Screwball-Komödie „Broadway Therapy“ : Hiebe, Triebe, Liebe

Regie-Altmeister Peter Bogdanovich ist wieder da – mit seiner Hommage an die Screwball-Komödie: „Broadway Therapy“ mit Owen Wilson.

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Szene aus "Broadway Therapy".
Ertappt. Regisseur Arnold Albertson (Owen Wilson) bestellt sich im Hotel gern Escort-Girls aufs Zimmer. Izzy (Imogen Poots) will...Foto: Wildbunch

Regisseur:
Hereinspaziert! Dieser Film ist schnell, lustig und voll retro, meine Hommage an die Screwball Comedy aus dem Hollywood der 30er und 40er Jahre!

Zuschauer:
Hm. Muss ich da wahnsinnig viel drüber wissen, um meinen Spaß zu haben?

Regisseur:
Überhaupt nicht. Lassen Sie sich einfach drauf ein, auf diese Vorgeschichte einer turbulenten Broadway-Theaterproduktion. Eine echte Boulevard-Klamotte, sage ich Ihnen!

Zuschauer:
Aber amüsiere ich mich da nicht unter meinem Niveau?

Regisseur:
Eher neben, neben Ihrem Niveau, Sie lachen sich tot, und Sie merken es nicht mal. Diese Machos, die allesamt auf Callgirls stehen, die zickigen Ehefrauen, die neurotischen Psychotherapeutinnen ...

Zuschauer:
Moment, ist das eigentlich geschlechterrollenpolitisch korrekt?

Regisseur:
Unbedingt! Denn die Männer sind bei mir ja die ganz besonders Dusseligen. Hereinspaziert, hereinspaziert!

So oder ähnlich ließe sich der große, alte Peter Bogdanovich herbeiträumen, wie er dieser Tage vor den Kinos in New York oder Los Angeles seinen neuen Film anpreist, der dort unter dem Originaltitel „She's funny that way“ anläuft. Und ein paar Ausrufezeichen braucht es schon, um dem Publikum den heute 76-Jährigen in Erinnerung zu rufen, der seit Jahrzehnten in der Filmgeschichte verschwunden schien. Gut, zuletzt spielte er den Psychoanalytiker Elliot Kupferberg in den „Sopranos“, aber als Kino-Regisseur ist er, zumindest in Deutschland, seit 1994 nicht mehr hervorgetreten – seit „The Thing Called Love“ über die Liebesverwicklungen junger Country-Musiker in Nashville, immerhin mit River Phoenix und Sandra Bullock in den Hauptrollen.

Aber noch mal 20 Jahre früher! Das waren Peter Bogdanovichs großen Jahre als Three-Hit-Wonder! 1971 die wunderbar melancholische texanische Schwarzweiß-Provinzkaffgeschichte „The Last Picture Show“. 1973, ebenfalls in Schwarzweiß, das Roadmovie „Paper Moon“. Und dazwischen, knallbunt, „Is' was, Doc?“! Das war Bodganovichs erste und erfolgreiche Reanimation der superschnellen, schrillwitzigen Screwball Comedy, wie die Regie-Legenden Frank Capra, Ernst Lubitsch und Billy Wilder sie einst zu gemeinsamen Höhen getrieben hatten. Vier gleich aussehende Reisetaschen sehr verschiedenen Inhalts und verschiedener Besitzer werden im Hotel verwechselt, und schon nimmt ein total verrücktes Geschehen seinen Lauf – mit Ober-Ulknudel Barbra Streisand in der Hauptrolle!

