Sehen, Spielen und Staunen : Moby Dick in der Badewanne

Das Amerika Haus am Bahnhof Zoo entstand in den fünfziger Jahren als Kultur- und Informationszentrum des United States Information Service. 2006 ging es an die Stadt Berlin. Seither steht das Baudenkmal leer. Nun ist hier die Ausstellung „Imaginäre Reisen“ zu sehen. Sie erklärt Kindern aktuelle Kunst. Ihr Ziel: ein Kinder- Museum für Berlin.

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Spielernaturen. Laurie de Chiara (o.l) und Rebecca Raue (o.r.) haben ArtPod initiert, Minh An Szabo macht Werbung für ein künftiges Kinder-Museum. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Spielernaturen. Laurie de Chiara (o.l) und Rebecca Raue (o.r.) haben ArtPod initiert, Minh An Szabo macht Werbung für ein...

Fliegen kann man hier nicht, doch die Reisebegleiter stehen schon mal bereit. Erklären geduldig, dass man die Rakete aus Pappe und Holz von Gaby Taplick betreten darf und Thilo Franks silberne Schaukel nicht bloß zum Anschauen von der Decke hängt. Obwohl die Ausstellung „ArtPod – Imaginäre Reisen“ zeitgenössische Kunst präsentiert, die schon auf Biennalen, in großen Museen und Galerien zu sehen war.

Vieles davon weckt den Spieltrieb. Ein langer Tischkicker beispielsweise, der sich durch den Flur im Amerika Haus windet und von Wolfgang Karl May für zwei bis zwanzig Spieler konzipiert worden ist. Sie können die Bälle durch eine Miniaturlandschaft in kleine Tore jagen, wo sie scheppernd in Blecheimern verschwinden. Wer verliert, stellt sich anschließend unter Nina Brauns „Schlechtwetterwolke“ (2006), wo es echte Bindfäden regnet.

Kunst ist in dieser Ausstellung kein Rührmichnichtan – aber auch kein Tobespielplatz. Von diesem kleinen Missverständnis zeugen die handgroßen Schilder an den Wänden, die zur Eröffnung noch nicht hingen. Nach ein paar Tagen haben Rebecca Raue und Laurie de Chiara die Symbole für Ver- und Gebote dann angebracht, um zu klären, was man hier anfassen und was man nur mit den Augen streicheln darf. „Das ist schließlich keine Kinderkunst“, sagen beide schon zum dritten Mal. Sondern Kunst von Freunden und Bekannten wie Dominik Lejman, Kristine Roepstorff, Guy Ben Ner oder Olafur Eliasson, die ihre Arbeiten für ein großartiges Experiment zur Verfügung stellen. Eines, von dem die Berliner Künstlerin Rebecca Raue und die aus New York stammende Kuratorin Laurie de Chiara selbst noch nicht wissen, wie das exakte Ergebnis lautet. Bloß, dass sie etwas wollen, das in seiner Art einzigartig für Berlin wäre: eine Plattform, wo „Kinder mit zeitgenössischer Kunst in Berührung kommen“. Ein Kinder-Museum mit Besuchern, die nie neugierig genug sein können.

Das Projekt von ArtPod ist ein aufregender Testlauf. Er soll klären, wie solch ein Ort in der Praxis aussehen kann. Fünf Wochen lang gehört ihm die obere Etage des schönen, etwas heruntergekommenen Gebäudes am Bahnhof Zoo, das in den fünfziger Jahren als Kultur- und Informationszentrum des United States Information Service (USIS) gebaut und 2006 der Stadt Berlin übergeben wurde. Seine Räume sind mit Arbeiten von 24 Künstlern gefüllt. Mal dominiert ein Einzelwerk, etwa Ben Ners Video „Moby Dick“ (2000), in dem Vater und Tochter die heimische Küche zum Schiff erklären, auf Tische und über Spülen klettern und Seeungeheuern trotzen. Mal wird „Berliner Treibholz“ (Olafur Eliasson) mit Wandmalerei und einem großen, roten Schirm (Katharina Lackner) kombiniert, an den man wie Mary Poppins quer durch den Raum segeln kann.

