• Schauspieler Michael Klammer: "Man sollte den Rassismus nicht ausgerechnet im Theater suchen"

Schauspieler Michael Klammer : "Man sollte den Rassismus nicht ausgerechnet im Theater suchen"

Dürfen weiße Schauspieler schwarze Rollen spielen? Michael Klammer, geboren 1980 in Italien und seit sechs Jahren im Ensemble des Maxim Gorki Theaters, spricht über echten und vermeintlichen Rassismus.

Peter Laudenbach
Quoten sind absurd. Michael Klammer in „Der kleine Bruder“ von Sven Regener am Maxim Gorki Theater.
Quoten sind absurd. Michael Klammer in „Der kleine Bruder“ von Sven Regener am Maxim Gorki Theater.Foto: Thomas Aurin

Seit einiger Zeit protestieren Aktivisten gegen das „Blackfacing“ – zuerst gegen das Schloßparktheater, dann gegen eine Inszenierung am Deutschen Theater. Michael Klammer, geboren 1980 in Italien und seit sechs Jahren im Ensemble des Maxim Gorki Theaters, spricht über echten und vermeintlichen Rassismus.

Herr Klammer, wie nehmen Sie als schwarzer Theaterschauspieler die Debatte um „Blackface“-Vorwürfe gegen Berliner Theater wahr?

Ehrlicherweise muss ich sagen, das ist lange an mir vorbeigegangen. Aber ich habe nicht erwartet, dass versucht wird, ein Politikum aus dem Umstand zu machen, dass sich im Theater weiße Schauspieler schwarz schminken um schwarze Rollen spielen.

Ist es ein Politikum?

Nein, heute in Berlin ist es das nicht. Als sich vor 100 Jahren in den Südstaaten der USA weiße Darsteller schwarz schminkten, Kraushaarperücken aufsetzten, dicke Lippen malten und in ihrem Spiel rassistische Stereotypen bedienten, war das rassistisch. Es ist aber etwas anderes, wenn sich heute ein weißer Schauspieler schwarz schminkt, weil er zum Beispiel Othello spielt. Auslöser der Diskussion war ja das Plakat des Schlossparktheaters zum dem Stück „Ich bin nicht Rappaport“ ...

... auf dem der weiße Schauspieler Joachim Bliese sehr schwarz angemalt in die Kamera schaut ...

... ja, das fand ich einfach geschmacklos. Aber natürlich ist es Unsinn, Dieter Hallervorden wegen eines verunglückten Plakats Rassismus zu unterstellen.

Auch das Deutsche Theater wurde von „Blackface“-Aktivisten dafür kritisiert, dass in der Inszenierung von Dea Lohers „Unschuld“ zwei schwarz geschminkte Schauspieler auftraten. Aktivisten verteilten im Foyer Flugblätter. Man könnte sagen, endlich wird das Theater wieder zum Ort politischer Auseinandersetzungen.

Dea Loher schreibt in der Regieanweisung, dass beide Rollen von zwei schwarzen oder von zwei guten weißen Schauspielern gespielt werden sollen – und das ist am Deutschen Theater zweifellos so. Damit habe ich nicht das geringste Problem. So stark, wie die beiden Schauspieler geschminkt sind, hat das eine klare Zeichenhaftigkeit. Es symbolisiert die Fremdheit der Figuren. Theater muss mit solch artifiziellen Mitteln arbeiten dürfen. Wenn es sich dieses Spiel mit den Zeichen verbieten lässt, hat es verloren. Natürlich muss man Menschen, die sich rassistisch verletzt fühlen, ernst nehmen, muss diskutieren und die theatralischen Mittel erklären. Aber das heißt nicht, dass sich das Theater vorschreiben lassen kann, was es auf der Bühne darf und was nicht. Wenn ein Weißer keinen Schwarzen spielen darf, darf dann auch kein Schwarzer einen Weißen, darf kein Mann eine Frau spielen? Darf ich dann am Gorki-Theater nicht mehr in „Rocco und seine Brüder“ oder in „Woyzeck“ spielen? Ich finde es schön, wenn für die Zuschauer meine Hautfarbe keine Rolle spielt.

Eine Forderung der „Blackface“-Aktivisten lautet, dass schwarze Rollen von Schwarzen gespielt werden sollten. Gibt es in Deutschland genügend gute schwarze Schauspieler?

