Kultur : Schlumpf ist Trumpf

Multiple Persönlichkeit: Medien-Künstler Bjørn Melhus schlüpft ständig in neue Rollen

Nicola Kuhn

Wäre dies nicht der Prenzlauer Berg, man könnte es auch für den Zugang zu einem New Yorker Atelier in Brooklyn halten. Mit dem Aufzug fährt man hoch in die Fabriketage und steht schon mitten im Raum. Ganz hinten thront mit gekreuzten Beinen ein Mann hinter einem riesigen Schreibtisch, darauf Papierstapel, DVDs, beim Nähertreten erkennen wir auch Plastikpferde und Knetgummi- Rollen. Ist das wirklich Bjørn Melhus, der sogleich aufspringt und mit seinen Zehenstrümpfen in die Flipflops schlüpft? Oder ist das ein Assistent von ihm? Beim letzten Mal trug er sein Haar noch gelockt und blond. Jetzt ist es kurz und braun. Das berühmte Zitat Rimbauds, „Ich ist ein anderer“, das die gebrochene Identität des modernen Menschen mit einem Satz umreißt, findet bei Melhus seine bizarre Fortschreibung in die jüngste Gegenwart, unsere multiple Medienwirklichkeit: Bei ihm sind Ich ganz viele andere und nicht nur einer.

Deshalb weiß Melhus auch nicht mehr genau, wie das im letzten Sommer war: „Hatte ich damals nicht eher langes, schwarzes Haar?“, muss er überlegen. Aber nein, die Dreharbeiten für das Video, bei dem er ein japanisches Schulmädchen mimte, begannen erst danach. Die blonden Locken stammten vom Dreh für „Captain“, in dem er einen Raumschiff-Piloten abgab. Der aktuelle Kurzhaarschnitt in Braun scheint wirklich Melhus original zu sein. Gerade ist er aus Kassel zurückgekehrt, wo er an der Kunstakademie eine Klasse unterrichtet. In gewisser Hinsicht stellt auch das für ihn nur eine Rolle dar, die er spielt, die des Hochschullehrers, ähnlich wie die des Künstlers oder Managers am Set.

Im Zusammenhang mit seiner Kunst würde Melhus allerdings nie von Rolle sprechen, vielmehr „verkörpert“ er all die Figuren, die er in seinen Filmen spielt. Mehrere Dutzend sind es in den letzten 15 Jahren gewesen, mal war er ein Schlumpf, der mit einem Song von Elvis Presley den Mond ansingt, dann Dorothy aus dem „Zauberer von Oz“, die mit Judy Garlands Übersetzer-Stimme das Abenteuer einer Zeitreise noch einmal neu erlebt, oder ein Fernsehprediger, dessen Delinquenten und Jünger er mitspielt.

Sich selbst bezeichnet Melhus als miserablen Schauspieler – was allerdings nicht stimmt, wenn man seine perfekte Mimik, die vollkommene Hingabe an das gesprochene Wort in den Filmen sieht, die jeweils Grundlage seiner Arbeiten bildet. Für Melhus funktioniert Identifikation über die Stimme. „Die Stimme ist die Seele“, sagt er. Der Ton, genauer: die Tonspur, steht deshalb auch am Anfang seiner Produktion, dann erst folgen die Bilder, beginnt der Dreh. Im nächsten Schritt schlüpft Melhus chamäleonhaft hinein in die Körper von Männern wie Frauen, Kindern wie Playmobil-Figuren (mit Hilfe der Masken- und Kostümbildnerin Julia Neuenhausen). Daher rührt auch der stets aufwändige Haartrachtwechsel, der bis in die Wirklichkeit hineinwächst. Der Künstler würde niemals mit Perücke arbeiten, die Verschmelzung mit dem anderen Wesen muss für ihn absolut stimmig sein. „In dem Moment bin ich die Figur selbst,“ erklärt er die Anverwandlung.

