Schriftstellerin Alina Herbing im Porträt : Wenn der Besamer kommt

Landfrust statt Landlust: Alina Herbing erzählt in ihrem Romandebüt „Niemand ist bei den Kälbern“ von den Schrecken der deutschen Provinz. Eine Begegnung.

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Landflüchtling. Alina Herbing, 32, lebt inzwischen in Berlin.
Landflüchtling. Alina Herbing, 32, lebt inzwischen in Berlin.Foto: Anikka Bauer

Warum schreiben? Um zu bleiben. Um Welten zu erschaffen, Wahrheiten zu erkennen. Doch warum von Fliegenfängern schreiben? Von Spaltenböden, Sterken, Trockenstehern und dem anstehenden Besuch des Besamers, um mal ein wenig das Fachvokabular der Milchviehhaltung zu umreißen, das Alina Herbing so beiläufig wie selbstverständlich in ihrem Roman „Niemand ist bei den Kälbern“ verwendet. Vielleicht einfach, weil es sie gibt? Nicht nur das, setzt die Schriftstellerin eins drauf: „Ich wollte, dass der Fliegenfänger in der Literatur vorkommt!“

Zumindest das hat sie mit ihrem bemerkenswerten Debüt schon mal erreicht. Vor dem geistigen Auge steigen mögliche Magisterarbeiten auf: „Der Fliegenfänger als Vanitas-Motiv im neuen deutschen Provinzroman“ oder „Der Fliegenfänger als literarischer Topos im Nach-Wenderoman“. Klebrig und schwarz von zappelnden Fliegen taugt der Plastikstreifen als Sinnbild für die ohnmächtige, in unbeeinflussbare Strukturen gepresste Kreatur.

Ich-Erzählerin Christin verbringt wie alle Viehhalter viel Zeit mit dem Betrachten und Auswechseln von Fliegenfängern. Was soll man auch sonst in einem Kaff in Nordwestmecklenburg tun, wenn man 20 ist, abgebrochene Friseuse, einen Säufer zum Vater hat und der Freund ein Milchbauer ist, dem Existenzsorgen die Stirn umwölken? Kirschlikör saufen, in der Gegend herumpoussieren und nach Kräften den heimischen Hof sabotieren. Das sind die Ausbruchsversuche, die der auf dem Milchviehhof nur widerwillig mitarbeitenden Christin einfallen.

Herbing teilte die Stadtsehnsucht ihrer Romanheldin

Kurios, dass man es mit so einer gänzlich unromantischen Anti-Idylle auf die lifestylige „Heiter bis glücklich“-Seite des „Zeit Magazins“ schafft. Dort wird Herbings raffiniert schmucklose, heiß-kalte Prosa mit dem Satz „Ich habe versucht, mir Büros vorzustellen, Strände und Cafés mit Tulpen auf den Tischen, aber überall sind nur Felder, bis an den Horizont“ zitiert. „Ach ja?“, Alina Herbing schaut fragend. Das hat sie ja noch gar nicht mitbekommen. Allerdings hat die Stadtsehnsucht ihrer Romanheldin, die aus dieser Landminiatur spricht, auch sie selbst aus dem unweit von Lübeck gelegenen Flecken Schlagsülsdorf nach Berlin verschlagen. Über Zwischenstationen wie ein Studium der Germanistik und Geschichte in Greifswald und eins des Literarischen Schreibens in Hildesheim.

So von wonniger Frühlingssonne beschienen, sieht der Breslauer Platz in Friedenau geradezu dörflich aus. Krokusse sprießen, ein Leierkastenmann dreht schwungvoll die Kurbel, „Mausis Fischhandel“ bietet Sprotten feil. Alina Herbings Perlenohrringe passen gut hierhin. Sie ist 32, munter und hat die dörfliche Sozialisation, die ihre ursprünglich aus Berlin stammenden Akademikereltern ihr und den Geschwistern angedeihen ließen, offensichtlich gut überstanden. Bis Januar verdiente sie ihr Geld mit Integrationskursen für Frauen, denen sie Deutsch beibrachte. Jetzt sieht es so aus, als könnte sie mit Schreibstipendien und Leseterminen über die Runden kommen.

