Schinkelsche Bauakademie : Agora der Architektur

Der Aufbau ist beschlossen, der Wettbewerb kommt. Jetzt muss die Schinkelsche Bauakademie in Berlins Mitte als Denk- und Kreativfabrik entwickelt werden, meint Barbara Hendricks.

Barbara Hendricks
Noch ist die Fassade schöner Schein. Das Mauerwerk der Bauakademie – eine PVC-Simulation.
Noch ist die Fassade schöner Schein. Das Mauerwerk der Bauakademie – eine PVC-Simulation.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Schinkelsche Bauakademie stand wie kaum ein anderes Gebäude seiner Zeit für die Innovationskraft des 19. Jahrhunderts und die architektonische Moderne. 1962 wurde die Akademie abgerissen. Es ist eine der schweren Kriegs- und Nachkriegswunden in der historischen Mitte Berlins. Seit Jahren arbeiten wir daran, diese Wunden wieder zu schließen. Jetzt, wo der Aufbau des Stadtschlosses als Humboldtforum in die letzte Phase geht, können wir nur zu dem Schluss kommen: Auch die Schinkelsche Bauakademie muss wiedererrichtet werden.

Es ist nur scheinbar ein Widerspruch: Mit der Bauakademie wird das Bauwerk eines Architekten rekonstruiert, der wie kaum ein anderer für Innovation und Erneuerung stand: Karl Friedrich Schinkel. Als Schinkel in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts die Bauakademie im Herzen Berlins errichtete, ließ er sich von der Maxime leiten: „Überall ist man nur da wahrhaftig lebendig, wo man Neues schafft.“ Diese Maxime sollte uns auch jetzt leiten. Eine rekonstruierte Bauakademie darf keine bloße Kopie des Originals werden, sondern muss eine Denk- und Kreativfabrik sein, die Wissenschaft und Kunst, Forschung und Lehre, Theorie und Praxis unter einem Dach zusammenführt.

Initiativen für die Wiedererrichtung der Bauakademie hat es schon viele gegeben. Zu DDR-Zeiten wurde bereits in den 1950ern ein Versuch gestartet, aber zugunsten anderer Hauptstadtplanungen bald wieder aufgegeben. Fördervereine haben sich gegründet und für den Wiederaufbau eingesetzt.

Verschiedene Formate sind gefragt

Das Land Berlin hat in den letzten Jahren versucht, ein tragfähiges Konzept zu entwickeln und dafür einen Träger und Investor zu finden. Es hat sich gezeigt, dass ein rein privater Lösungsansatz nicht zum Erfolg führt. Eine für alle offene Einrichtung erfordert öffentliches Engagement und auch öffentliche Mittel. Jetzt hat der Deutsche Bundestag mehr als 60 Millionen Euro im Haushalt des Bundesbauministeriums für die Wiedererrichtung der Bauakademie in Berlin bereitgestellt. Damit kann es endlich losgehen.

Dieses Projekt ist eine besondere Herausforderung. Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich die verschiedenen Aspekte des nachhaltigen Planens und Bauens und der Stadtentwicklung nicht nur anschaulich darstellen lassen, sondern der auch Raum für eine lebhafte gesellschaftliche Diskussion bietet. Das Gebäude soll verschiedene Formate ermöglichen, um aktuellen Themen aus Architektur, Städtebau, Ingenieurbau und Umweltschutz den passenden Rahmen zu geben. Die Akademie soll zentraler Treffpunkt, Ausstellungsplattform und Werkstatt in einem sein.

Einen Schwerpunkt sehe ich dabei in der interdisziplinären Zusammenarbeit von Architektur, Stadtplanung, Ingenieurwesen, Umweltschutz, Denkmalpflege, Bauausführenden und Bauherren. Ich stelle mir vor, dass die Bauakademie ein Forum für Fragen und Antworten wird, die uns rund um das Planen und Bauen beschäftigen: Wie sehen unsere Städte zukünftig aus? Wie bleiben Bauen und Wohnen bezahlbar? Wie stellen wir uns auf den demografischen und technologischen Wandel ein? Wie stellen wir architektonische Qualität sicher? Wie erreichen wir die Klimaschutzziele? Welche Anforderungen stellen wir an moderne Bauprodukte? Auch zu den Zukunftsthemen Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt können Architektur, Städtebau und Ingenieurwesen wichtige Beiträge leisten.

Auch private Akteure sollen sich engagieren

Für ein solches anspruchsvolles Konzept brauchen wir viele Partner. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz kann mit ihrer umfangreichen Architektursammlung genauso beitragen wie die TU Berlin mit ihrem Schinkel-Archiv, die Berlinische Galerie und die Akademie der Künste. Sie können Werkschauen einzelner Architekten organisieren und neue Tendenzen in der Architektur aufzeigen. Universitäten können Vorlesungsreihen und Seminare durchführen. Für die Bundesstiftung Baukultur wäre hier der Raum für Veranstaltungen und Symposien. Private Akteure aus dem In- und Ausland können sich ebenfalls engagieren. Nicht zuletzt die Bundesbauverwaltung sollte sich als einer der größten Bauherren in Deutschland mit einbringen.

Bereits zu Schinkels Zeiten gab es vielfältige Nutzungen. Die Königliche Porzellanmanufaktur und der Hofjuwelier waren im Erdgeschoss vertreten. Mir geht es weniger um die kommerzielle Nutzung zur Unterstützung eines tragfähigen Konzepts, sondern darum, Raum für Nutzungen zur Verfügung zu stellen, die ein breites Publikum anziehen und das Haus beleben. Hier könnten auch kleinere Einheiten zur temporären Repräsentation von Ideen und Innovationen an Start-ups vermietet werden. Räume für Initiativen, die sonst nicht so einfach einen exponierten Ort für ihre Aktivitäten finden.

Die Bauakademie sollte meiner Auffassung nach in öffentlicher Trägerschaft errichtet und betrieben werden. Nur so kann sie dauerhaft als offenes, nicht kommerziell getriebenes und den gesellschaftlichen Anliegen beim Planen und Bauen dienendes Haus betrieben werden.

Ein großer Schritt für die Mitte Berlins

In den kommenden Monaten soll aus den vielen Ideen, die existieren, und neuen Ideen, die wir entwickeln, ein tragfähiges Nutzungskonzept entwickelt werden. Dafür wollen wir mit möglichst vielen Disziplinen und gesellschaftlichen Gruppen ins Gespräch kommen. Ich habe die Bundesstiftung Baukultur betraut, mit dem Bundesbauministerium gemeinsam eine Reihe von Werkstattgesprächen vorzubereiten und zu moderieren. Dieser offene Dialog ist wichtig.

Unser Verständnis von Baukultur schließt den offenen Dialog genauso mit ein wie die Unterstützung einer offenen und zugleich lösungsorientierten Diskussion, große Transparenz und das Zusammenführen divergierender Interessen. Das wollen wir mit den geplanten Veranstaltungen bereits in einer sehr frühen Projektphase praktizieren. Wenn möglich, wollen wir bereits Mitte 2017 einen Wettbewerb zur Gestaltung des Gebäudes ausschreiben.

Das ist ein weiterer großer Schritt für die historische Mitte Berlins. Mit der Idee einer Denk- und Kreativfabrik bleiben wir Schinkels innovativem Ansatz treu: „Wer die Perspektive ändert, sieht Dinge in einem ganz anderen Licht.“

Die Autorin ist Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

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