Kultur : Schnell und zerbrechlich

Ein neuer Dokumentarfilm zeigt, was von der Welt des Jazzpianisten Michel Petrucciani blieb.

Christian Broecking

Er litt unter Schmerzen und Schlaflosigkeit. Er liebte ungesundes Essen, Alkohol und Frauen. Er hielt sich für ungewöhnlich und unangepasst, Zeitzeugen erlebten ihn nicht nur als großen Virtuosen, sondern auch als egozentrischen Künstler, der sich nicht mit den Problemen seiner Mitmenschen belasten wollte. Michael Radfords Dokumentarfilm „Michel Petrucciani – Leben gegen die Zeit“ beginnt mit einer Frage: „Sie sind einen Meter groß und Ihr kleiner Körper ist vollgestopft mit diesem Wahnsinnstalent. Was machen Sie daraus?“

Petrucciani wurde 1962 in Orange, Südfrankreich, geboren, die Kindheit und Jugend des unter der Glasknochenkrankheit leidenden Musikers war von häufigen Krankenhausaufenthalten geprägt. Seine Eltern werden als musikbesessen geschildert. Für den strengen Vater war die Schulbildung seines Sohnes nicht wichtig, er wollte, dass Michel Pianist wird und verlangte stundenlange Klavierübungen. Jeden Tag. Erbarmungslos, fanatisch. In den zahlreichen Interviewsequenzen spricht Petrucciani selbst dann auch die Sprache eines Besessenen. Als hätte er keine Wahl gehabt, als sei das Klavier sein Schicksal gewesen.

Seinen ersten Blues durfte er erst mit zwölf Jahren spielen, „Blues in F“. Der Trompeter Clark Terry entdeckte ihn 1975 bei einem Jazzfestival in der französischen Provinz, der Schlagzeuger Aldo Romano vermittelte ihm fünf Jahre später die Möglichkeit, sein erstes Album aufzunehmen. In Kalifornien lernte er den in spirituelle Studien entrückten Saxofonisten Charles Lloyd kennen. Der hatte kurz zuvor etwas über einen heiligen Boten gelesen, den er nun in Petrucciani zu erkennen glaubte. Nachdem er den jungen Pianisten gehört hatte, fühlte er sich schnell ermutigt, mit ihm zusammen auf die großen Bühnen zurückzukehren. Als Petrucciani 1999 im Alter von 36 Jahren in New York starb, war er bereits einer der bekanntesten Jazzpianisten der Welt. In der amerikanischen Jazzmetropole hatte er sich jedoch mit den falschen Leuten eingelassen, den tödlichen Drogen konnte er nicht mehr entkommen. Christian Broecking

Zu sehen in den Berliner Kinos Babylon Mitte (OmU), Eiszeit (OmU) und in der Kulturbrauerei.

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