Schriftsteller : Peter Handke - Der Wortschmecker

Faszinosum Peter Handke: Malte Herwigs Biografie und neue Texte zwischen Charisma und Hybris.

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Vom Popstar zum Priester. Der Schriftsteller Peter Handke im Jahr 1971. Foto: Ullstein Bild
Vom Popstar zum Priester. Der Schriftsteller Peter Handke im Jahr 1971. Foto: Ullstein BildFoto: ullstein bild

Wahrscheinlich verfügt jeder bedeutende Schriftsteller über eine spezielle Empfindlichkeit, die sein Schreiben mehr als jede andere auszeichnet. Er ist Akustiker oder Visionär, Wortschmecker, Libido- oder Zerebralartist und obwohl kein Wahrnehmungsmodus für sich allein bestehen kann, gibt es klare Ausprägungen.

Peter Handke, der als passionierter Wanderer getrost auch seine Füße als Sinnesorgan in Betracht ziehen könnte, hat für sich jedenfalls eine Antwort gefunden. „Wo ist dein Beruf angesiedelt?“ – „In den Augenwinkeln“. So lautet eines von rund 600 noch bettwarmen Kurznotaten, die er in dem Band „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ jeweils beim Aufwachen festgehalten hat. Eingebungen zwischen letzten Traumnebeln und aufsteigendem Bewusstsein, darunter poetische Leuchtraketen, ein paar komische Knallfrösche, aber auch jede Menge Blindgänger – und eben diese treffende Selbsteinschätzung. Denn Handke betrachtet Dinge tatsächlich lieber eher von der Seite und den oft besungenen Rändern her und erfasst dennoch oft Wesentliches. Und noch in den taghellsten Beobachtungen seiner epischen Versuche, Schauen und Schrift in Einklang zu bringen, sitzt ein Sandkorn aus den Regionen des Schlafs.

Es mag ihm auch manchmal den Blick trüben für die Klarheit seiner Sätze, deren einstige Präzision eine selbstherrliche Weitschweifigkeit angenommen hat, die selbst erfahrene Handke-Leser an Romanmonstren wie dem „Bildverlust“ (2002) irritiert. Nicht wenige sehen sich als Opfer einer enttäuschten Liebe und kehren trotzdem immer wieder zu Handke zurück. Sie haben einfach noch nicht aufgegeben, weil sich auch in einem so unkonzentrierten Wundertütenbuch wie den Notizen aus der morgendlichen Dämmerung Spuren jenes Zaubers finden, der von „Wunschloses Unglück“ (1972), seinem grandiosen Buch über Leben und Selbstmord der Mutter, mindestens bis zu seiner Slowenien-Expedition „Die Wiederholung“ (1989) wirkte.

Peter Handke verkörpert, mit der ihm eigenen Ernsthaftigkeit und Besessenheit, wie kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller die Idee einer literarischen Existenz, die um die Aufhebung der Gegensätze von Kunst und Leben ringt. Oder, wie es Malte Herwig in seiner am morgigen Dienstag erscheinenden Biografie „Meister der Dämmerung“ formuliert: „Das Verhältnis von Leben und Werk bei Peter Handke: erotischer Realismus – die Kunst begehrt das Leben.“

Herwigs größtes Verdienst ist es, dass er diese Idee sowohl in ihrem Gelingen wie in ihrem Scheitern schildert und das Faszinosum Handke so lebendig werden lässt, wie es dessen jüngste Bücher gar nicht mehr vermögen. Er erspart dem literarischen Fürsten eines mystischen Friedens kein kritisches Wort, das nicht auch von Handkes Jähzorn, seinen Beleidigungsorgien und seinen buchstäblich auf Vernichtung von Gegnern bedachten Ausfällen berichten würde: „Gnade und Gunst gibt es an Handkes Hof, aber auch Verbannung und Todesurteile.“ Herwig verschweigt nicht einmal, dass Handke gern mal die Hand oder der Fuß ausrutscht und auch Frauen Blessuren davontragen können.

Dabei ist es bezeichnend, dass vor allem die unnachgiebig gerichteteten und mitunter gezüchtigten Freunde sich Handkes Urteil klaglos beugen. Der Verleger Hubert Burda ist nicht allein, wenn er gesteht: „Ich habe sicher unendlich viel von ihm auf die Birne bekommen, aber ich bin dadurch ein anderer geworden. Ohne Handke wäre ich nicht der, der ich bin. Ich habe das alles ausgehalten, weil er mich geformt hat. Er hat mich geprägt und mir Konturen gegeben.“

