Kultur : Schön & gut

Alles für den Körper: die Doku „Schönheit“.

Julian Hanich

Zum Beispiel die blondierte Autohändlerin: Gleich macht sie klar, bei der Brustvergrößerung gehe es ihr vor allem um die Karriere, also um den gesellschaftlichen Ertrag von Attraktivität. Oder die ältere Bankangestellte, die vor dem Spiegel minutenlang ihre Haare glättet – und dabei von Styling, Waxing, Wellness und Schönheits-OPs berichtet. Oder die 94-Jährige, die sich mithilfe chirurgischen Gesichtsdopings wieder in den Kampf um Anerkennung stürzen will. Schön ist es, attraktiv zu sein.

„Schönheit“ – so lakonisch formuliert der Titel von Carolin Schmitz’ sehenswertem Dokumentarfilm das Ziel, das seine Figuren sich für ihre Selbstoptimierungsreise auserkoren haben. Und auch chirurgisch erkaufte Schönheit macht, so hoffen sie jedenfalls, glücklich. Ordentlich sind die Wohnungen aufgeräumt, da gehört auch Ordnung am eigenen Körper dazu. Sehr licht filmt das die Regisseurin, auch passend statisch. Dazwischen verdrehen Schönheitschirurgen mit kaufmännischem Geschick und der Macht des Jargons das Unnatürliche zum Normalsten der Welt. Vielleicht ein bisschen karikaturhaft – aber das ist bloß ein kleiner Schönheitsfehler.

Nun ist äußerliche Schönheit bekanntlich höchst ungleich verteilt. Insofern erfüllt die Schönheitsindustrie einen egalisierenden, manche würden sogar sagen: demokratisierenden Zweck. Andererseits legt der Film den erschreckenden Mangel an menschlichem Selbstbewusstsein bloß, für den Schönheitsoperationen nur ein extremer Ausdruck sind. Weil der reale Körper im Vergleich zum Ideal immer mangelhaft erscheint, lassen wir uns auf abenteuerliche Methoden der Defizitbeseitigung ein – bis hin zur Körperverletzung durch den Chirurgen.

Richtig unangenehm wird es dort, wo die porträtierten Figuren ihre Attraktivitätsoptimierung offenbar als Freibrief dafür verstehen, den totalen Widerling rauszulassen. Mit zwei Ausnahmen: Einmal spricht die patente Autohändlerin plötzlich vom Zwang der Perfektion. Und ein anderes Mal gesteht eine ehemals 168 Kilogramm schwere Bayerin, sie sei mittlerweile süchtig nach solchen Operationen.

Der eigentliche Subtext aber dieses Films über Schönheit und Attraktivität ist die Revolte gegen die Vergänglichkeit. Besonders deutlich wird das bei einem offenbar wohlhabenden Friedhofsgärtner, der sich bereits zu Lebzeiten ein opulentes Grab hat gestalten lassen. Mit inbrünstiger Eitelkeit hängt der Man am gewesenen Zustand seines Körpers. Immerhin aber weiß er, dem Ende ins Auge zu blicken. Julian Hanich

fsk am Oranienplatz

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