Kultur : Seid Netz zueinander

Vier Jahre haben Radiohead an einem neuen Album gefeilt. Gestern erschien „In Rainbows“ – aber nur im Internet

Kai Müller

Es ist verrückt. In derselben Woche, in der eine amerikanische Hausfrau wegen 24 illegal getauschter Musikdateien zur Zahlung von 220 000 Dollar Strafe verurteilt wird, entscheidet sich eine der renommiertesten Popbands des Jahrzehnts, ihre Musik zu verschenken. Seit gestern, wenige Monate, bevor das lang erwartete neue Radiohead-Album „In Rainbows“ als CD in die Läden kommt (es soll im Januar 2008 erscheinen), kann es von der Band-eigenen Website heruntergeladen werden – für einen selbst zu bestimmenden Preis. Auch umsonst.

Dass diese Aktion für Wirbel sorgt, ist verständlich. Musik werde zum „Wegwerfgut“, kritisieren Vertreter der Phonoverbände. Doch Radiohead stehen nicht allein. Auch die Charlatans wollen nach einem enttäuschenden Angebot der Plattenfirma ihre Musik lieber kostenlos verbreiten. Diese Praxis könnte zum Vorbild für Superstars wie Robbie Williams werden. Der britische Entertainer empört sich immer wieder über Verträge, die ihm seine künstlerischen Spielräume nehmen würden. An allen seinen Einnahmen ist die EMI mit 25 Prozent beteiligt. Der Abgang eines Bigsellers von diesem Kaliber hätte fatale Folgen.

Radiohead zeigen, wie es geht, nämlich kinderleicht. Über www.radiohead.com gelangt man auf eine Website, die einem die Wahl lässt, entweder ein zehn Songs umfassendes Digitalalbum herunterzuladen oder eine Discbox mit Bonusmaterial, zwei Vinylplatten und Booklet zu bestellen; Kostenpunkt: 58 Euro.

Nachdem die Konsumenten dem Tonträgermarkt in den vergangenen Jahren massiv Geld entzogen haben, folgen nun die Musiker. Erst vor wenigen Wochen umging Prince die üblichen Vertriebswege, indem er sich seine neue CD von einer britischen Sonntagszeitung für drei Millionen Dollar abkaufen ließ. In Plattenläden war „Planet Earth“ nicht zu haben. Das Album lag der „Mail on Sunday“ kostenfrei bei. Für wen sich dieses Geschäft lohnt, ist schwer abzuschätzen. Doch immer mehr Popmusiker folgen ihrem Publikum, das gewohnt ist, für Musik, die als ein digitaler Hauch von Nichts daherkommt, auch nichts mehr zu bezahlen.

Mag sein, dass Radiohead sich gar nichts weiter dabei denken und getreu der Songzeile „Don’t get any big ideas/ They’re not gonna happen“ einfach nur das Naheliegende machen. So löst sich das geheimnisvolle Wesen formerly known as consumer allmählich auf. Gemeint ist der zum Warenempfänger degradierte Konsument. Das mp3-Zeitalter entlässt ihn aus seiner Kundenrolle. Denn es geht beim Austausch von Datenströmen nicht mehr um Handelsbeziehungen. Es geht nicht einmal mehr darum, etwas zu erwerben. Was besitzt man denn schon, wenn man eine digitale Musikdatei auf dem Computer hat? Kann man es weiterverkaufen? An wen? Es ist wertlos. Es ist nur scheinbar paradox, dass die Kommerzialisierung des Internets derweil weit vorangeschritten ist. Längst haben sich traditionelle Handelskonzerne in die virtuelle Welt hineingekauft. Aber sie verstehen das Web 2.0 nur als Ergänzung dessen, was ihr Kerngeschäft ausmacht. Dabei prägt das Internet eine Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der die Zeit, die einer Sache gewidmet wird, den eigentlichen Mehrwert kreiert. Reichtum entsteht durch Beachtung, der Rest ist Marketing.

Insofern landen Radiohead einen raffinierten Marketing-Coup. Zwischen Moralisten und Zynikern gibt es bei ihrem Zahl-was-du-willst-Verfahren keinen Unterschied mehr, auch wenn jeder für sich genau das noch reklamiert. Ökonomen dürften aufmerksam verfolgen, wie sich die Radiohead-Gemeinde bei diesem Experiment verhält – ob die Musik-darf- nichts-kosten-Mentalität vom Mitleid-Reflex der treuen Fangemeinde aufgewogen wird. Zweifellos ist die Aktion visionär. Man bezahlt nach eigenem Gutdünken einen fiktiven Preis, der weder durch Angebot noch durch Nachfrage reguliert wird und nichts anderes ist als die Abgabe an einen Solidaritätsfonds.