„Meister der Dämmerung“ ist das Porträt eines Dr. Jekyll und Mr. Hyde, das sich, bei aller erklärten Sympathie, keineswegs mit seinem Gegenstand gemein macht. Das Vertrauen, auf das Herwig angewiesen war (Handke hat Herwig großzügig Auskunft gegeben und private Korrespondenz zur Verfügung gestellt), hat unter Anhörung aller beteiligten Parteien nicht zu fehlender Distanz geführt. Ein weiterer, durchaus nicht selbstverständlicher Vorzug dieses eminent lesbaren Buches besteht darin, dass es in einem angenehm unhandkeschen Ton geschrieben ist. Herwig, lange Jahre „Spiegel“-Redakteur, steht eher in Gefahr, dem Galopp seines im historischen Präsens gehaltenen, forciert journalistischen Kurzsatzstils zu erliegen. Der enzyklopädische Anspruch, mit dem er Handkes Weg vom Jungen aus Griffen in der Kärntner Provinz, wo er am Nikolaustag des Jahres 1942 geboren wurde, über den Popstar bis zum Kunsteremiten bei Paris nachzeichnet, macht den Band überdies zu einer wertvollen Pionierarbeit. Sie kann zwar auf eine Reihe von Gesprächs- und Essaybänden zurückgreifen. Herwig aber wertet erstmals den Vorlass des Schriftstellers im Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Österreichischen Literaturarchiv in Wien aus, bis hin zu privatesten Bekenntnissen.

Apologetischer geht Herwig mit der Literatur um. In ihr sieht er – nach den frühen Experimenten der „Hornissen“ und der „Publikumsbeschimpfung“ (beide 1966) – eine Kontinuität am Werk, die allenfalls motivisch einer näheren Betrachtung standhält. Herwigs Chronik der laufenden Ereignisse, die zugleich zu bündeln versucht, was sich an Vaterproblematik (Hass auf den Ziehvater und Suche nach dem leiblichen) oder störrischer Identifikation mit Serbien bündeln lässt, macht zwar unmittelbar plausibel, wie Handke über die Jahrzehnte Lebensstoff konsequent in Erzählstoff verwandelte: Eindrucksvoll zeigt er etwa, wie der an der Ostfront ums Leben gekommene Onkel Gregor Siutz viele Gregors heraufbeschwor, bis hin zur jüngsten dramatischen Prosa „Immer noch Sturm“.

Die Methode, Handkes Werk zur Ausleuchtung des Lebens heranzuziehen, wobei auch die Ehe mit Libgart Schwarz oder die Beziehung zu Marie Colbin mit Erzählpassagen illustriert werden, hat indes zur Folge, dass Herwig Veränderungen des literarischen Tons gar nicht angemessen würdigen kann. Handkes dramatisches Gedicht „Über die Dörfer“ mag, was den Plot betrifft, einen Erbstreit der Geschwister Handke bis in die Einzelheiten abbilden. Wie provokant aber das prophetische Pathos war, mit dem Handke es 1981 überwölbte und von da an regelmäßig einsetzte, darf man nicht vergessen. Herwig verteidigt selbst die hochfahrendsten Sätze mit der Bemerkung, dass sie ein „gefundenes Fressen für zynische Zeilenschinder“ gewesen seien, um an anderer Stelle zu behaupten, dass sich Handkes Bücher einer „unprätentiösen, oft nur in Details sich von der im Alltag gebräuchlichen abhebende Sprache“ bedienten. Das ist nicht erst für den Handke der letzten zehn Jahre ein Missverständnis.

Herwigs Vorgehen zeitigt auch sonst mitunter absurde Konsequenzen. Wenn er Handkes Weg von „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994), wohl nur für den Biografen einer der „literarischen Höhepunkte des 20. Jahrhunderts“, bis zur „Winterlichen Reise – Gerechtigkeit für Serbien“ (1996) nachzeichnet, heißt es: „Den Zerfall Jugoslawiens erlebt Handke auf zahlreichen Balkanreisen persönlich mit, während zur gleichen Zeit seine Ehe mit Sophie Semin zerbricht.“ Er gibt ihr in der „Niemandsbucht“ den fiktionalen Laufpass, bevor sie ihn im Leben erfährt. Man muss annehmen, dass der egozentrische Handke Ereignisse so unterschiedlicher Sphären umstandslos auf sich selbst beziehen und vermengen kann. Ein Biograf tut gut daran, sie auseinander zu halten.

Von solchen Einschränkungen abgesehen, zeichnet Herwig ein Stück deutschsprachiger Literatur- und Mentalitätsgeschichte nach, das weit über seinen unmittelbaren Gegenstand hinausgeht: historisch instruktiv und im Blick auf Charisma wie Verblendung eines Mannes, der nicht nur wegen seiner Audienz beim serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžik (Tagesspiegel vom 30. 10.) die Wahrheit bis heute jenseits der Historie sucht.

„Was soll mir die Heimat – die Sonne tut’s auch“, lautet eine weitere Notiz im „Jahr aus der Nacht gesprochen“. Nach der Lektüre von „Meister der Dämmerung“ weiß man, dass das sowohl zur Haltung eines dichtenden Sonnenkönigs wie eines Diogenes in der Tonne gehört.

Malte Herwig: Meister der Dämmerung. Peter Handke. Eine Biografie. DVA, München 2010. 364 Seiten, 22,99 €.

Peter Handke: Ein Jahr aus der Nacht gesprochen. Jung und Jung, Salzburg 2010. 216 Seiten, 20 €.

Peter Handke: Immer noch Sturm. Suhrkamp, Berlin 2010. 166 Seiten, 15,90 €.

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