Das weiß ich nicht. Ich persönlich würde einem Zustand, in dem schwarze Figuren nur ethnisch korrekt besetzt werden dürfen, natürlich sehr gelassen entgegensehen. Aber ich habe auch so genug Angebote. Ich möchte wegen meines Talents engagiert werden, eine Quote ist eine völlig absurde Vorstellung. Am Gorki-Theater bin ich garantiert nicht der Quoten-Schwarze. Mit einer schwarzen Rolle in „Das Fest“ hätte ich vor ein paar Jahren endlos tingeln können, genau das wollte ich nicht.

Ist es beim Film genauso wie auf der Bühne?

Da wird bei der Besetzung stärker auf den ethnischen Hintergrund geachtet. Beim Casting für eine Filmrolle wurde ich vor einiger Zeit mit der Begründung abgelehnt, ich sei zwar als Schauspieler super, aber für die Rolle leider nicht dunkel genug. Im Fernsehen werden Schauspieler mit einem migrantischen Hintergrund oder nicht-weißer Hautfarbe meist in Klischee-Rollen gesetzt: Entweder man ist der schwarze Drogenhändler oder der smarte Party-Typ, auf den alle Frauen fliegen. Und nach dem Casting kommt der Anruf, dass sie sich das mit dem schwarzen Drogenhändler anders überlegt haben, das wäre politisch nicht korrekt. Die Rollenpalette, die man mir im Film zuweist, wird oft auf ausnahmslos gute Menschen reduziert, das hat etwas Verklemmtes.

Gleichzeitig wird die Gesellschaft bunter, das geht jetzt auch durch die Redaktionen und Produktionsfirmen. Es gibt keinen Grund, so zu tun, als wäre hier „Mississippi Burning“. Es gibt sicher Rassismus in diesem Land, natürlich kenne ich diese unangenehmen Blicke. Aber man sollte den Rassismus nicht ausgerechnet im Theater suchen. Viel wichtiger fände ich es, sich für ein Verbot der NPD einzusetzen. Und auch was in Lampedusa mit den afrikanischen Flüchtlingen geschieht, ist menschenunwürdig. Dagegen sollten wir als Europäer protestieren, egal, welche Hautfarbe wir haben.

Das Deutsche Theater hat die Proteste ernst genommen. Jetzt sind die beiden Schauspieler in der „Unschuld“-Inszenierung weiß geschminkt.

Ich finde das, ehrlich gesagt, seltsam. Wenn man diesen beiden Fremden aus Afrika eine weiße Clownsmaske aufschminkt, finde ich das viel deplatzierter, als wenn man sie deutlich zeichenhaft schwarz schminkt. Ich habe selbst in einer „Unschuld“-Inszenierung in Salzburg den Fadoul gespielt, einen der beiden Afrikaner in Dea Lohers Stück. Ich bin kein Afrikaner, sondern Südtiroler, auch wenn mein Vater Nigerianer ist. Der Kollege, der Elisio gespielt hat, den anderen Afrikaner in „Unschuld“, war ein Weißer aus Südafrika – also der einzige Afrikaner in der Inszenierung. Wenn es bei einer Besetzung nicht um das Talent, sondern um die Herkunft gehen würde – wären dann ich oder der Kollege falsch besetzt?

Welche Rolle spielte Ihre Hautfarbe in Ihrer Theater-Karriere?

Bei Engagements spielte sie meines Wissens keine große oder gar keine Rolle. Am Gorki Theater habe ich Woyzeck gespielt. Ich weiß nicht, ob Woyzeck ein Schwarzer oder ein Weißer ist, er ist ein Mensch, und das bin ich auch. Ich habe außer Fadoul noch keine schwarze Figur gespielt. In Jan Bosses „Amphitryon“-Inszenierung am Gorki war ich übertrieben schwarz geschminkt, ich war auch Merkur, und Merkur imitiert den Sosias. Sosias ist schwarz geschminkt und trägt eine Kraushaar-Perücke, also musste sich der Merkur auch anmalen, damit konnte man sehr schön spielen. Vielleicht ist das Theater einfach weiter. Ich würde zum Beispiel, wenn man mir eine Rolle in „Othello“ anbietet, lieber den Intriganten Jago als den Othello spielen. Nach Hautfarbe besetzt zu werden, darauf habe ich keine Lust.

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