Angesichts dieses technisch-ökonomischen Schneegestöbers überrascht es womöglich zu erfahren, dass „In Rainbows“ jeden Penny wert ist. Es hebt an mit wuchtigem Trommelgeballer rhythmisch gegeneinander versetzter Figuren, zu denen sich ein jazziges Gitarrenriff gesellt. Und schon stimmt Thom Yorke seinen melancholisch-hymnischen Jenseitsgesang an. „Wie kommt es“, klagt er, „dort zu enden, wo alles angefangen hat.“ Ein müder Ton, eine tief deprimierte Traurigkeit durchflutet das siebte Studiowerk der Band aus Oxfordshire. „I do not understand what it is I’ve done wrong“, singt Yorke in „Bodysnatchers“ und vermittelt das Bild von einem in seinem Körper gefangenen Geist, der Höllenqualen leidet. Hier erwachen Ängste erneut zum Leben, die Radiohead bereits bei ihrem zehn Jahre zurückliegenden Meisterwerk „OK Computer“ zu krachendem E-Gitarren-Donner auftürmten. Sie seien „weird fishes“, weiß Yorke nun. Entweder sie fressen die Würmer – oder die Würmer fressen sie.

Songs wie „Nude“, „Faust Arp“, „House of Cards“ reihen sich in ihrer minimalistischen Strenge in die paranoide Grundstimmung von „In Rainbows“ ein, allerdings hat Panik selten so ausgeklügelt, so entrückt und schön geklungen. Die Wurzeln für diese sich immer wieder radikal hinterfragende Kartenhaus-Existenz reichen bis in die Abingdon School zurück, jener staatlichen Knabenschule, in deren Musikraum Thom Yorke, die Gebrüder Colin und Jonny Greenwood, Ed O’Brien und Phil Selway 1986 zu proben begannen. Dort wurde die Grundlage geschaffen für die Häutungen, mit denen das Quintett sich aus der musikalischen Erstarrung löst. Als 1993 ihr Debütalbum erschien, wurden die Jugendfreunde vom Erfolg überrumpelt. Die Single „Creep“ machte sie über Nacht in den USA zu Stars und verwandelte die knuffige Studentencombo in eine Millionen-Dollar-Unternehmung. Erst zwei Platten später hatten Radiohead kapiert, dass sie im Studio am besten für sich blieben. Mit „OK Computer“, das die Rockmusik in einen elektronischen Irrgarten entführte, und den folgenden Alben „Kid A“ und „Amnesiac“ dekonstruierten sie beharrlich das, was an Rock-Gerüst noch stehen geblieben war. Bis alles zerstört, niedergerissen und in ruinenhafter Schönheit darniederlag. Was hätte danach kommen können?

2003 erschien mit „Hail to the Thief“ aber dann doch noch eine Platte, die aus der Trümmerlandschaft betörend eingängige Songs ausgrub – und nicht in Fragmente zerfiel. Anschließend verstummten Yorke & Co. Sie hatten ihren Vertrag erfüllt. Abgabetermine interessierten sie nicht mehr. Zwar spielten Radiohead auf Tourneen immer wieder neue Songs, doch zu einem Gesamtwerk wollten die sich offenbar nicht fügen. So brauchte es zwei Jahre und mehrere Studiophasen, bis sie ihren Perfektionswahn mit Stammproduzent Nigel Godrich in den Griff bekamen. Ja, wenn jetzt öfter von faustischen Kräften, satanischen Verlockungen und Albträumen die Rede ist, als gut sein kann, dann zeigt das auch, wie verloren sich die Musiker vorgekommen sein müssen. Wo könnte eine Musik der Geisterstunden besser aufgehoben sein als im Netz?

Als Zukunftsmodell taugt Radioheads Online-Offensive gewiss. Trotzdem bleiben vorerst noch immer zu viele Menschen vom reinen Internet-Vertrieb ausgeschlossen. Keine Kreditkarte zu besitzen, ist da noch das geringste Problem.

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