Schwule in Berlin : Ich liebe dich, Ernst Knuddelmann!

Zwei Berliner räumen mit einer leichten Komödie übers Schwulsein auf internationalen Festivals ab. Jetzt kommt ihr Film in die Kinos.

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Das Filmteam. Frank Christian Marx (l.) und Udo Lutz sind Hauptdarsteller und Produzenten von „Männer zum Knutschen“.
Das Filmteam. Frank Christian Marx (l.) und Udo Lutz sind Hauptdarsteller und Produzenten von „Männer zum Knutschen“.Foto: Paul Zinken

schwule,queer,marx,christian,lutz,udo,männer,zum,knutschen,rosenstolzWunder gibt es immer wieder. Man sollte einfach mehr auf Katja Ebstein hören. Da werden zwei bis dato einander völlig unbekannte Jungs als Hauptdarsteller für eine Filmkomödie gecastet, fangen mit der Low-Budget-Produktion an in Berlin zu drehen, verlieren auf halber Strecke den Geldgeber sowie den Regisseur, stellen ihre künstlerische Seelenverwandtschaft fest, werfen ihre Erbteile in einen Topf, finden einen neuen Regisseur, gründen ihre eigene Produktion, schaffen sich das nötige Handwerkszeug in Windeseile drauf, drehen den Film zu Ende, organisieren die Postproduktion, gewinnen den Musikdirektor des Friedrichstadt-Palastes für die Filmmusik und überzeugen die Band Rosenstolz, ihnen den Song „Blaue Flecken“ für das Happy End zu überlassen.

Die Firma trägt den Namen Ente Kross Film, die Komödie heißt „Männer zum Knutschen“, und Frank Christian Marx, 35, aus Prenzlauer Berg und Udo Lutz, 43, aus Friedrichshain sind Produzenten und Hauptdarsteller zugleich. Und wo bleibt das Wunder? Das geschah ab Februar in Übersee, wo die Komödie seit ihrer Premiere beim queeren Filmfestival im australischen Sydney einen Preis nach dem nächsten abräumte. Zum Beispiel in Honolulu, Bangalore, San Diego, Miami oder Calgary, von den vielen weiteren Festivalteilnahmen wie Mexiko-Stadt, Mumbai oder Boston und noch anstehenden Einladungen nach Jakarta oder Tokio mal abgesehen. Da fliegen die seit dem Dreh leider etwas abgebrannten Jungproduzenten nach der am Sonnabend im Kino International steigenden deutschen Premierenparty dann auch endlich mal mit vom Festival bezahlten Tickets und unterstützt vom Goethe-Institut hin.

„Wahnsinn, was sich für Dinge auftun, wenn ein Film woanders gut läuft – das ist wie ein Schneeballeffekt“, staunen die beiden Schwulen beim Treffen im Café „No Fire no Glory“ in Prenzlauer Berg.

87 queere Festivals haben sie weltweit gezählt. Große, öffentlich zelebrierte wie in den USA und kleine Underground-Veranstaltungen, die teils von der Polizei geschützt würden wie im indischen Bangalore, die teils aus Furcht vor Übergriffen noch nicht mal Spielorte veröffentlichen wie im indonesischen Jakarta, erzählt Marx. 30 davon haben sie angeschrieben, auf knapp 20 wurden sie bislang eingeladen. Darum bitten müssen sie nicht mehr, inzwischen fragt man die interkulturell einsetzbare Erstlingsproduktion von Ente Kross Film direkt an.

