SCHREIB Waren : Luhmann in der Lindenstraße

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„Echte falsche Pracht“ – nein, hier geht es nicht um den allgegenwärtigen Weihnachtsschmuck, dieser schön ironische Buchtitel ziert die „Kleinen Schriften“ von Erhard Schütz, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin. Auch den Lesern dieser Zeitung dürfte der Name bekannt sein, versammelt dieser Band doch ausgewählte journalistische Arbeiten des Autors, mit denen dieser seit vier Jahrzehnten das Feuilleton bereichert. Anlässlich seines 65. Geburtstages taten sich jüngst Verehrer und Verbrecher zusammen und legten dem ahnungslosen Jubilar nahe, das Best of Schütz doch bitte mal gebündelt zu publizieren. Und hier gleich schon mal eine Auswahl der Texte! Schütz at his best ist nun im Verbrecherverlag erschienen und bietet ein überbordendes Füllhorn von Rezensionen, Porträts, Polemiken und Essays, in dem sich scharfsinnige Beobachtungen, literarische Verortungen und kulturgeschichtliche Erkundungen aufs Eleganteste verbinden. Wer wollte nicht immer schon wissen, was es mit den Poesieälblern, Gebetsmüllern und Witzewagnern der jungen Internetliteratur auf sich hat? Oder wie sich die Kindercowboys von den Unscheinbarkeitsdandys des Feuilletons unterscheiden? Und ob man die „Lindenstraße“ wirklich mit Luhmann erklären muss? Antworten auf diese und andere Fragen erhält man am heutigen Dienstag um 20.30 Uhr im Monarch (Skalitzer Str. 134), wo Erhard Schütz liest.

Auch der Donnerstag gehört den Wissenschaftlern, bietet der von Tobias Becker, Anna Littmann und Johanna Niedbalski herausgegebene Sammelband „Die tausend Freuden der Metropole“ doch eine schöne Ergänzung zu Schütz’ Arbeiten, die sich immer wieder dem Thema „Berlin im Buch“ zuwenden. Im Mittelpunkt des Bandes steht die „Vergnügungskultur um 1900“ in Berlin, die sich bereits in den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende entfaltete. Mit ihren Studien wollen die an der Freien Universität arbeitenden Historiker die Vorstellung widerlegen, dass Berlin erst in den Roaring Twenties zur Unterhaltungsmetropole wurde. Historische Dokumente belegen indes, dass sich die Strukturen der modernen Vergnügungskultur schon in den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende bildeten. Denn im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte sich die Einwohnerzahl Berlins verdoppelt, die rasant wachsende Stadt etablierte sich als europäische Metropole.

Die häufig vom Lande Zugezogenen suchten und fanden neue Formen der Zerstreuung: Theater und Mode, Lasterhöhlen und Kiezfeiern, Alpenbälle und Musikautomaten – jeder amüsierte sich nach seiner Façon und wurde so en passant ins urbane Leben integriert. Mehr darüber erfahren, wie sich Bolle an Pfingsten und anderen Tagen verlustierte, kann man im Werkstattgepräch um 18.15 Uhr in der Staatsbibliothek (Haus Potsdamer Straße, Potsdamer Str. 33), wo die Herausgeber im Gespräch mit dem Journalisten Nikolaus Bernau ihren Band präsentieren. Die wissenschaftliche Erkenntnis der Woche muss jedenfalls lauten: Der Berliner ist, wie er im Buche steht – immer rin ins Amüsemang!

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