"Schoßgebete" : Das Buch als Therapie

Sie lacht und kichert beim Lesen, tut so, als würde sie den Text gar nicht kennen. "Ihr seid ganz schön voyeuristisch", sagt sie zum Publikum in Bremen. Dabei ist es Charlotte Roche selbst, die ihr neues Buch als Therapie braucht.

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Moderatorin, Schauspielerin, Produzentin und Schriftstellerin in Einem: Charlotte Roche.Weitere Bilder anzeigen
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13.09.2011 09:47Moderatorin, Schauspielerin, Produzentin und Schriftstellerin in Einem: Charlotte Roche.

Mit „Feuchtgebiete“, dem ersten Buch, ist sie ungefähr ein Jahr lang auf Lesetour gewesen. Die „Schoßgebete“-Lesetour fängt in Bremen an, ein Samstagabend im Schlachthof, einem Kulturzentrum, das nach Szene und alternativ aussieht. Der Saal hat 600 Plätze. Er ist voll. Das Publikum ist, wie man so sagt, gemischt. Viele Paare, bürgerliche Menschen im karierten Jackett oder der guten Bluse neben bewegter Jugend im T-Shirt mit politischer Botschaft. Alter: 20 bis 70. Mehr Frauen als Männer, aber das ist bei Büchern immer so. Im Programm des Schlachthofs steht, dass es heute um „eines der letzten Tabus“ geht: „der eheliche Sex“.

Es ist alles vorhanden, was zu einem Mega-Bestseller gehört. Es gibt eine fernsehbekannte Autorin, es gibt die beim Publikum immer beliebte „wahre Geschichte“, es gibt Skandal, Schamlosigkeit, Tod, Geschlechtsverkehr, einfach alles. Das Buch richtet sich, auch, gegen die „Bild“-Zeitung. Sein Erfolg beruht allerdings, das muss man zugeben, auf ähnlichen Gesetzen wie der Erfolg von „Bild“.

Charlotte Roche beginnt die Lesung stehend und heizt das Publikum erst mal an: „Na, ihr alten Haudegen? Wer hat’s schon gelesen?“ Sie trägt ein bunt gemustertes, recht kurzes Kostüm und hochhackige Schuhe. Sie ist ein Bühnentier. Das merkt man sofort. Und sie wirkt auch total sympathisch und authentisch und alles. Hinterher darf man Fragen stellen, die soll man sich besser jetzt schon überlegen, rät sie. „Was wollte man denn schon immer die alte Hippe fragen? Auch gerne über meinen Ehemann.“

Dann setzt sie sich hin und liest die ersten Seiten von „Schoßgebete“, die gesamte Oralsexszene. Also, sie liest die O-Szene bis zum Schluss, wenn die Protagonistin mit dem schier endlosen O. fertig ist, den erschöpften Ehemann schlafend liegen lässt, in die Küche geht und anfängt, den Wirsing zu putzen. Das dauert 55 Minuten. Es dauert so lange, weil Charlotte Roche zwischendrin immer lachen und kichern muss über das, was sie da geschrieben hat. Sie tut so, als ob sie den Text nicht kennt und selber ganz baff ist über diese ganzen Sachen mit O und S und A. Sie sagt: „Ihr seid ganz schön voyeuristisch! Geht euch doch nichts an, was da steht!“

So nimmt sie der Situation das Peinliche, für beide Seiten, sich und das Publikum. Sie unterbricht sich gern und erzählt Geschichten – wie sie das Hörbuch aufgenommen hat, der Tontechniker wusste vorher nicht, was auf ihn zukommt, der „hat die ganze Zeit geguckt, als wollte ich ihn sexuell belästigen“. Wie sie einen bekannten Moderator im Zug dabei beobachtet hat, wie er sich im Schritt kratzt. Ihr Lieblingsgag, den sie auch in fast jeder Talkshow durchzieht, geht so: Eine Frau im Publikum lacht, ein Einzellachen, kein Gruppenlachen. Und Charlotte Roche sagt, auf die eine oder andere Weise, dass diese Frau gerade eben wohl einen Orgasmus hatte. Diesen Gag bringt sie auch heute.

Charmanter und unschuldiger kann man ein lustiges Sexbuch vermutlich nicht vorlesen. Das Verrückte daran: „Schoßgebete“ ist überhaupt kein lustiges Sexbuch. Charlotte Roche schreibt über den Tod ihrer Brüder, über Bindungsangst und Bindungssehnsucht, über Feminismus, über eine Kindheit als Hippietochter, über Schmerz und Neurosen, es ist im Kern ein sehr ernster und sehr ehrlicher Roman über die Widersprüche des heutigen Lebens. Aufgehängt an einer Frau, die als Mutter, Geliebte, Tochter und so weiter alles richtig machen will und deshalb kurz vorm Durchdrehen ist. Aber das, worum es eigentlich geht, versteckt sie bei der Lesung. Ein Sexbuch vermarktet sich wohl auch einfacher, obwohl sie sich um den Verkauf nun wirklich keine Sorgen machen muss.