Ihr Roman thematisiert Gewalt und Rassismus auf dem Land

Ihre Landschwärmer-Eltern zogen Anfang der Neunziger ins ehemalige DDR-Grenzgebiet, schafften sich Tiere und sogar einen Trabi an, um bloß nicht als hochnäsige Wessis zu gelten. Die Authentizität, mit der Herbing von der Nachwende-Generation, dem selbstverständlichen Rassismus, dem Alkoholismus, dem Festklammern der Männer an tradierten Geschlechterrollen und der dröhnenden Perspektivlosigkeit erzählt, hat sie im Alltag erworben. „Klar habe ich auf Dorffesten auch mal mit Neonazis rumgehangen“, erzählt sie, „die waren Teil der Freundescliquen.“ Als kleine Blonde, die alle im Dorf kannten, konnte sie anstandslos politische Debatten mit den Jungs führen. Passiert ist ihr nichts. „Da haben andere, die als links galten, anderes erlebt.“

In ihrem Roman verhandelt sie die politischen wie sozialen Verwerfungen so dezent, dass sich daraus ein latent bedrohlicher Subtext ergibt. Nur die Rohheit wird gelegentlich auch als solche offenbar, gleich auf der ersten Buchseite, als Christins Freund beim Mähen versehentlich ein Rehkitz zerhäckselt, während sie perplex bei ihm auf dem Trecker sitzt. „Jan stellt den Motor ab. Ich höre mich atmen, und irgendwo im Trecker knackt es noch. Ich kann kein Wort sagen, will die Stille nicht gleich wieder kaputtmachen. Ich stelle mir vor, dass überall Blut klebt. Gedärme verfangen sich in den Klingen.“ Die Gewalt, der Christin selbst ausgesetzt ist, zeigt sich im letzten Romandrittel in einem lapidaren Satz. Da geht sie aus Langeweile mit dem Windkrafttechniker Klaus fremd. Als der ihr beim Sex eine klebt, denkt sie nur: „Abgesehen von Jan und meinem Vater hat mich noch jemand geschlagen.“

Sie wollte aus der Sicht der Menschen erzählen, die auf dem Land leben und bleiben

Sie habe auf dem Dorf viele Sachen erlebt, die sie in der Literatur vermisse, sagt Herbing. Auch in dem, was man Heimatroman oder Provinzroman nennt. „Da herrscht eher die Perspektive vor, einer geht auf’s Land und schaut sich das mal an.“ Sie dagegen wolle die Lebenssicht der Menschen erzählen, die dort leben und da bleiben. Auch wenn Christin, die für eine Bäuerin viel zu sehr auf Schminke und Klamotten steht, sich als Ausbrecherin entpuppt. Da lässt sie sich von den nicht flugfähigen, aber frei lebenden Nandus inspirieren. Die exotischen Einwanderer sind vor knapp 20 Jahren von einer Farm ausgebüchst und bevölkern nun fröhlich Meck-Pomm. Für Christin sind sie Sehnsuchtsvögel.

Eine Frage darf bei einem Buch mit dem Titel „Niemand ist bei den Kälbern“ nicht fehlen. Alina Herbing ahnt schon welche. „Ich habe nicht auf die aktuelle Milchkrise spekuliert!“ Die sei vor vier Jahren, als sie mit dem Schreiben begonnen hat, noch gar nicht akut gewesen. In Schlagsülsdorf war der Nachbar Milchbauer und nicht Schweinezüchter. Also hat sie ihr stimmig eingesetztes Fachwissen schon in Kindertagen frei Haus bekommen.

Sterken, das sind übrigens Färsen, also Jungrinder, die noch nicht gekalbt haben. Trockensteher heißen Milchkühe, die zwischen zwei Kälbern einige Wochen lang nicht gemolken werden. In Kuhställen mit Spaltenböden kann der Kot direkt durchfallen. Und Besamer ist der Mann, der Bullensperma auf Pipetten zieht und damit die Kühe befruchtet. Ein ganz und gar unerotischer Beruf, der – Alina Herbing sei Dank – trotzdem Literatur werden kann.

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern. Roman. Arche, 256 Seiten, 20 €.

Die Autorin liest am 29.3., 19.30 Uhr, in der Nicolaischen Buchhandlung, Rheinstraße 65, Berlin-Friedenau.

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