erzählerische Rahmen des Romans ist aufgelöst, stattdessen beschreit, belebt und durchbebt Römer als Ich-Berserker diese Geschichte von dem Konrad und der Konrad, wie Mann und Frau bei Bernhard heißen. Sie endet mit einem Schuss am Heiligen Abend. Und sie handelt vom Gefühlssterben eines Geistesmenschen. Letztlich von der schneidenden Kälte aller Erkenntnissuche. „Wir sind von der Klarheit, aus welcher unsere Welt plötzlich ist, unsere Wissenschaftswelt, erschrocken; wir frieren in dieser Klarheit; aber wir haben diese Klarheit haben wollen, heraufbeschworen, wir dürfen uns also über die Kälte, die jetzt herrscht, nicht beklagen“. Das hat Bernhard selbst bei der Verleihung eines Literaturpreises gesagt.

Römer hat seine besten Momente, wenn er das Hypersensible, Weltabgewandte dieses selbst erklärten Hellhörigen spürbar macht, der im Kalkwerk „die absolute Ruhe“ sucht. Konrad ist, was hier Mikrofone verstärken, noch für das leiseste Klopfen empfänglich. Kann sich am Klang des Wortes „Rinnsal“ berauschen. Und brüllt in einem Anfall von Komplexitätssehnsucht den schönen Satz: „Die Vögel in Europa schützt man – die aussterbenden Gehirne nicht!“

Regisseur Preuss ist in Berlin schon durch ein paar kleine, kluge Arbeiten in der Box des Deutschen Theaters aufgefallen. Darunter die Fassbinder-Inszenierung „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ und die Bergmann-Adaption „Persona“. Auch das „Kalkwerk“ ist ein guter, konzentrierter Abend. Zwar sieht das Setting – Glitzerkasten, Mikros, Mann im Kleid – anfangs nach üblicher postdramatischer Travestie aus. Und einige Ideen wirken überflüssig, so die Videoprojektionen, in denen Römer sich die Nase platt drückt, womöglich an einer Klapsmühlenscheibe. Aber insgesamt beweisen der Regisseur und vor allem auch Römer ein sehr feines Gehör und Gespür für die Bernhard’schen Sprachabgründe und ihre Sogmacht. Der über vierzig Jahre alte Text hat ja nichts eingebüßt an Schärfe. So fremd er passagenweise auch wirkt.

Die Frau hat ihren Mann einen Narren genannt, bevor er sie leider erschießen musste. Römer macht keinen aus ihm. Er hält einen im Zuhören gefangen. Selbst als Wiener Schnitzel.

Wieder 19. und 20. September, 19.30 Uhr

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