Was nicht nur Kinder mit Hingabe tun. „Es kommen immer mehr Erwachsene, die die Ausstellung sehen wollen“, meint Rebecca Raue mit leisem Staunen. Vielleicht liegt es daran, dass man an diesem Ort nichts muss und vieles darf: sich auf den Teppich legen und die Kunst von unten anschauen. Auf allen vieren durch eine hölzerne Konstruktion kriechen, während der Nachwuchs über den Flur stürmt. Dort steht für sie ein weißes Holzboot auf Rädern von Rebecca Raue, bereit zum rollenden Ausstellungsbesuch.

Das Abenteuer Kunst dient dabei nicht dem Selbstzweck. ArtPod versucht, in der spielerischen Auseinandersetzung auch Verständnis und Respekt zu wecken. „Kunst darf aber nicht nur in bestimmten Kontexten bestehen“, sagt Laurie de Chiara, die viel Zeit in das Arrangement investiert hat. Neben den „Reisebegleitern“ genannten Aufsehern erklären sie und Rebecca Raue jeden Tag aufs Neue, dass „künstlerische Neugier“ unabhängig von Alter oder Bildung ist. Sie machen nachvollziehbar, weshalb Michael Johannson für seine Installation „Komplementär“ so lange grünen und roten Alltagskram in zwei Wandlöcher gestopft hat, bis daraus die beiden präzisen, monochromen Collagen „Komplementär“ geworden sind. Warum Franz Hoefner und Harry Sachs weiße Waschbecken und Badewannen stapeln, um daraus einen „Bad Brunnen“ (2008) mit tollem Wasserspiel zu machen. Und Eliasson altes Holz in der Stadt aufliest, das er anschließend als Skulptur präsentiert.

Mit diesem Wissen gehen die Kinder auf ihre eigene „Imaginäre Reise“. Morgens die Schulklassen, die in kleinen Gruppen durch die Schau geführt werden. Nachmittags und am Wochenende dann alle, denen der fantasievolle Kurztrip mit Kunst ein Bedürfnis ist.

„Ablegen und Ankommen“ heißt das Rollschiff von Rebecca Raue aus Holz und Stoff. Es markiert genau den Punkt, an dem sie und ihre Mitstreiter sich aktuell befinden. Nach zweijähriger Vorbereitung, der Gründung einer gemeinnützigen Unternehmergesellschaft und einigen unvermeidlichen Enttäuschungen sind sie aufgebrochen. Mit knapp 15 000 Euro in der Tasche, die von Sponsoren stammen. Begleitet werden sie von Freunden, die das Projekt ähnlich begeistert: vom Studio Lukas Feireiss (Schlesische Str. 19), das in Kooperation als Institut Imaginärer Inseln noch bis Anfang Dezember Workshops und Vorträge veranstaltet. Vom Kreuzberger Jugend Kunst- und Kulturhaus Schlesische 27, wo man die Vision eines Museums für Kinder ebenso begrüßt wie Kulturstaatssekretär André Schmitz zur Preview der Ausstellung.

Ernst wird es Mitte Dezember, wenn ArtPod die Ausstellung schließt und ganz real Hilfe braucht – bei der Akquise finanzieller Mittel ebenso wie der Bereitstellung von Räumen. Das Amerika Haus wäre ein Ort, an den sich Rebecca Raue und Laurie de Chiara gewöhnen könnten. Schmitz wiederum hält sich bei aller Sympathie bedeckt, was die Pläne des Senats mit dem denkmalgeschützten Haus anbelangt. Zum Flug reicht es tatsächlich noch nicht. Aber ArtPod hat schon einmal gezeigt, wie es ist, mit einer großen Idee ein bisschen abzuheben.

„ArtPod – Imaginäre Reisen“, Amerika Haus, Hardenbergstraße 22–24, bis 16. Dezember, Mi, Do, Fr 14–17 Uhr, Sa und So 11–17 Uhr.

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