Kultur : Schöne Töne, hohe Töne

Countertenor Jochen Kowalski wird 60, lässt in einem Buch seine Karriere Revue passieren und singt sich ein Ständchen.

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In höchsten Tönen. Merert Becker umarmt Jochen Kowalski, 2013. Foto: Henry Herrmann
In höchsten Tönen. Merert Becker umarmt Jochen Kowalski, 2013. Foto: Henry Herrmann

Jochen Kowalski liest gerne Sängermemoiren. Aber er fängt die Bücher immer von hinten an: „Nichts interessiert mich mehr als die Frage, was diese Künstler gemacht haben, nachdem ihre große Zeit vorüber war.“ Bei Jochen Kowalski selber passierte es kurz nach der Jahrtausendwende. Er hatte sich überarbeitet, zu selten bei Rollenangeboten Nein gesagt. Die Klimaanlage der New Yorker Metropolitan Opera gab ihm den Rest. Die Koloraturen gingen ihm nicht mehr so leicht durch die Kehle wie früher, in der Höhe blieben Töne weg. Kowalski musste sich Knötchen von den Stimmbändern operieren lassen, dann hatte er auch noch einen Schlaganfall. Als der Countertenor nach der Genesung seine langjährige Gesangslehrerin Marianne Fischer-Kupfer aufsuchte, schien sie das Interesse an ihm verloren zu haben: „Ach weißt du, hat sie mir gesagt, du hattest eine so tolle Zeit.“

Da wusste Jochen Kowalski, dass er ganz von vorn anfangen musste. In Jutta Vulpius fand er 2003 eine erfahrene Sängerin, die ihm half, seine technischen Probleme in den Griff zu bekommen, „diesen ganzen Schutt abzuräumen, der sich bei mir im Laufe der Jahre abgelagert hatte“. Fast vier Jahre lang dauerte diese Phase der künstlerischen Wiedergeburt. Doch die Rückkehr ins Musikleben gelang, 2012 beeindruckte Kowalski bei den Salzburger Festspielen in Händels „Giulio Cesare“ als Charakterdarsteller, mit dem Schauspieler Dieter Mann macht er literarisch-musikalische Abende, das Salonorchester Unter’n Linden begleitet ihn bei seinen Chansonprogrammen. Mit dieser lustigen Truppe aus Staatskapellen-Musikern bringt er sich am 30. Januar selbst ein abendfüllendes Ständchen zu seinem 60. Geburtstag in der Bar jeder Vernunft. „Songs of my life“ versammelt Lieblingslieder und -arien, aber auch polnische Tangos, Piazzolla- sowie Cole-Porter-Titel. Bereits am Tag zuvor, am Mittwoch, ist die gesellige Veranstaltung schon im Tipi am Kanzleramt zu sehen.

Um den Soundtrack seines Lebens geht es auch in dem Interview-Band, der zum Sechzigsten erschienen ist. Darin lässt sich der Countertenor von Susanne Stähr befragen – und breitet seine vokale Vita so offenherzig, so sympathisch und auch selbstkritisch aus, dass sich der Leser am Schluss fühlt, als habe er selber ein paar angenehme Plauderstündchen mit dem Sänger verbracht.

Kowalskis Kindheit verläuft glücklich und privilegiert: Seine Eltern gehören zur Minderheit der Selbstständigen in der DDR, im Dörfchen Wachow im Havelland, betreiben eine Fleischerei. Und sie tolerieren die Klassikbegeisterung ihres Jüngsten. Mit leuchtenden Augen schaut der Anneliese Rothenbergers Sendungen im Westfernsehen, singt laut bei Rudolf- Schock-Schallplatten mit, fährt immer wieder mit dem Motorrad nach Berlin, um Opern zu inhalieren.

Als Jochen Kowalski nach dem Abitur einen Studienplatz für Binnenhandel zugeteilt bekommt, lehnt er dankend ab, bewirbt sich stattdessen als Requisiteur an der Lindenoper, fühlt sich im Bühnenmilieu sofort zu Hause, steht abends staunend in den Kulissen. Der Wunsch, Sänger zu werden, nimmt überhand, 1977 schafft er die Aufnahmeprüfung an der Eisler-Hochschule, wird zum Tenor ausgebildet, darf 1981 als Lehrbube in Harry Kupfers „Meistersingern“ an der Komischen Oper dabei sein, fängt bei einem bierseligen Kantinenabend an, mit Kopfstimme zu singen – und wird von Kupfers französischer Regieassistentin entdeckt.

Der verdutzte Kowalski erfährt, dass Countertenöre gerade überall gesucht werden. Und weil er sich mit der hohen Stimme viel wohler fühlt als in der Tenorlage, weil er spürt, hier seine natürliche Singstimme gefunden zu haben, geht er weiter in die Richtung – und wird nach seinem ersten öffentlichen Auftritt sofort ins Ensemble der Komischen Oper engagiert. Der erste Countertenor der DDR macht mächtig Furore, auch im kapitalistischen Ausland: Hamburg ruft, dann Frankfurt, London, Tokio, er kann in Salzburg mit Nikolaus Harnoncourt arbeiten. In Berlin werden Händels „Giustino“ und Glucks „Orpheus“ seine Paraderollen, weltweit wird er als akustisch exotischer Prinz Orlowsky in der „Fledermaus“ gefeiert, den Silvesterabend 1990 verbringt er mit Joan Sutherland, Luciano Pavarotti und Marilyn Horne auf der Bühne des Royal Opera House Covent Garden.

Natürlich sieht Kowalski die Missstände in seiner Heimat. Doch Fluchtgedanken kommen ihm nie: „Irgendwo hab ich dieses kleine Land und seine wunderbaren Menschen auch lieb gehabt.“ Bis heute wohnt er in Pankow. Dass er am 7. Oktober 1989 bei der Feier zum 40. Jahrestag der DDR im Palast der Republik aufgetreten ist (zusammen mit vielen anderen Reisekadern von Peter Schreier bis Ludwig Güttler), ist ihm heute peinlich.

Und worauf ist Jochen Kowalski stolz? „Das ist ein Gefühl, das ich nicht so gut kenne“, antwortet er Susanne Stähr. Dann aber fallen ihm doch noch zwei Dinge ein: Seine rundherum gelungene CD-Einspielung des „Orpheus“ – und dass er 1994 an der Lindenoper Rossinis „Tancredi“ war: „Dort, wo ich die Stars von der Seitenbühne aus angeschwärmt hatte, selbst auf den Brettern stehen zu dürfen, das war wirklich die Erfüllung eines Traums!“ Frederik Hanssen

„Der Countertenor. Jochen Kowalski“, Henschel Verlag, 2013, 192 Seiten, 24,95 €. „Songs of my life“ am 29. 1. im Tipi, am 30.1. in der Bar jeder Vernunft.

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