„Feuchtgebiete“ hatte eine Auflage von zwei Millionen, „Schoßgebete“ nähert sich, schon nach ein paar Tagen, im Rekordtempo der ersten Million. Nie sind in Deutschland am ersten Erscheinungstag eines deutschsprachigen Romans mehr Exemplare ausgeliefert worden. In einem sauertöpfischen Verriss der „Süddeutschen Zeitung“ wurde die Befürchtung geäußert, dass Charlotte Roche die deutsche Literatur, allein schon durch die ungeheure Masse ihrer Leser, stärker prägen könnte als die „Blechtrommel“ oder „Ein fliehendes Pferd“.

Auch als zweites Stück wählt sie in Bremen eine Hardcore-Passage, den gemeinsamen Bordellbesuch mit ihrem Mann. Die Hauptfigur von „Schoßgebete“ ist eine Frau, die vor ihrem Lebensschmerz in den Sex flieht, und genau dieses Rezept wendet auch Charlotte Roche bei ihrer Lesung an.

Insgesamt ist „Schoßgebete“ von den Literaturkritikern sehr positiv aufgenommen worden, was man ruhig als ein gutes Zeichen für den Zustand der deutschen Literaturkritik verstehen darf. Immerhin ist die Autorin eine Außenseiterin des Literaturbetriebs, eine Frau aus dem U-Sektor der Gesellschaft, die, als sei das gar nichts, mal eben den E-Sektor aufmischt. Da hätten auch Beißreflexe, Abgrenzungsbedürfnisse und Neid eine Rolle spielen können. Aber kritisiert wurde höchstens Charlotte Roches Sprache, eine ganz unliterarische, schlichte Sprechsprache. Aber die Sprache passt sehr gut zur Protagonistin und zum Stoff, sie hat Witz und Kraft, vielleicht ist es ja genau die richtige Sprache.

Die Heldin in „Schoßgebete“ heißt Elizabeth Kiehl. Das Buch ist ihr atemloser Monolog. Elisabeth Kiehl will bei ihrem Mann bleiben, den sie liebt, sie will eine Familie haben, obwohl sie gerne auch mit anderen Männern Sex hätte. Sie will nicht so leben wie ihre Mutter, die Achtundsechzigerin, obwohl sie viele ihrer Überzeugungen teilt, Umwelt, gesundes Essen, links sein. Das ist alles richtig und doch irgendwie falsch. Der Feminismus der Mutter erzählt ihr zum Beispiel, dass es keinen vaginalen Orgasmus gibt, Elizabeth Kiehls Körper aber erzählt ihr eine völlig andere Geschichte. Diese Widersprüche zerreißen sie. Elizabeth Kiehl kommt als Neurosenbündel rüber, als Borderlinefigur, als Sexdienerin und Männerquälerin, je nach Situation.

In einer Rückblende berichtet sie von ihrer Hochzeit, mit einem anderen Mann, nicht ihrem jetzigen, die in England stattfinden sollte. Auf dem Weg zur Hochzeit gerät ihre Mutter, die das Auto steuert, um das voluminöse Hochzeitskleid der Tochter zu transportieren, in einen Massenunfall. Drei Brüder der Erzählerin verbrennen in diesem Auto. Eine Boulevardzeitung, leicht als die „Bild“-Zeitung zu erkennen, ruft die Erzählerin in dem vernichtendsten Moment ihres Lebens an, die Zeitung stellt auch der schwerverletzten Mutter im Krankenhaus nach. „Schoßgebete“ enthält also mindestens zwei Bücher – das eine handelt vom Versuch, ein richtiges Leben zu führen, ein Leben, das gleichzeitig frei ist und behütet und verantwortungsbewusst, das andere handelt von einer tödlichen Seelenverwundung, vom Schmerz und von „Bild“.

Diese Geschichte ist die Geschichte von Charlotte Roche, ihr ist das alles widerfahren, und sie sagt selbst, dass „Schoßgebete“ autobiografische Züge hat. Auf der anderen Seite soll es ein Roman sein. Romane haben oft autobiografische Anlässe, aber sie verarbeiten und verfremden, sie machen etwas Neues daraus, schlimmer, besser, anders. Der Roman ist die Antwort auf eine Frage, die das Leben gestellt hat.

