Schriftsteller warnt vor Iran-Krieg : Der lyrische Präventivschlag des Günter Grass

Literaturnobelpreisträger Günter Grass treibt die Angst um, Israel könne den Iran angreifen und "auslöschen" - mit Hilfe deutscher U-Boote. Dagegen hat er ein Prosagedicht verfasst, einen Appell für den Frieden. Doch der wird Streit hervorrufen.

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Günter Grass mit Pfeife.Weitere Bilder anzeigen
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13.04.2015 12:04Geschichtenerzähler, Mahner und politischer Provokateur: Günter Grass hat in Deutschland viele Rollen ausgefüllt. Seine Romane...

Er hat die öffentliche Auseinandersetzung nie gescheut. Nein, Günter Grass sucht sie auch, und sie findet ihn. Allemal. Denn der heute in seinem Landsitz bei Lübeck schreibende, malende, bildhauernde Literaturnobelpreisträger, der im Herbst 85 Jahre alt wird, ist einer der letzten großen Vertreter jener zeitpolitisch eingreifenden, eingreifen wollenden Littérature engagée – in der Tradition eines Ludwig Börne und Heinrich Heine, eines Bert Brecht oder Jean-Paul Sartre.

Jetzt interveniert er wieder. In einem am Mittwoch von der "Süddeutschen Zeitung", aber auch in internationalen Blättern wie "la Repubblica" in Italien und vor allem in der "New York Times" erscheinenden, knapp zweieinhalb Typoskriptseiten langen Prosagedicht meldet sich Günter Grass im Streit um das iranische Atomprogramm zu Wort. Unter dem Titel "Was gesagt werden muss" will Grass auch in die Diskussion eingreifen über das geheime, keiner "Kontrolle und keiner Prüfung" zugängliche israelische Nuklearpotenzial; er wendet sich gegen einen möglichen Präventivschlag und die angekündigte Lieferung eines deutschen U-Boots an Israel. Eines U-Boots, "dessen Spezialität / darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe / dorthin lenken zu können, wo die Existenz / einer einzigen Atombombe unbewiesen ist".

Grass treibt die brennende Sorge um. Es geht ihm erst um "Planspiele", an "deren Ende als Überlebende / wir allenfalls Fußnoten sind", dann um "das behauptete Recht auf den Erstschlag", der das "iranische Volk auslöschen könnte". Seine Warnung kommt dabei fast zeitgleich mit einer halbseitigen Anzeige, die am vergangenen Samstag auch in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht wurde. Darin wird gleichfalls das "iranische Volk" genannt, das zwar in seiner Mehrheit "weder einen Krieg noch iranische Atombomben" wolle, sich aber gegen "Israels Atomarsenal und die militärische Einkreisung durch die USA" wehre.

Die über 1500 Unterzeichner dieses Anzeigen-Appells fordern "den Präsidenten der Vereinigten Staaten" und die "deutsche Bundeskanzlerin" auf, alle "Sanktionen und Kriegsdrohungen" gegen den Iran "sofort zu beenden" und Teheran als Gegenleistung für kontrollierte Beschränkungen seines Nuklearprogramms "einen gegenseitigen Nichtangriffspakt, möglichst gemeinsam mit Israel" anzubieten.

Unterzeichnet haben den als "Erklärung aus der Friedensbewegung und Friedenforschung" bezeichneten Aufruf unter anderem die Autoren, Ex-TV-Moderatoren und Wissenschaftler Franz Alt, Elmar Altvater, Hans-Peter Dürr und Iring Fetscher. Von der iranischen Diktatur und der angedrohten Auslöschung des Staates Israels durch den Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadinedschad und Revolutionsführer Chamenei ist in der großen Anzeige indes nicht die Rede. Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik hat dies am Montag in der „Taz“ deshalb ein "dröhnendes Schweigen" und sehr "geschichtsvergessen" genannt.

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