Kultur : Schnelldenker

Zum 75. Geburtstag des Publizisten Lothar C. Poll.

Foto: Ralph Rieth
Foto: Ralph Rieth

Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit für eine Zeitung. Ziemlich genauso lange hat Lothar C. Poll dem Tagesspiegel angehört – erst als Justiziar, dann als Geschäftsführer und Herausgeber. Und hat das Blatt mitgeprägt: Zwischen den bewegten sechziger Jahren und der Maueröffnung war diese Zeitung ohne ihn nicht zu denken. Es prädestinierte ihn dazu, dass Poll selbst eine Gestalt dieses merkwürdigen Insel-Mikrokosmos West-Berlins war, der inzwischen halb vergessen ist und doch eine unumgängliche Stütze des Überlebens der Stadt war. Es passte zu dieser Rolle, dass der übersprudelnde, oft ohne Punkt und Komma argumentierende Mann, Jurist mit eigenem Anwaltsbüro, aus der Kunstszene kam. Und dass er diese Herkunft selbstbewusst durch den Zeitungsalltag trug – mit seiner Kurzhaarfrisur in der Zeit der Langhaarmähnen, ein diskreter Kratzfuß vor dem bewunderten Bert Brecht, getoppt noch durch die edelproletarische Lederschirmmütze; seine Frau führte eine eigene Galerie. Er war Geschäftsführer der Künstlergenossenschaft „Großgörschener“ gewesen und brachte in den Tagesspiegel einen Schuss Unkonventionalität mit.

In seiner Zeit trat die „Pressestiftung Tagesspiegel“ ins Leben, deren Gründungsgesellschafter er war. So entstanden der Kerr-Preis und der Staudte-Preis, bekam die Villa Aurora, der letzte Wohnsitz von Lion Feuchtwanger in Los Angeles, eine neue Bestimmung, wurde die Erik-Reger-Professur an der FU errichtet. Manches davon verging, vieles blieb, nicht zuletzt der Rang und Ruf dieser Zeitung im Kulturleben der Stadt.

Den gebürtigen Berliner Poll hatte die Nachkriegszeit nach Potsdam und Aachen verschlagen. Doch sogleich nach dem Studium war er zurück in der Stadt, die seine Stadt ist. Das Volontariat beim Tagesspiegel endete auf persönliche Verfügung von Verleger Franz Karl Maier im Verlag. Dort hat Poll dann Anfang der neunziger Jahre noch das angeschlagene Schiffchen Tagesspiegel in den Hafen der Holtzbrinck-Gruppe gesteuert. Frei nach Theodor Heuss’ Bundeswehr-Bonmot – „Nun siegt mal schön“ – rief er dem Tagesspiegel bei seinem Ausscheiden 1993 zu: „Nun kämpft mal schön!“. Am ersten Weihnachtstag vollendet Lothar C. Poll sein 75. Lebensjahr. Rdh.

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