Kultur : Schwarzerdegeister

Sabrina Janesch erzählt in „Katzenberge“ von deutsch-polnischen Traumata

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Spurenleserin. Sabrina Janesch. Foto: Manuela Schlösser
Spurenleserin. Sabrina Janesch. Foto: Manuela Schlösser

Es dauert gemeinhin zwei oder drei Generationen, bis traumatisch erlebte Geschichtsereignisse dem Verdrängen entrissen werden können. Es muss sich, wie der Soziologe Maurice Halbwachs behauptet, erst ein sozialer „Gedächtnisrahmen“ bilden, den eine von der unmittelbaren Erfahrung unbelastetete Generation bearbeiten kann. Vielleicht finden deshalb Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung oder die kriegsbedingten Wanderungsbewegungen in Ostmitteleuropa zunehmend Eingang in die jüngere deutschsprachige Literatur. Im Unterschied zu der aussterbenden Generation, die sich mit dem Aufreißen alter Wunden auch dem Verdacht der Relativierung ausgesetzt hat, suchen die Nachgeborenen nach einem Modus, der die überdeterminierten Landschaften und Daten aus ihren geschichtspolitischen Überschreibungen löst.

„Katzenberge“, das Debüt der 25-jährigen, im niedersächsischen Gifhorn geborenen und in Cottbus lebenden Sabrina Janesch, ist ein Beispiel dafür. Ihr Roman führt in zwei solcher historisch markierten Landstriche, die eine Gedächtnisnaht in der Erinnerung der Völker bilden: in das ehemals deutsche Niederschlesien und nach Galizien, das nach dem Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion fiel und heute zur Ukraine gehört. Bestimmend für beide ist, dass ein Teil der angestammten Bevölkerung nach Westen vertrieben wurde, wobei die polnische Austreibung aus Galizien von Pogromen begleitet war.

Die in eine flüchtige Rahmenerzählung gebettete Geschichte umfasst zum einen die Reise der jungen Journalistin Nele Leibert nach Schlesien zur Beerdigung ihres geliebten Großvaters Djado; zum anderen die Geschichte des Stanislaw Janetzko, der bei Kriegsende mit seiner Familie aus seinem galizischen Dorf fliehen muss und sich über Umwege in der niederschlesischen Provinz ansiedelt. Wie Janesch, die in Krakau Polonistik studierte, hat auch Nele einen deutsch-polnischen Hintergrund und fühlt sich zwischen den beiden Herkünften zerrissen. Ihre Mutter gibt ihr den Rat, nach Galizien zu reisen, weil hier in Schlesien „höchstens die Hälfte“ ihres Großvaters zu finden sei. Alternierend rollen die Episoden ab: Die junge Frau macht sich gegen den Widerstand ihrer schlesischen Verwandtschaft auf ins ehemalige Ostpolen; Janetzko aus dem Off wiederum erzählt retrospektiv von der Ankunft in Schlesien und verfolgt den Fluchtweg zurück ins einstige Zdzary Wielkie, später Zastavne, seinen Geburtsort.

In Spannung gehalten wird die Reisegeschichte durch ein Familiengeheimnis. Der Kern der Erzählung aber kreist um die Inbesitznahme Schlesiens: Die Deutschen sind geflüchtet oder haben sich umgebracht. Die Verschiebung der polnischen Westgrenze verspricht zwar eine neue Existenz, doch zugleich treibt ein Schuldgefühl, sich „wie ein Kuckuck“ in ein fremdes Nest zu setzen, die neue Dorfgemeinschaft um. Angst und Aberglaube haben diese Menschen aus der Provinz Polens in den Westen begleitet.

Er möge die Erde wieder auf ihren Platz zurückdrehen, wird Janetzko aufgefordert. Doch „man flüchtet immer westwärts, im Osten zerfällt die Welt in Staub und Asche“. In diesen von Djado erzählten Passagen gelingt es Janesch, eine vergessene Welt heraufzubeschwören. Das Haus, das in Ostpolen vom Ofen her nach außen gebaut wird, ist eines der Symbole für das Fremdheitsgefühl, das die Ankömmlinge überkommen haben muss. Der somnambule Zauber der alten Welt, die „Mittagsfrauen“ und Geister, die aus der galizischen Schwarzerde aufsteigen, sind nach Schlesien mitgewandert.

Es hätte genügt, diese atmosphärisch berückende Erinnerungslandschaft wirken zu lassen. Stattdessen füllt die Autorin den Gegenwartsstrang auf mit Ereignissen, die mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun haben. Diese Brüche – sie betreffen auch die kriselnde Beziehung zwischen Nele und ihrem Berliner Gefährten – und die mitunter lapidare Sprache mögen dazu geführt haben, dass sich Janesch beim diesjährigen Bachmann-Wettlesen nicht durchsetzen konnte. Dennoch bleibt „Katzenberge“ ein spannender Versuch, vergessene Geschichte ins kollektive Gedächtnis zurückzuholen.

Sabrina Janesch: Katzenberge. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2010. 277 S., 19,95 €.

– Am So, 21. 11., 17 Uhr, eröffnet Janesch mit Pascale Hugues u. Sigrid Löffler im Deutschen Theater den Lesemarathon „Stadt Land Buch“ in Berlin und Brandenburg. Info: www.berlinerbuchhandel.de

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