Kultur : Schlaflos in Tiflis

Zweimal Georgien im FORUM und PANORAMA.

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Der Panorama-Beitrag „Chemi sabnis naketsi“ (A Fold in my blanket), das Spielfilmdebüt des georgischen Regisseurs Zaza Rusadze, zeichnet ein distanziertes, hermetisch verfremdetes Porträt der post-sowjetischen Oberschicht in Tiflis. Dimitrij, der Sohn eines patriarchal dominierenden Richters, hat nur einen deklassierenden Praktikantenjob am Kopiergerät des Gerichts. Wie paralysiert folgt er den Eltern zu surrealen Teekränzchen mit Damen und Herren, die einst der Machtelite angehörten, sich nun aber in ihre Verlustgefühle verpuppen wie in den Kokon eines absurden Theaterstücks.

Eine demente Tante fantasiert von gestohlenen Diamanten, ein Chirurg, der einzige Alte mit sarkastischem Realitätssinn, „heilt“ den Wahn, indem er behauptet, er habe den Schatz aus ihrem Kopf herausoperiert. Vitalität spürt Dimitrij einzig bei Freeclimbing-Touren in grandiosen georgischen Felslandschaften. Als ein Untergrundagitator rote Fahnen in der Stadt verteilt und ein Fremder namens Andrej ihn vertreibt, sucht der ziellos frustrierte Dimitrij die Freundschaft mit dieser Alter-Ego-Figur, setzt sich jedoch bei der väterlichen Macht des alten Justizapparats vergeblich für ihn ein. Was bleibt, ist die Sinnlichkeit des Augenblicks bei den stumm absolvierten, homoerotisch aufgeladenen Klettertouren, zu denen Dimitrij den zornigen Andrej mitnimmt.

Anders als Ruzadses angestrengte Parabel vertraut der georgisch/deutsche Forums-Beitrag „Grzeli nateli dgeebi“ (In Bloom) von Nana Ekvtimishvili und Simon Groß der rebellischen Energie zweier 15-jähriger Freundinnen in Tiflis. Ekaterina und Natia erleben 1992 mitten in der Atmosphäre des Niedergangs im Abspaltungskrieg zwischen Abchasien und Georgien das Ende ihrer Kindheit. Ihren Müttern entgleitet angesichts ihrer trunksüchtigen, arbeitslosen, im Knast sitzenden Männer die Familienregie, die älteren Mädchen verlieren sich in pubertäre Femme-fatale-Posen, die Mini-Machos der Klasse schlagen auf Kosten der Mädchen über die Stränge.

Die zwei lernen sich zu wehren, auch wenn Natia nach einem rituellen Brautraub zu heiraten gezwungen ist. Auf Augenhöhe mit den beiden Protagonistinnen dringt die Handkamera in die Parallelwelten der um ihre Selbstbestimmung ringenden Teenager ein. In der Ablösung vom sowjetischen Gesellschaftssystem – das erzählt der Film anschaulich – setzen eigentlich schwache Kerle ihre uralten Dominanzspiele fort, ohne allerdings mit den Schachzügen der Mädchen zu rechnen. Claudia Lenssen

„Chemi…“: 8.2., 20.15 (Cinestar 3), 9.2., 22.30 (Cubix 7+8), 10.2., 14 (International), 12.2., 17.45 (Cinestar 3); „Grzeli…“: 10.2., 16.15 (Cinestar 8), 12.2., 15 (Cubix 7), 13.2., 21.30 (Delphi), 15.2., 20 Uhr (Cubix 9)

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