Alles bloß Zitat, sagt Bogdanovich

Nun also ist er wieder da, Peter Bogdanovich, fast wie damals. Mit einer aberwitzig erfundenen, durchaus schlüpfrigen Geschichte, die sehr, sehr entfernt dann doch ein bisschen autobiografisch ist, aber davon später. Da gibt es den von Owen Wilson energisch verschusselt gespielten Broadway-Theaterregisseur und Familienvater Arnold Albertson, der sich zur Belebung einsamer Luxushotelnächte Callgirls aufs Zimmer bestellt. Und ihnen, nach käuflichem Sex offenbar chronisch karitativ, fünfstellige Dollarbeträge für das Versprechen zahlt, jobmäßig definitiv umzusatteln. Und da gibt es die hübsche Izzy Finkelstein (Imogen Poots): Die findet das Angebot nicht zuletzt deshalb cool, weil sie ohnehin gerade ins Schauspielfach wechseln will. Einen eleganten Namen dafür, Isabella Patterson, hat sie sich schon zugelegt und, passt doch, am nächsten Morgen einen Castingtermin. Allerdings ausgerechnet bei Arnold Albertson.

Außerdem am Start: Arnolds Kumpel Seth (Rhys Ifans), der zusammen mit Arnolds Ehefrau Delta (Kathryn Hahn) das Hauptrollenpaar in dem von Joshua (Will Forte) geschriebenen Stück „A Greek Evening“ spielen soll. Hinzu kommen Jane (Jennifer Aniston), Izzys Psychotherapeutin und zugleich Freundin Joshuas, sowie der in Izzy unheilbar verliebte Richter und Lustgreis mit Pseudonym Dr. Dolittle (Austin Pendleton) sowie ein von ihm auf Izzy angesetzter Privatdetektiv (George Morfogen), letzterer auch noch der Vater Joshuas. Soweit alles unklar? Beste Voraussetzungen also für das auf kompakte 93 Minuten komprimierte Spiel um Lug und Betrug, um Vomstuhlfallen und Vomstuhlstoßen, um Eheszenen, um Ohrfeigen und sonstige Hiebe, Triebe und Liebe – in dieser Reihenfolge. Um wenn’s in jeder Hinsicht richtig zwerchfellerschütternd schlimm kommen soll, dann treffen sich alle, total zufällig, beim selben Italiener.

Die Situationskomik: mit Vergnügen drastisch

Die dramaturgischen und kompositorischen Kulissen sind schnell hingestellt. Die Story funktioniert als Rückblende eines Interviews, das die für Audrey Hepburn, Ava Gardner und Lana Turner schwärmende, inzwischen erfolgreiche Filmschauspielerin Izzy/Isabella einer gehässigen Brillenschlange von Reporterin gibt. Und für die Dialoge bietet sich immer wieder mal der gute, alte Schuss-Gegenschuss an. Die Situationskomik: mit Vergnügen drastisch. Der Verbalhumor: meist krachend. Und den Schluss garniert ein Cameo-Überrumpelungsauftritt nebst filmhistorischem Lektiönchen, das sich frisch gewaschen hat. Alles bloß Zitat, gibt Bogdanovich da zwischen seinen hurtig wechselnden Bildern zu verstehen. Aber macht das erst mal so wie ich. Anders gesagt: Braucht die Welt diesen Film? Natürlich nicht. Aber das ist ja gerade das Schöne.

Richtig, zum Autobiografischen. 1980 drehte Peter Bogdanovich die Komödie „Sie haben alle gelacht“, mit der 20-jährigen Dorothy Stratten in einer der Hauptrollen. Stratten war gerade Playboy-Playmate des Jahres geworden, und Bogdanovich, der eine Affäre mit ihr angefangen hatte, wollte sie als Schauspielerin groß rausbringen. Stratten aber war noch mit ihrem Promoter Paul Snider liiert, der einen Privatdetektiv auf sie und Bogdanovich angesetzt hatte. Bei einem Trennungsgespräch in seiner Wohnung in Los Angeles erschoss Paul Snider Dorothy Stratten und kurz darauf sich selbst.

Vermischte Nachrichten von damals. Eine jener „wahren Geschichten“, auf die sich heute viele Filme zum Zwecke ihrer Relevanz berufen. Wie aber heißt es so programmatisch in einem Schnörkel-Insert am Anfang von „Broadway Therapy“: „Tatsachen sollten einer guten Geschichte nie im Wege stehen.“

Ab Donnerstag in elf Berliner Kinos; OV: Cinestar SonyCenter; OmU: Babylon Kreuzberg, FaF, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Odeon

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