Kultur : Scheiden tut nicht weh

Im Kino: Der Film „Karen llora en un bus“.

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Selbstbewusst. Ángela Carrizosa Aparicio (r.) findet als Karen ihren Weg. Foto: Arsenal
Selbstbewusst. Ángela Carrizosa Aparicio (r.) findet als Karen ihren Weg. Foto: Arsenal

2005 führte Kolumbien die „Express- Scheidung“ ein: In einer halben Stunde ist alles vorbei. Der Ansturm auf die Scheidungsrichter war einfach zu groß. Sich scheiden zu lassen, ist also nicht mehr schwer in dem eigentlich erzkatholischen Land. Davon erzählt Gabriel Rojas Vera in seinem Spielfilmdebüt „Karen llora en un bus“ („Karen cries on the bus“). Und zeigt zugleich, dass für viele Frauen die eigentlichen Probleme mit der Trennung erst beginnen.

Karen (Ángela Carrizosa Aparicio) könnte sich eigentlich glücklich schätzen: Die Mittelstandsfrau lebt in einer Großstadt, ist seit zehn Jahren mit einem gut verdienenden Mann verheiratet, und die sozialen und politischen Verwerfungen Kolumbiens bekommt sie nur am Rande mit. Doch es ist eine Ehe ohne Liebe und ohne Gemeinsamkeiten, und da ist es nur konsequent, dass die Ehe schon vorbei ist, als der Film einsetzt. Er beginnt mit Karens stiller Flucht in eine billige Absteige. Das wirkt, als habe die Ehe buchstäblich nie stattgefunden.

Karen hat keine Arbeit und keine Freunde, nur den Willen, sich die eroberte Selbstständigkeit nun nicht mehr nehmen zu lassen. Sie benutzt schmutzige Duschen, versucht sich in halbseidenen Jobs und beginnt irgendwann, täglich einen Apfel zu stehlen. Zu ihrer Haupteinnahmequelle aber wird das Weinen an der Bushaltestelle: Dort erzählt sie den Wartenden unter Tränen, jemand habe ihre Tasche gestohlen, und nun habe sie kein Geld mehr für den Bus.

Wer nun aber mit dem großen Melodram vom sozialen Abstieg rechnet, irrt. Karen findet ihren Weg, nur einfach ist er nicht. Der Film erzählt, höchst nüchtern, ganz ohne Gefühls-Score und abseits der Kolumbien-Klischees aus Unterschichtkatastrophen und Drogenmafia  von Problemen, wie sie auch Westeuropäern nicht fremd sind. Er lässt der Hauptfigur ihre Würde und schönt dabei nicht die vielen kleinen Verletzungen, die sie sich beim Zerreißen ihrer Fesseln zuzieht. Einmal sagt sie, spät, zu ihrem Mann, der sie zurückholen will: „Unsere Ehe war schon vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hatte.“ Ein Satz wie Alkohol auf eine Wunde: Er schmerzt, er heilt. Erik Wenk

täglich im fsk 2 (OmU), 20.30 Uhr

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