Schwules Museum : Wo, wenn nicht hier

Das Schwule Museum Berlin will eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Mit einem neuen inhaltlichen Konzept und dem Umzug vom Mehringdamm in die doppelt so großen Räume an der Lützowstraße könnte das gelingen

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Echte Kerle. In den neuen Räumen an der Lützowstraße sind jetzt auch Jochen Hass’ Fußballspieler zu entdecken.
Echte Kerle. In den neuen Räumen an der Lützowstraße sind jetzt auch Jochen Hass’ Fußballspieler zu entdecken.Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP

Flügel hätten die Mitarbeiter sicherlich auch gerne gehabt, als sie umgezogen sind mit dem Schwulen Museum vom Mehringdamm in Kreuzberg an die Lützowstraße in Tiergarten, mit ihrer Bibliothek, die mehr als 16000 Titel umfasst und einem Archiv, das so gewachsen ist in den letzten Jahren, dass alle Objekte aneinandergelegt vom einen zum anderen Ort reichen würden.

Flügel wie Zeus, der als Adler getarnt, den Jüngling Ganymed entführt, weil der so bildschön gewesen sein muss, dass sich der oberste Gott des Olymps in ihn verguckte und fortan als Mundschenk und Geliebten um sich haben wollte. Der Kupferstich mit dieser Szene aus der griechischen Mythologie ist das erste Bild, das der Besucher sieht, wenn er die Ausstellung „Transformation“ betritt. Mit ihr ist am Freitagabend, zum internationalen Tag gegen Homophobie, das Schwule Museum am neuen Standort eröffnet worden.

Der Titel der Schau, „Transformation“, bezieht sich nicht nur auf den Umzug, sondern auch auf eine inhaltliche Neuausrichtung. Gegründet 1986, hatte die Institution viele Jahre lang vor allem die schwule Emanzipationsbewegung im Blick (daher ihr Name). Seit einiger Zeit öffnet sich sie sich auch lesbischen und TransgenderThemen. Und der Fokus soll sich noch weiten. Hatte die Dauerstellung am alten Kreuzberger Standort vor allem vom Kampf gegen Diffamierung und um Rechte erzählt, geht es nun um eine Einschreibung in die Kulturgeschichte. Am Anfang stehen Zeus und Ganymed. Es folgen Postkarten von als Männer verkleideten Frauen, die in den 20er Jahren in Berliner Varietés auftraten oder das Porträt eines Mannes mit Armkettchen und Stiefeletten, dessen Darstellung seiner Familie so peinlich war, dass bis heute die Museumsleute seine Identität nicht feststellen konnten. Er ist einfach der „Literat W. K.“, gemalt von Herbert Rolf Schlegel.

„Wir wollen keine Minderheitengeschichten mehr erzählen“, erklärt Mitkuratorin Birgit Bosold. „Wir feiern die Menschen, die sich mit Witz und Eigensinn zwischen Anpassung und Widerstand Freiräume erschaffen haben.“ Freiheiten von Geschlechterrollen und Normen. Und das betrifft genau genommen alle Menschen. Jeder wird von Geburt an in männlich und weiblich eingeteilt, entsprechend erzogen, angezogen. Das Museum will eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Die Zeiten sind wirklich reif dafür, in denen Deutschland über den „Neuen Mann“, Sexismus, Betreuungsgeld, Frauen-Quote diskutiert.

