Kultur : Schmerz unter Zuckerguss

Zwischen Faszination und Beklemmung: das Rohkunstbau-Festival im Marquardter Schloss beschwört Atlantis

Heidi Jäger

Wie aus einer unversiegbaren Quelle sprudelt leise die Fontäne. Barbusige Frauen wachen in koketter Sinnlichkeit über das plätschernde Vergnügen. In ihrer aufreizenden Verzückung fehlen ihnen die Augen für lauernde Gefahren. Und die machen in greifbarer Nähe die Runde. Nur ein Raum weiter dreht sich das Karussell der Tücke. Was in luftig-leichter Verspieltheit wie eine sanfte Melodie aus Kindertagen klingt, hat auch sehr verstörende Akkorde. Auf dem weißen Karussell haben nicht nur kraftvoll trabende Pferde aufgesattelt, sondern auch ins Bodenlose stürzende Klepper. Zauber paart sich mit Verstörung.

Die raumgreifende Skulptur „Sudden Silence“ der in den Niederlanden lebenden marokkanischen Künstlerin Wafae Ahalouch El Keriasti lädt ein zu einer Achterbahn der Gefühle. Und nicht nur bei ihren Arbeiten fühlt sich der Betrachter hin- und hergerissen zwischen Faszination und Beklemmung. Das ganze Schloss scheint sich in eine atemberaubende Luftschaukel zu verwandeln. Sie schwingt sich auf zu einem Spiel von Schein und Sein, Traum und Möglichkeit.

In seinem 17. Jahr schaut das renommierte internationale Festival „Rohkunstbau“, das sich ab 9. Juli wieder einem breiten Publikum öffnet und der Presse bereits am Dienstag einen Vorgeschmack auf seine neue Ausstellung offerierte, erneut nach „Atlantis“ und damit zum zweiten und letzten Mal auf den Grund des versunkenen Kontinents. Welcher Ort könnte dafür besser Pate stehen, als das Schloss in Marquardt am Schlänitzsee. Prachtvolle Zierde paart sich mit Verfall, Versinken mit Wiederauftauchen.

Befragten hier im vergangenen Jahr die Künstler in „Atlantis I“ noch die „neuen Identitäten Europas“ nach 20 Jahre Mauerfall, geht es nun um das beste Handeln im neuen pluralistischen Europa „jenseits von kleinkarierten Nationalismen“, wie es Kurator Mark Gisbourne formulierte. Wie also könnte es aussehen das Atlantis der Zukunft, ohne es dem Untergang preis zu geben?

Die zehn im Schloss agierenden Künstler, die sich zwischen „Säulen“ aus Gotik, Barock und Minimalismus bewegen, sind keine Propheten. Doch sie stellen die richtigen Fragen. Und sie halten dem Besucher den Spiegel vor. Die deutsche Künstlerin Johanna Smiatek verbirgt diese Spiegel in ihrem „Ivory Tower“. Mit seinen acht Ecken schlägt er symbolisch einen Bogen zum mystischen Orden der Rosenkreuzer, die einst im Schloss Marquardt die Geister beschwörten. Zugleich erinnert der im pompösen, holzverzierten Vestibül aufgeschlagene lackweiße Pavillon an den Tempel der zehn Könige, die, wie der Dichter Platon schrieb, einst Atlantis regierten. Betritt der Besucher die kleine aufragende Zelle, sieht er sich selbst. Doch dann taucht in dem Spiegel eine märchenhafte Tempellandschaft auf, wie sie in Burma zu finden ist. Wir spüren den friedlichen Geist, und erinnern uns zugleich, wie er niedergeknüppelt wurde. So wie sie aufleuchtet, die heile Welt, verfliegt sie sogleich als Trugbild.