Das freut oder verblüfft, wenn man sich den Film anschaut. „Männer zum Knutschen“ ist nämlich alles andere als cineastisch anspruchsvolle Filmkunst, sondern eine jedes Klischee verulkende Genreposse nach dem Motto: „Heidewitzka, ist das Homo-Leben schön!“ – ganz besonders in Berlin, das in diversen Beautyshots in Szene gesetzt wird. Gerade amerikanische Schwule dächten ja, die Stadt sei ein finsterer Fetisch- Party-Moloch, erzählt Frank Christian Marx. Hier sehen sie nun eine romantische Beziehungskomödie, in der die verliebten Hauptfiguren Ernst Knuddelmann und Tobias Rückert Pingpong darum spielen, wer nackt die Wohnung putzen muss, im Luftballonkostüm Blumen gießen, kiffen, bis das Badezimmer dampft und im Glitzerfummel munter in den Nachtclub ziehen. Das macht in Übersee offensichtlich Eindruck. „Kritiker aus Kansas City und San Diego wollten gleich die Koffer packen und herziehen“, amüsiert sich Marx.

So wie die Filmfigur Uta, Ernsts Jugendfreundin, die aus Amerika zurückkommt und sich als sinistre Hexe entpuppt, die das Liebespaar auseinanderbringen will. Selbst die Killer-Guacamole, die die besorgten Freunde von Ernie und Tobias anrühren, überlebt sie. „Die Guacamole ist etwas over the top“, sagt Frank Christian Marx, der den unlängst in die Großstadt gezogenen braven Bankangestellten Ernst spielt. Und nicht nur die. Der tuckige Paradiesvogel Tobias, den Udo Lutz darstellt, und diverse Szenegrößen wie Ades Zabel, Nina Queer und Barbie Breakout lassen keinen Zweifel am Trash-Faktor des Films aufkommen.

Glaubt man dem ausgebildeten Schauspieler Marx und dem nebenbei noch als Logopäde arbeitenden Lutz, ist es genau diese Kombination aus echten Menschen, schrägen Karikaturen und Stadt, die die Jurys und das Publikum auf den Festivals überzeugt. Die Amis seien total überrascht, dass ein Film aus Deutschland kommt, der sich an keiner Schwulenproblematik wie HIV oder Coming-out-Nöten abarbeite, sagt Udo Lutz. Überall habe es geheißen: „Das ist nach ‚Der bewegte Mann’ die erste deutsche Feelgood-Komödie, die einfach nur albern und verblödelt ist.“ In der Tat hat das deutsche im Gegensatz zum internationalen Kino, wo es seit „La Cage aux Folles“ von 1978 immerhin gelegentlich Komödien wie „I love you Phillip Morris“, „Frühstück mit Scot“ oder „Priscilla – Königin der Wüste“ gibt, da nicht richtig was zu bieten.

Wenn’s nach den Jungs von Ente Kross geht, soll das in Zukunft anders werden. Lutz und Marx haben Großes vor. Sie wollen der deutschen Filmlandschaft etwas Neues hinzufügen. „Eine Selbstverständlichkeit von schwulen und lesbischen Geschichten, in denen es nicht wichtig ist, dass die Charaktere schwul sind, weil es ganz normal ist“, sagt Marx. Ein Filmstoff über lesbische Mütter in Prenzlauer Berg ist schon in der Entwicklung. Die nächste Produktion wird in Zusammenarbeit mit einer australischen Firma ab Oktober in Berlin und Australien gedreht. „Nancy Pansy Hairy Mary“ heißt der Film, der keine Beziehungskomödie, sondern ein Drama über Homophobie wird. Genauer über zwei Serienkiller, die homophobe Männer töten. Denn natürlich sind sich Lutz und Marx, der vor drei Jahren von seiner Schauspielagentur gefeuert wurde, weil er sich als schwul outete, der politischen Dimension ihres cineastischen Emanzipationsmodells bewusst. „Der neue Film wird krass“, verspricht Marx, sogar das Sundance-Filmfestival interessiere sich bereits. In Berlin wollen sie ihn natürlich auch herausbringen. „Am liebsten auf der Berlinale 2013.“ Das sollte doch zu machen sein: Wieland Speck, übernehmen Sie.

Deutsche Premiere: 1. September, 22 Uhr, Kino International, Karl-Marx-Allee 33. Kinostart: 6. September, Babylon Mitte und Xenon.

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