Kultur : Schmuggelgut Erinnerung

Warum die Deutschen für ihre Geschichte die Erzählungen der Migranten brauchen

Manuel Gogos

Zwei Männer im Schatten eines Olivenbaums. In altmodischen Anzügen liegen sie auf dem Boden und schlafen. Der eine ist zu Besuch. Seit dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als Soldat der deutschen Wehrmacht gedient hat, sind erst 15 Jahre vergangen. Der andere kommt von hier. Im großen Krieg, den sie hier „I Katochi“ nennen – die Zeit der deutschen Besatzung –, hatte er vier kleine Kinder zu ernähren. Er schmuggelte Getreide von der Insel Thassos aufs Festland. Als sie ihn erwischten, haben sie ihn halb tot geschlagen. Eine junge Frau, Tochter des Deutschen und Schwiegertochter des Griechen, fängt die Szene mit der Kamera ein. Der Schmuggler und der Wehrmachtssoldat, ein Schwarzweiß-Foto – für mich, den Enkel, ein Ort „geteilter Erinnerung“.

Es sind ganz unterschiedliche Erinnerungen, die sich in diesem Bild verschlingen. Im „Deutschbuch“ wird man bestenfalls die Geschichte des deutschen Soldaten nachlesen können. Was aber ist mit den anderen Geschichten, die mit den so genannten „Gastarbeitern“ seit Mitte der Fünfziger in dieses Land eingeschleppt wurden? Sie sind ein Fundus, aus dem es zur Sprache drängt. Sie fünfzig Jahre später ins allgemeine Geschichtsbild nachzutragen ist heute, da törichte Integrationsdebatten grassieren, eine Aufgabe gesellschaftlicher Erinnerungspolitik.

„Was bedeutet Geschichte als Quelle für Identifikation und Identität in einer Gesellschaft, in der Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenleben“, fragte Bundespräsident Rau 2002. „Wie kommt es zu einem ,Wir’ in einer solchen Gesellschaft?“ Obgleich unser Alltag durch Migration beeinflusst ist: ihre Repräsentation im öffentlichen Raum fehlt weitgehend. Trotzdem ist es nach Jahrzehnten der Leugnung, ein Einwanderungsland zu sein, heute möglich anzuerkennen, dass mit den Einwanderern und ihren Kindern eine neue, „transnationale“ Identität entsteht. Um deren Umrisse zu erkennen, bedarf es der Sichtbarmachung jener „Gegenerzählungen“, die der „großen Erzählung“ nicht unbedingt widersprechen, sie aber vollständiger machen. Durch sie wird deutlich, dass Erinnerung eine gesellschaftliche Konstruktion ist. Gleichwohl gibt es blinde Flecken in unserer Erinnerungslandschaft.

Beispiel Griechenland: Die griechische Arbeitsmigration nach Deutschland war auch eine Folge der „verbrannten Erde“, die die deutschen Besatzer hinterließen. „Wiedergutmachung“ spielte eine große Rolle beim Zustandekommen der Vereinbarung. Bereits 1955 nimmt der griechische Botschaftsrat in Deutschland „Fühlung“ mit dem Arbeitsministerium auf. Als der Vertrag am 30. März 1960 unterzeichnet ist, äußert die Deutsche Botschaft die Ansicht, bei der Anwerbung griechischer Arbeitskräfte solle man vor allem Orte berücksichtigen, die besonders unter der deutschen Besatzung gelitten haben. Wie in Verona und Madrid wird nun in Athen die „Deutsche Kommission“ eingerichtet, die die Vermittlung organisieren soll. In diesem Augenblick kommt es zu einer „Doppelbelichtung“, in der die unterschiedlichen Zeithorizonte ineinander brechen: Hermann Westermeyer, der erste Arbeitsvermittler beschert der Kommission gleich zu Beginn einen ernsten diplomatischen Zwischenfall. Er soll, so der Vorwurf der linken Presse, bereits während der deutschen Besatzung griechische Zwangsarbeiter nach Deutschland verschickt haben. Westermeyer wird vom Botschafter aufgefordert, das Land zu verlassen.

