Kultur : Schellen gegen Schunkeln Die Berliner Band Mutter im Hebbel am Ufer

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Sänger Max Müller. Foto: Thilo Rückeis
Sänger Max Müller. Foto: Thilo Rückeis

„Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.“ Nie kann die Erfahrung von Künstler und Publikum, von Einzelnem und Allgemeinem, zur Deckung kommen. Dieses Dilemma spielt Franz Kafkas Erzählung vom Hungerkünstler durch. Im Sterben bittet der Künstler noch, ihn nicht zu bewundern. Er könne nur hungern – „weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt.“

Man kann im Sänger Max Müller diesen Hungerkünstler sehen. Erst mal, weil er beim Konzert seiner Band Mutter im HAU 2 mal wieder wie einer aussieht: Ein ausgeleierter Longsleeve hängt auf einem ausgemergelten Körper, der auf einem Barhocker hängt, die Rechte am Mikro, die Linke an der Schulter, als wolle er gleich selbst Hand an sich legen. Aber vor allem wegen der Konsequenz, in der Müllers Texte jede Angleichung an Allgemeinplätze verweigern. Es ist die entschiedene Aufteilung der Welt in Gut und Böse, die Teilung in Nennenswert und Hassenswert, die die schwere, ungebändigte Musik von Müllers Band Mutter gerade heute so anders macht, so ansprechend.

„Ich möchte“, singt Müller über einem zäh sich dahinwälzenden Gitarren-, Bass- und Becken-Mahlstrom, „Ich möchte alles sein / Egal was / Bloß nicht / wie die Anderen“. Wem würde man das heute noch abnehmen wenn nicht dieser Ausnahmeband, die es seit 25 Jahren gibt, die aber erst jetzt mit dem 2010er-Album „Trinken Singen Schießen“ größere Aufmerksamkeit erfährt.

„Die Alten hassen die Jungen / Bis die Jungen die Alten sind“, besingt Müller die Ausweglosigkeit aller Auflehnung. Mutter sind jetzt selber die Alten, und auf der Theaterbühne schämen sie sich nicht, manchem Altrocker-Klischee zu entsprechen, mit Soli im Sitzen und Notenpult, das Müller nicht nur als Gedächtnis-, sondern auch mal als Körperstütze dient, bevor er sich wieder gen Boden schraubt, in die Unsichtbarkeit.

Im vollen Saal sitzen allerdings neben alten Getreuen viele junge, und sie hassen die Alten nicht, sie sind verzaubert, dass sie der Mitteilung alten Wissens und authentischer Erfahrung beiwohnen dürfen. Sie genießen Direktanschluss in die Achtziger. „Es war eine Scheißzeit“, grätscht Müller in jede Romantik. „Ich wunder’ mich immer, wie das so verklärt wird. Ich find’ alle alten Zeiten scheiße.“

Mutter richteten sich nie im einfachen „Dagegen“ ein. Skepsis und Hass wenden sie immer auch gegen die eigene Position, musikalisch unterstrichen durch unvorhersagbare Brechungen zwischen Leiern, Draufschlagen und Abbremsen. Mutter betreiben das Wiederkäuen der von der Gemeinschaft aufgezwungenen Zuschreibungen, ein Herauswürgen von Widersprüchen, unter denen die Falschheit und Verlogenheit allen Glücks zutage tritt. Selbst Müllers Schlagen des Schellenkranzes ist letztlich gegen das Schlagen von Schellenkränzen gerichtet, und die süßlichen „Nananas“ und „Babababaas“ von Drummer Florian Koerner von Gustorf sind wie Knebel – die Flucht seitwärts, die Platz schafft für das gemeinschaftsselige Mitschunkeln im großen Festgelage.

Das rührt so tief, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Denn so würden wir natürlich gerne sein, wie das, was wir hier sehen. Wir, das sind die Mitredner und Dabeiseier, die Kontakte- und Optionensammler, an denen der Zweifel nagt, ob uns für unsere vorbereitenden Tätigkeiten je ein Gegenwert erwartet. Wie gerne würden wir in dieser Aufrichtigkeit nach allen Seiten „Nein“ sagen. Da wir das nicht können, müssen wir jemanden bezahlen, der es für uns tut. Kolja Reichert

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