Diese zehn innovativen Künstler aus ganz Europa, die FestivalleiterArvid Boellert zusammenführte, verbeugen sich in sinnlicher Metaphorik vor einem vereinten Europa, einer friedlichen Welt im Geiste und zeigen zugleich die Klippen, die zwischen den Ländern klaffen. Der israelische Künstler Ori Gersht findet dafür sehr poetisch-dichte Bilder, die die romantische Landschaftsmalerei Caspar David Friedrichs zitiert. In einem kurzen Film, der in einem der verdunkelten Schlossräume zu sehen ist, läuft ein alter bärtiger Mann. Der aufziehende Sturm fegt ihn fast von der Straße. Beharrlich trotzt er dem Widerstand. Was wird sein, wenn er um die nächste Ecke biegt? Ein Berg türmt sich vor ihm auf, in Nebel getaucht. Der Mann verschwindet im Dunst des Abendlichts. Zurück bleibt eine zerklüftete Bergwelt, in der die Kuppen bedrohlich gen Himmel ragen. Dunkle Gewitterwolken lassen Böses ahnen. Es ist der Grenzpfad in den Pyrenäen, die „Lister Route“, auf der Ori Gersht noch einmal wandert. Im Zweiten Weltkrieg flohen auf ihm politisch Verfolgte und Intellektuelle in die Freiheit. Auch Walter Benjamin ging diesen Pfad: weg aus dem Vichy-Regime Frankreichs ins Franko-Regime Spaniens, mit der Hoffnung auf eine Fahrt ins freie Amerika. Doch sein Fluchtversuch scheiterte und der Philosoph nahm sich das Leben. Heute ist dieser Grenzpfad nur noch ein unbedeutender Weg. Doch er steht als Metapher für Abschottung.

„Dieser Film ist eine Kritik an unser Atlantis“, sagt Mark Gisbourne und erinnert an die Menschen in Afrika, die im Mittelmeer ertrinken, weil sie an das andere Ufer der Welt gelangen wollen.

Stefan Roloff führt sie zusammen: die Stimmen Europas und der ganzen Erde. Er richtet im Schloss eine anheimelnde Kapelle aus Papier mit gotischen Nischen ein, in der Menschen die verschiedensten Sprachen sprechen. Man hört an diesem lauschigen Ort innerer Einkehr nur ein leises Gemurmel, ein polyphones Klanggespinst. Keiner dominiert über den anderen.

Auch bei dem Gipfeltreffen heutiger Herrscher, das Niklas Goldbach filmisch in der Penthouse-Suite eines Berliner Hotels zelebriert, gibt es diese Gleichheit. Doch hier ist sie uniformiert, ohne eigene Konturen. Marionetten gleich bewegen sich die neuen Könige, lächeln auf Kommando wie geklont in die Kamera und waschen sich die Hände in Unschuld, während die Finanzmärkte krachen gehen. Nicht zufällig streut Goldbach Bilder von Athen zwischen die Perfektion der Luxus-Suite. Am Ende reißt die mühsam aufgefädelte Perlenkette und mit ihr der Glaube an ein ewiges Wachstum. Das neue „Atlantis“ fällt zu Boden.

Die Künstler kleiden Düsternis und Gefahr in verstörend schöne Bilder. So wie das lichte Weiß des Karussells strahlen auch die Vogelmenschen mit den spitzen langen Schnäbeln der britischen Bildhauerin Cathy de Monchaux gepuderte Reinheit aus: fragil, verträumt und von betörender Zartheit. Dabei stürzen sich diese gefiederten Wesen in Miniaturdarstellung selbstmörderisch aufeinander. Am Ende scheinen alle unter einem weißen Leichentuch begraben. Das „Meer“ reißt auch den letzten Krieger mit sich fort.

XVII. Rohkunstbau-Festival, Atlantis II, „Hidden Histories – Imagined Identities“, vom 9. Juli bis 12. September, Schloss Marquardt, geöffnet Freitag 14 bis 19 Uhr, Sa und So 12 bis 19 Uhr, Eintritt 7/ erm. 5 Euro.

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