Schon im Kindergarten hat der TV-Maniac Serienfiguren wie Captain Kirk und Mister Spock aus „Raumschiff Enterprise“ nachgespielt. 1966 geboren, gehört er zu einer Generation, die mit dem Fernsehen aufwuchs, dem das TV-Programm zur „zweiten Sozialisation“ geworden sei, wie er sagt. Durch die amerikanischen Serien waren ihm als Kind zeitweilig die Vereinigten Staaten näher als die Realität einer Hochhaus-Siedlung in Nürtingen-Roßdorf, wo er aufwuchs. Die Distanz zum Naheliegenden mag auch mit seiner Herkunft zusammenhängen: Vater Melhus ist Norweger, bis heute darf auch der Sohn in Deutschland nicht wählen.

Die Themen Identität, Medienwirklichkeit, Massenkultur, Projektionsfläche USA (als Stipendiat lebte er 2000/01 in Los Angeles und New York) umkreisen sämtliche Arbeiten von Melhus, der in Braunschweig an der Akademie studierte. Aber erst seit Ende der neunziger Jahre ist der Filmemacher und Geschichtenerzähler, wie er sich selber nennt, im Kunstbetrieb präsent. Zuvor war er nur auf Filmfestivals vertreten. Seitdem aber die Videokunst zunehmend auf Ausstellungen und Biennalen zu sehen ist, sind seine Filme und Installationen gefragt wie nie.

Von Berlin aus beschickt Melhus Museen und Galerien von New York bis Tokyo. Die Stadt hatte er sich allerdings schon 1988 als Kreativ-Pol auserkoren, lange vor dem großen Künstlerboom. Für ihn war die Mauerstadt Fluchtpunkt aus der Provinz. Sein erstes Geld verdiente er sich mit Werbetrailern und Dia-Schauen für Kältekompressoren, eine Bank sowie einen Pharmakonzern. Nach einem Film über Pflanzenschutz, nie ausgestrahlt, wurde ihm die Sache mulmig. Er stürzte sich in die freie Kunst.

Melhus versteht sein Handwerk. Seine Filme besitzen einen stark ausgeprägten Rhythmus, da sie von der Tonspur her entwickelt sind wie bei einem Musikclip. Die Geschichten spielen in einer merkwürdigen Zwitterwelt zwischen Vergangenheit und Zukunft, wie dem Setting eines Science-Fiction-Films aus den Sixties oder dem digitalisierten Studio eines TV-Predigers. Die Handlung endet oft im Zirkelschluss, die Figuren sind zur ewigen Wiederholung ihrer Suche nach einem anderen Ich verdammt, das ihnen mal als Klon, mal auf der anderen Seite des Bildschirms begegnet.

Der Künstler ist sich der Gefahr bewusst, irgendwann nur noch als der Typ zu gelten, der sich permanent selber spielt. Deshalb hat er vorübergehend die „Melhus-Männer in Klausur geschickt“, wie er es nennt. Zuletzt arbeitete er allein mit TV-Monitoren, ihrem wechselnden Leuchten und einem martialischen Sound, der auf der Tonspur eines amerikanischen Werbefilms zur Rekrutierung von Soldaten basiert.

Die Flimmerkiste, den in ihr aufgehobenen Leidenschaften, ist auch eine Installation im Haus am Waldsee gewidmet, wo Melhus zu den Teilnehmern der großen Berlin-Ausstellung gehört. Im Garten des Ausstellungshauses hat er ein Baumhaus bauen lassen, aus dem das wechselnde Licht eines laufenden Fernsehers fällt. Dazu kommt als Sound das Quietschen, Bremsen, Ballern einer altmodischen Autoverfolgungsjagd. Und wieder ist sie da: die melancholische Erinnerung an jene Kindheit in der Hochhaussiedlung, als man aus dem bläulichen Flackern der Wohnwaben schließen konnte, welches Programm gerade lief.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, vom 22. Juni bis 17. September, Mo–Do 10–18 Uhr, Fr–So 12–20 Uhr. Künstlerabend mit Bjørn Melhus am 19. August, 21 Uhr.

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