Kultur : Schönes Schwesterlein

Kunst-Krimi in der Berliner Gemäldegalerie: Wie aus einem rätselhaften Patrizierinnenbild von Albrecht Dürer ein Familienporträt wird

Michael Zajonz

Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt: Katharina Fürleger, eine äußerst attraktive Brünette, taucht eines Morgens im Jahre 1497 in Albrecht Dürers Atelier auf und bezirzt den jungen Meister. Der beschließt spontan, die schöne Patriziertochter gleich zweimal zu malen: einmal züchtig mit zum Gebet gefalteten Händen und offenen Locken vor einfarbig dunklem Grund; das zweite Mal im roten Tanzkleid mit kunstvoll aufgestecktem Haar vor weitem Landschaftsausschnitt. Beide Bilder haben sich erhalten, das Fürleger-Wappen auf ihnen untermauert die Identität der Dargestellten. Nur hat es zu Dürers Zeiten, leider, eine Katharina Fürleger in Nürnberg nicht gegeben.

Also doch keine so gute Geschichte, dafür aber ein kunsthistorischer Krimi, den die Kabinettausstellung „Albrecht Dürer – Zwei Schwestern“ in der Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum erzählt: anhand der beiden nach über 150 Jahren erstmals wieder vereinten Originale Dürers; ferner anhand zweier mindestens 100 Jahre jüngerer Kopien, die bis vor kurzem als die Originalwerke galten; und schließlich mittels einer These, in der der Ausstellungskurator Bodo Brinkmann in den beiden Darstellungen nicht eine, sondern zwei schöne junge Frauen erkennen will: Dürers Schwestern Agnes und Katharina.

In dieser wunderbar prononcierten Ausstellung kann man lernen, dass Kunstgeschichte auch nur eine (wenn auch wissenschaftlich gestützte) tastende Annäherung an die verschüttete Vergangenheit ist; auch, dass eine Ausstellung mit zwölf Objekten mehr zu denken geben kann als die üblichen großen Materialschlachten – und dass Originalwerke von Meisterhand nicht unbedingt ansehnlicher als spätere Nachahmungen sind. Denn das originale Porträtpaar von Dürers Hand – heute getrennt aufbewahrt im Frankfurter Städel und der Berliner Gemäldegalerie – ist äußerst schlecht erhalten.

Dürer malte beide Bilder als Tüchlein, eine Vorform der Malerei auf Leinwand, die um 1500 weit verbreitet war, von der allerdings die nagende Zeit nur wenige Beispiele übrig ließ. Die beiden im 17. Jahrhundert entstandenen Kopien – Öl auf Holz, heute in München und Leipzig – zeigen viele Details, die auf den Tüchlein nicht mehr sichtbar sind. Erst als das Berliner Tüchlein-Bild 1977 aus Privatbesitz erworben wurde, konnte bewiesen werden, dass es sich um das Original handelt. Im Röntgenbild wurde sichtbar, wie Dürer während des Malens sein Konzept verändert hat. Somit stieg auch das Frankfurter Exemplar zum Original auf, während die lange dafür gehaltenen Holztafeln in München und Leipzig als Kopien identifiziert waren.

Soweit zur Sensation Nummer eins. Doch warum nun ausgerechnet Dürers Schwestern? Die Wappen sind erst später auf die Originale gemalt worden, auf den Kopien sind sie noch nicht vorhanden. Die Legende von der schönen Fürlegerin fällt damit also aus. Stattdessen wurde Brinkmann in Dürers engstem Familienkreis fündig. Der Maler selbst hat nur noch ein einziges Mal, im selben Jahr 1497/98, ein vergleichbar ungewöhnliches Doppelbildnis auf zwei zusammengehörenden Tafeln geschaffen: Es vereint sein Selbstporträt vor Fenster mit Landschaft (heute im Prado Madrid) mit dem Bild des Vaters vor einfarbigem Grund (National Gallery London).

Zahlenden Kunden, so argumentiert die Ausstellung, wären weder im Falle der beiden jungen Frauen noch von Vater und Sohn zwei so verschieden gestaltete Bilder als Paar zumutbar gewesen. Der von Dürer inszenierte Gegensatz von altmodisch (einfache Kleider, monochromer Hintergrund) und modern (kostbare Kostüme, Fenster mit Aussicht) zielt vielmehr auf die grundlegende Differenz einer Malerei auf der Schwelle zwischen Spätgotik und Renaissance: als gemaltes Traktat über Porträtkunst.

Wer stand nun Dürer für das Bildpaar aus Frankfurt und Berlin tatsächlich Modell? Dürers Ehefrau sah anders aus, das weiß man durch seine berühmte Zeichnung „Mein Agnes“. Bleiben aus dem Familienkreis nur noch die beiden 15 und 18 Jahre alten Schwestern übrig. Die jüngere von ihnen hat auch Hans Holbein der Ältere gezeichnet. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Dürer-Forschung als Indizienbeweis: auch keine schlechte Geschichte.

Gemäldegalerie am Kulturforum, bis 25. März, Di bis So 10 – 18 Uhr, Do bis 22 Uhr. Das Katalogheft kostet 12 Euro.

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