Aber meist sind es eben nicht die offiziellen Austragungsorte, an denen die Migranten und ihre Nachkommen ihren unerhörten „Gegentext“ verfassen. Wie die Migration lebensgeschichtlich erinnert wird, versuchte der französische Analytiker Jacques Hassoun in seinem Buch „Schmuggelpfade der Erinnerung“ zu beantworten. Er betont darin die Bedeutung kultureller Überlieferung als „Muttersprache“ – gleichgültig, ob es um die Ermordung des armenischen Volkes, die griechische und jüdische Diaspora, arabische Migranten in Frankreich oder türkische in Deutschland geht. Das gilt umso stärker, wo die kulturelle Überlieferung durch die Abkopplung vom natürlichen Milieu zu einer „prekären“ Sache wird. Dass Identität und Territorium in der Fremde auseinander fallen, gefährdet Zusammenhang und -halt. Nicht nur das Verhältnis der ersten und der folgenden Generationen zur so genannten „Heimatkultur“ steht in Frage. Es liegt vielmehr im Interesse einer Kultur als tägliche Praxis, Elemente aus der Vergangenheit einer vorgefundenen Welt hinzuzufügen. Die nächste Generation, Träger desselben Namens, getrieben von einem Heimweh nach einer geheimnisvollen Vergangenheit, bittet um Erzählungen und Bilder darüber, wie das Leben ‚vor Zeiten’ gewesen ist.

Eigentlich ist deshalb der ganze lebensweltliche Zusammenhang nichts anderes als ein Fortsetzungsroman. Alle möglichen Lebensbereiche sind durchwirkt mit Fragmenten der Kindheit: Einem Duft, einem Wiegenlied, der Sprache der Mutter, einer religiösen Illusion. Diese Erbschaft kann in Essensgewohnheiten liegen, in Träumen und Traumata, in Sprichwörtern und Lebensmaximen, die Über-IchWerte in der jungen Generation reinszenieren. Dazu gibt es Objekte, Schmuggelgut, das mitgeschleppt wurde, kulturelles Treibholz, das aus einem anderen zeitlichen Horizont ans Gestade der Gegenwart gespült wird. Auch diese Dinge haben ein „Gedächtnis“. Da wird dann ein Familienalbum zu Tage gefördert, eine Schwarzweiß-Fotografie von zwei schlafenden Männern darin.

Die Erinnerungskultur ist in den Kulturwissenschaften der letzten zehn Jahre zur zentralen Kategorie avanciert. Doch wird sie in Deutschland meist als Aufarbeitung des Nationalsozialismus verstanden. Auschwitz, so hat es Maxim Biller formuliert, ist das zentrale Erinnerungsmoment der Deutschen. Dass „so etwas nie wieder geschehen soll“ dürfte eine universelle Botschaft sein; trotzdem hat Viola Giorgi in ihrer Studie über das Geschichtsbild junger – in diesem Fall – türkischer Migranten nachgewiesen, dass die deutsche Geschichte keineswegs „adoptiert“ wird. Manchmal scheint es, als würden die verschiedenen Erinnerungskulturen sogar in eine heimliche Konkurrenz zueinander treten: Der Bahnhof in Köln Deutz war das zentrale „Einfallstor“ der spanischen und portugiesischen Arbeitsmigranten, aber auch der „Umschlagplatz“ für die Deportationen jüdischer Zwangsarbeiter. Der Bahnhof ist in Deutschland als Erinnerungsort besetzt, ebenso wie der Zug oder das „Lager“. So können sich schwerlich Identifikationsmomente entwickeln, gemeinsame Erinnerungsorte. So lange die Einwanderer für die Geschichte „Fremde“ bleiben, bleibt auch ihnen diese Geschichte „fremd“.

Es ist für jeden Menschen von höchstem Interesse, Anspruch auf seine Vergangenheit zu erheben. Das aktive Erinnern an das Schicksal der Vorläufer ist aber mehr als eine pietätvolle Hommage an die Alten; es ist selbst Teil des eigenen Begehrens. So wie für den Autor, der in der (Er-)findung seines Familienromans zum „Vater seiner Eltern“ (Sigmund Freud) wird. Auch das kollektive Gedächtnis operiert in beide Richtungen: zurück und nach vorne. Und so kann es gar nicht anders, als eine Ausdifferenzierung, Pluralisierung und Transnationalisierung der Erinnerungskulturen in Deutschland zu forcieren.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum für Migration in Deutschland (DOMiT) und hat an der Ausstellung „Projekt Migration“ im Kölnischen Kunstverein mitgewirkt.

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