Sci-Fi-Thriller „Transcendence“ : Das Netz bin ich

Johnny Depp als fremde Existenz im Netz: Wally Pfister versucht in seinem Regiedebüt "Transcendence" die virtuelle Revolution - und scheitert.

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Verblüffend retro: Wally Pfisters Sci-Fi-Thriller „Transcendence“. Foto: dpa
Verblüffend retro: Wally Pfisters Sci-Fi-Thriller „Transcendence“.Foto: dpa

Eine künstliche, empfindungs- und lernfähige Intelligenz, die über das gesamte Wissen des Internets verfügen und in Sekundenbruchteilen Entscheidungen von globaler Tragweite treffen kann – wie unendlich überlegen wäre sie uns nicht vernetzten Menschlein. Würde man einen digitalen Gott erschaffen, dem sich die Menschheit unterwerfen müsste?

Das sind die Fragen, die Will Caster (Johnny Depp) umtreiben. Mit seiner Frau Evelyn (Rebecca Hall) bildet er die Speerspitze einer Gruppe von Wissenschaftlern, die an diesem entscheidenden Schritt der virtuellen Evolution forscht. Doch fundamentalistische Technologiekritiker dünnen mit Attentaten die Forscherelite aus, auch Will siecht nach einem Attentat an einer Strahlenvergiftung dahin. Gegen jeden Rat versucht Evelyn, das Bewusstsein ihres sterbenden Mannes zu sichern und ins Netz hochzuladen.

Das Vorhaben gelingt, doch es bleiben Zweifel: Ist „Will“ er selbst oder eine fremde Existenz, die sich nur mit dem vertrauten, auf Bildschirme projizierten Gesicht von Johnny Depp maskiert? Mit Evelyn als ausführendem Organ richtet sich „Will“ in einem Wüstenkaff einen gewaltigen Hightech-Bunker ein, wo er abgeschirmt an seinem Schöpfungsplan arbeitet: Die örtlichen Arbeiter werden durch Operationen optimiert und Teil eines kontrollierbaren Kollektivbewusstseins, Umweltschäden werden durch Nanoteilchen repariert. Natürlich ruft das – unvermeidlich in einem amerikanischen Blockbuster – irgendwann Geheimdienste und Militär auf den Plan.

In seinem Regiedebüt "Transcendence" scheitert Wally Pfister an hochgesteckten Ansprüchen. Das Leitmotiv wird in vielen Facetten angerissen, mit zunehmender Dauer aber einer spekulativen, konventionellen Thrillerhandlung untergeordnet. Das unrealistische, sämtliche Prämissen ignorierende Finale ist ebenso enttäuschend wie die Tendenz, nicht rationales Verhalten vorzugsweise der weiblichen Hauptfigur zuzuordnen, die – „blind“ vor Liebe – alle Warnungen vor den Konsequenzen ihres Handelns ignoriert.

Pfister ist hauptberuflich Kameramann, am bekanntesten durch seine Arbeiten mit Christopher Nolan, aus dessen Stammpersonal er einige Nebendarsteller (Morgan Freeman, Cillian Murphy) rekrutieren konnte. Wer weiß, was dieser Regisseur verrätselter, in sich stimmiger Meisterwerke wie „Inception“ oder „Memento“ aus dem brisanten Thema gemacht hätte.
In 19 Berliner Kinos; OV im Cinestar Sony Center und im Rollberg

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