Mit dem Weggang des Museums und auch des traditionsreichen SchwuZ, das im Spätsommer in der ehemaligen Kindl-Brauerei im Neuköllner Rollbergkiez einzieht, wird sich der Mehringdamm verändern. Abschiedsschmerz? Nein, der sei verflogen, sagt Carsten Wiewiorra vom Museumsvorstand. „Die Situation in dem Hinterhaus war am Ende untragbar.“ Es fehlten jegliche konservatorischen Standards für ein modernes Archiv und den Museumsbetrieb. Das Depot war weder klimatisiert noch lichtgeschützt und außerdem zu eng. Nun hat sich die Fläche von 900 Quadratmetern auf 1600 Quadratmeter fast verdoppelt. Die Lützowstraße ist im Gegensatz zum quirligen Mehringdamm zwar sehr verschlafen, aber der Standort hat dafür andere Vorteile, liegt er doch genau zwischen dem Kulturforum und dem Nollendorfplatz, dem Zentrum der schwul-lesbischen Szene und in direkter Nachbarschaft der neuen Galerienmeile Potsdamer Straße.

Das verwinkelte Hinterhofhaus am Mehringdamm 61, das 1988 bezogen wurde, hatte ohne Zweifel seinen Charme. Aber wie offen und einladend ist das neue Haus geworden – trotz des eher geringen Budgets von 650000 Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und von der Deutschen Klassenlotterie. Hineingeführt wird man über ein Foyer mit Kassentresen, cool und stylish in Schwarz und Weiß gehalten, als Sinnbild für künftige Pro- und Kontra-Debatten. Im hinteren Bereich ist ein kleines Café eingerichtet worden, dort soll außerdem zukünftig Platz für Veranstaltungen sein. Im Erdgeschoss sind vier lichtdurchflutete großzügige Räume für Ausstellungen gedacht, im ersten Stock befinden sich Archiv und Bibliothek, beide für Besucher offen. Die Toiletten sind – ein ironisches, innenarchitektonisches Detail – in einem pudrigen Baby-Rosa gekachelt.

Neben der spannenden Schau „Transformation“, die bis Ende 2014 bleiben soll, um dann von einer neu konzipierten Dauerausstellung abgelöst zu werden, entdeckt das Museum zur Eröffnung frühe Werke des DDR-Malers Jochen Hass. Überraschenderweise hat er bereits in den fünfziger Jahren seine Homosexualität zum Motiv gemacht. Zu sehen sind fast ausnahmslos Männer, nicht heroisch, auch wenn seine Fußballspieler kraftvolle, jugendliche Kerle mit knackigen Unterschenkeln sind, sondern eher in sich gekehrt. Vieles erinnert in Farbe und Strich an Picasso, und so hat Hass vom Großmeister auch die Harlekins übernommen. Immer wieder tauchen sie auf den Leinwänden auf, traurige Gesellen mit Rautenmustern und hinter Masken versteckt. Wie bei Picasso sind sie Sinnbild des Außenseiters. Zwar war die DDR zur Homosexualität liberaler eingestellt als zur gleichen Zeit die BRD, seine Kunst zeigte Jochen Hass dennoch nur Freunden und Vertrauten. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als Denkmalpfleger.

Unter dem Titel „Update“ thematisiert das Museum seinen Neuanfang mit zeitgenössischer Fotografie. Der Berliner Architekturfotograf Tobias Wille hat den Umzug dokumentiert und die in Noppenfolie eingepackten und gestapelten Gemälde eingefangen, wie auch die Staubflocken, die beim Ausräumen sichtbar wurden.

Vera Hofmann und Sabine Schründe haben die Mitarbeiter porträtiert. 30 engagieren sich ehrenamtlich für das Haus, ohne sie würde der Betrieb nicht laufen. Das Museum ist ein zivilgesellschaftliches Projekt. Erst seit 2010 bekommt es eine institutionelle Förderung vom Senat. Damit lassen sich die Miete und die wenigen Festangestellten bezahlen. Das Schwule Museum kann, das macht ein erster Rundgang klar, ein Ort des gesellschaftlichen Diskurses werden – und endlich die Beachtung als größte Institution ihrer Art weltweit bekommen, die sie verdient.

Lützowstraße 73, So, Mo, Mi –Fr 14 –18 Uhr, Sa 14 –19 Uhr, „Transformation“ bis Ende 2014, Jochen Hass bis 18. August, Update bis 2. Juni

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