Wer Charlotte Roche in den letzten Wochen in den Talkshows beobachtet hat, konnte sehen, wie geschickt sie mit diesen beiden Bällen jongliert. Mal sagt sie, dass sie schließlich nicht Elizabeth Kiehl sei, das sei eine Romanfigur. Dann wieder spricht sie über „Schoßgebete“ wie über eine Autobiografie. Sie nimmt es, wie es gerade passt. Sie schützt sich. Das Buch ist sehr intim, voller Pathos, schonungslos in seiner Selbstentblößung, es ist einerseits ein Riesentherapiegespräch, sie musste das erzählen, sagt sie, weil sie sonst verrückt wird. Andererseits hat sie es aus Trotz geschrieben. Nach „Feuchtgebiete“ sagten viele, dass sie garantiert kein zweites Buch zustande kriegt, sie sei ein One-Hit-Wonder.

Sie gibt alles zu. Diese Dinge, die Leute gern verschweigen – dass sie Exhibitionistin ist, dass sie magersüchtig war und hart getrunken hat, einfach alles. Da ist vermutlich nichts mehr, womit ihr „Bild“ oder sonst jemand drohen könnte. Sie gibt alles zu, aber sie hat es wenigstens selbst unter Kontrolle. Die Weltsicht von „Schoßgebete“ ist nicht weit entfernt von der Weltsicht des französischen Autors Michel Houellebecq. Wie Houellebecq hat Roche unter der Trennung der Eltern und der Libertinage der Mutter gelitten, vier Ehen, sechs Kinder von verschiedenen Vätern, zwölf Umzüge. „Ich habe nur vorgelebt bekommen, wie Verlassen geht“, hat Roche einmal gesagt. Allerdings hasst Houellebecq seine Mutter, die ihn verlassen hat, um sich selbst zu verwirklichen. Roche hasst nicht. Sie ist weniger hart, weniger entschieden. Houellebecq schreibt über eine Gesellschaft, die er verachtet, Roche schreibt über eine Frau, die leidet.

In Bremen erzählt Charlotte Roche, auf Nachfrage, dass sie, auf Wunsch des Verlages, das Ende drei Mal umgeschrieben hat. Roman-Enden seien nicht ihre Stärke. Wenn der Fragesteller es wolle, könne sie ihm die verworfenen Enden gern schicken. Er soll das Zeug bloß nicht ins Netz stellen. Die Menschen in Bremen interessiert aber etwas für sie Naheliegenderes. Sie fragen nach der Talkshow „3 nach 9“, die aus Bremen kommt. Roche war als Moderatorin die Nachfolgerin von Amélie Fried und hat den Job nach ein paar Sendungen hingeschmissen. Sie sagt, dass die Leute von Radio Bremen es nicht mochten, wenn man im Fernsehen ihre Tätowierungen sah. Sie sollte sich anziehen und frisieren wie Amélie Fried, am liebsten hätten die Leute vom Sender es gesehen, wenn sie ihre Brüste operieren lässt, damit die auch genau so aussehen wie bei Amélie Fried. Da hätte sie Migräne bekommen vor schlechter Laune, sagt Roche, und mit Migräne kann sie nicht moderieren.

Ein anderer Zuhörer fragt, ob sie jetzt etwa nicht Geld verdiene mithilfe des Unfalls ihrer Brüder, da steht ein Vorwurf im Raum. Charlotte Roche sagt, dass man unmöglich etwas Gutes schreiben kann, um Geld zu verdienen. Das gehe nicht. Abgesehen davon ist sie gern reich und gibt es zu. Zur „Bild“-Zeitung sagt sie, dass sie Angst vor denen hat, sie denkt immer, dass die sich an ihr rächen wollen. Ihre Tochter darf das Buch natürlich erst lesen, wenn sie erwachsen ist.

Sie macht aus jeder Frage eine kleine Comedy-Nummer, manchmal äfft sie die Fragesteller nach, aber nicht bösartig. Nach genau 90 Minuten ist, ziemlich überraschend, Schluss. Sie hat, wie viele Showmenschen, eine perfekte innere Uhr, und geht dann sofort ab, Richtung Signiertisch. Sie kann zwischen scheinbar völlig entspannter Natürlichkeit und kühler Professionalität ansatzlos umschalten.

Im Grunde steht Charlotte Roche jetzt neben Loriot und neben Helmut Schmidt. Fast jeder, außer den „Bild“-Leuten, mag und respektiert sie. Sie ist Konsens, bis auf Weiteres, und das hat sie unter anderem mit der Beschreibung eines O und eines A geschafft. Möglicherweise sei das Buch ja doch klüger als die Autorin, hieß es in der „Frankfurter Allgemeinen“. Irgendwas, so der Unterton, kann an dieser unglaublichen Charlotte-Roche-Geschichte nicht stimmen, von der Schulabbrecherin über die Musikmoderatorin zur Großliteratin im Feuilleton. Kann sein, dass sie nur Bücher über sich selbst und ihr Leben schreiben kann – na und? Viele Autoren tun das. Das Ganze ist einfach so eine Art Märchen, wenn auch kein jugendfreies.

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