Scien-Fiction Thriller "Looper" : Joe gegen Joe

Das Science-Fiction-Genre ist - mit schlechten Drehbüchern und schwacher Besetzung - zuletzt ziemlich auf den Hund gekommen. Wie schön, wenn es auch anders geht. Rian Johnsons „Looper“ jedenfalls - mit Bruce Willis und Emily Blunt - geht ab.

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Wrrroooaaaammm mit Wumme. Um Schlüsselreize ist „Looper“ nicht verlegen.
Wrrroooaaaammm mit Wumme. Um Schlüsselreize ist „Looper“ nicht verlegen.Concorde Film

Zwei Männer, ein alter und ein deutlich jüngerer, sitzen sich in einem schäbigen Diner gegenüber. Beide heißen Joe, was kein Zufall ist: Sie sind ein und dieselbe Person. Wie das funktioniert? Nun, in „Looper“ geht es um Zeitreisen. Und da kann man schon mal sich selbst begegnen. Wobei es noch keinem der 223 Werke, die Wikipedia unter dem Schlagwort „Time Travel Films“ führt, gelungen sein dürfte, die paradoxen Kausalitäten von Zeitreisen plausibel zu erklären. „Looper“ macht hier keine Ausnahme.

Immerhin thematisiert der Film die Problematik, und zwar auf ebenso freche wie charmante Weise. Der jüngere Joe, gespielt von Joseph Gordon-Levitt („Inception“, „The Dark Knight Rises“), will beim unfreiwilligen Treffen mit seinem Alter Ego wissen, wie Zeitreisen funktionieren. In seiner Gegenwart im Jahr 2044 gibt es die entsprechende Technologie noch nicht. Der alte Joe (Bruce Willis in seinem zweiten Zeitreisefilm, nach Terry Gilliams’ „12 Monkeys“), 30 Jahre aus der Zukunft kommend, wo Zeitreisen möglich, aber verboten sind, winkt ab: Sie könnten genauso gut mit Streichhölzern Diagramme legen, ohne auch nur das Mindeste zu kapieren.

Vor allem aber haben sie Wichtigeres zu tun: Der junge Joe ist ein Auftragskiller, der für eine Verbrecherorganisation der Zukunft die Drecksarbeit macht. Mit einer primitiven Feuerwaffe wartet er auf sein per Zeitmaschine in die Vergangenheit geschicktes Opfer, erschießt und beseitigt es. Teil des lukrativen Deals ist allerdings, dass er irgendwann auch sein älteres Ich liquidieren muss, um jegliche Spuren zu seinen Auftraggebern zu verwischen. Doch der ältere Joe überrumpelt ihn und flüchtet. Welch grausame Strafe auf das Versagen bei diesem Auftrag steht, hat er bei seinem besten Freund Seth (Paul Dano) erlebt. Joe will sein älteres Ich selbst erledigen, doch die von seinem Mentor Abe (toll: Jeff Daniels als fusselbärtiger Syndikatsboss) ausgesandten Schergen sind ihm schon auf den Fersen.

Etwa bis zur Halbzeit ist „Looper“ ein labyrinthischer, düsterer Science-FictionThriller. Die titelgebenden Profikiller sind arrogante Schnösel, die sich durch ihren Mordsold (Silberbarren!) in die Sphäre der Reichen und Schönen einkaufen – allerdings nur bis zu einem gewissen Grad, denn in der Hierarchie des Verbrechens stehen sie weit unten. Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson, der mit seinem Teenie-Noir-Drama „Brick“ (2006) ein fulminantes Kinodebüt hatte, zeichnet ein pessimistisches Bild der 2040er Jahre: Der technologische Fortschritt kommt nur einer Elite zugute, der Rest plagt sich mit geflicktem Krempel vergangener Jahrzehnte herum (was das Filmbudget entlastet haben dürfte). Weite Teile der Städte wirken wie aufgegeben, in den Straßen vegetieren verwahrloste Massen. Ein staatlicher Apparat existiert kaum noch, nur einmal greift Polizei ins Geschehen ein – als Handlanger der Mafia.

Doch die aus unserer Gegenwart extrapolierte Dystopie ist nur die Folie, vor der sich bald ein existenzielles Drama entfaltet. Denn Joe Senior hat über den reinen Überlebenswillen hinausreichende Gründe, sich seiner Eliminierung zu entziehen: Er will den Lauf der Zukunft ändern. Um seine Pläne zu verhindern, nistet sich Joe Jr. bei der misstrauischen Sara ein, die mit ihrem Sohn auf einer abgelegenen Farm in Kansas lebt. Emily Blunt ist großartig als in ein Netz aus Verlangen und Schuld verstrickte Mutter, der kleine Pierce Gagnon geradezu gespenstisch gut in einer Kinderrolle, wie man sie in dieser Ambivalenz seit langem, vielleicht seit David Bennent als Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“, nicht mehr gesehen hat. Rian Johnson nimmt sich viel Zeit für die von seinem Kameramann Steve Yedlin in betörenden Bildern eingefangene Scheinidylle auf dem Land, die einen bewusst irreführenden Kontrapunkt zur urbanen Verkommenheit setzt.

„Looper“ ist ein faszinierender, bis zur letzten Minute spannender Hybrid zwischen Film Noir, Südstaaten-Movie und Zeitreisethriller, der verschiedenste Tempi und Stimmungen elegant ausbalanciert. Vor allem aber ist dies endlich mal wieder ein SF-Genrestück, zu dessen Gelingen ein originelles Drehbuch und ein brillantes Ensemble – Bruce Willis war lange nicht mehr, Joseph Gordon-Levitt überhaupt noch nie so gut wie hier – entscheidend beitragen. Und nicht das übliche Multimillionendollar-Budget, das sich dann doch nur in sinnentleerter Action (Hallo „Total Recall“) und teurem Production Design erfüllt. Dass der muntere Zeitebenenwirbel von „Looper“ einer wissenschaftlichen Prüfung womöglich nicht standhält – geschenkt. Deswegen geht man schließlich ins Kino und nicht in eine Physikvorlesung.

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