Kultur : Sein Kampf

„Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“: Der Widerstand des Justizbeamten Friedrich Kellner im „Dritten Reich“.

Hannes Schwenger

Gesundes Volksempfinden“ war das Schlagwort, mit dem Hitlers Regime jeden Rechtsbruch, jedes Terrorurteil, jede Ausschreitung gegen jüdische Mitbürger und politische Gegner begründen wollte. War es eine bloße Erfindung der Nazi-Propaganda oder das Kollektivgefühl einer frustrierten Nation, die nach Sündenböcken suchte?

Leider spricht manches dafür, dass die Propagandafiktion eine Basis in dumpfen Volksgemütern besaß. Aber wo war eigentlich der gesunde Menschenverstand geblieben? Die Frage ist nicht neu, sie ist von europäischen Nachbarn, vom deutschen Exil, von den Spruchkammern der „Entnazifizierung“ immer wieder gestellt worden; zuletzt 1968 von den Kindern und Enkeln der NS-Generation an die eigenen Eltern. Überzeugende Antworten blieben selten, manche haben erst spät die Öffentlichkeit erreicht wie die Tagebücher Victor Klemperers.

Ein weiterer Glücksfall wie sie kommt erst jetzt zutage: Die Aufzeichnungen des Laubacher Justizinspektors Friedrich Kellner, der sich schon 1938 vornahm, das Innenleben des „Dritten Reichs“ während des bevorstehenden Krieges in geheimen Tagebüchern für die Nachwelt zu dokumentieren. „Der Sinn meiner Niederschrift ist der“, beginnt er den ersten Eintrag am 26. September 1938, „augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein ,großes Geschehen‘ daraus zu konstruieren.“ Selbstbewusst setzt er hinzu: „Wer die zeitgenössische Gesellschaft, die Seelen der ,guten Deutschen‘ kennenlernen möchte, der lese meine Aufzeichnungen.“ Er selbst gab ihnen – wohl als Antwort auf Hitlers „Mein Kampf“, das der Sozialdemokrat Kellner schon vor 1933 öffentlich als „böses Buch“ gebrandmarkt hatte – den Titel „Mein Widerstand“. Die Herausgeber haben stattdessen ein Zitat aus dem Eintrag vom 26. September 1938 als Titel gewählt: „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne.“

Folgerichtig dokumentieren die zehn Hefte seiner Notizbücher auf fast 900 Seiten nicht nur die verheißenen Stimmungsbilder aus seiner Umgebung, sondern auch Zeitungsausschnitte, öffentliche Reden und Rundfunkpropaganda, die er mit kritischen, oft galligen Kommentaren begleitet. Als Goebbels im Oktober 1941 vor SA-Führern großspurig verkündet, jetzt sei der „Ostfeldzug entschieden, aber noch nicht beendet“, setzt Kellner hinzu: „Randvermerk: So lange gekämpft wird, ist der Krieg noch nicht entschieden, Herr Gaukler Dr. Göbbels! Kllr.“

Nicht immer genügt ihm die lakonische Kürze solcher Kommentare, die der Justizbeamte Kellner („Kllr.“) wie Aktenvermerke festhält. Auch ihn überkommt gelegentlich der gesunde Volkszorn, wenn er die Dummheit und Verführbarkeit seiner Volksgenossen beklagt („Die Dummheit ist der Felsengrund für den Bau des Nationalsozialismus“) oder in einer empörten Schimpfkanonade „die glorreiche Zeit ab 1933“ und ihre Akteure charakterisiert als „Abenteurer, Erzgauner, (Volksbetrüger, Schwindler,) Postenjäger, Vorbestrafte, Hazardeure, Lumpengesindel“. In seiner Verzweiflung über die Blindheit seiner Landsleute versteigt er sich zu demselben Fluch, mit dem sich Hitler 1945 vom deutschen Volk verabschieden wird: „Ein solches Volk ist nicht wert, dass es weiterbesteht“ (Eintrag vom 9. Oktober 1939).

Zwei Jahre später erfährt er durch einem Fronturlauber von Judenerschießungen in der Ukraine und notiert eine bittere Wahrheit: „Die grauenvollen Schandtaten, die sich das deutsche Heer, insbesondere aber die SS-Verfügungstruppen leisteten, werden vergolten werden.“ Vom gewaltsamen Widerstand Einzelner wie dem vergeblichen Hitler-Attentat Georg Elsers hält er nichts, das Attentat vom 20. Juli 1944 nennt er in Unkenntnis der Vorgeschichte und aller Beteiligten ein „stümperhaftes Unternehmen“. Er begrüßt sogar Hitlers Rettung, der bis zum bitteren Ende bleiben müsse, damit es keine neue Dolchstoßlegende geben könne. „Unsereiner hat nur eine Waffe: Geduld.“

Immer wieder wurden von Parteiseite Ermittlungen gegen den missliebigen, in seinen dienstlichen Äußerungen zurückhaltenden Beamten geführt, Verhöre veranstaltet und eine Hausdurchsuchung veranlasst, der seine Frau zuvorkommen konnte, indem sie Dokumente und Aufzeichnungen verbrannte und seine Tagebücher am Körper versteckte. Erst nach dem Krieg erfuhr er aus Parteiakten, dass seine Einweisung in ein Konzentrationslager geplant war. Seine Stunde kam, wie er es erwartet hatte, tatsächlich erst mit der Befreiung durch die Amerikaner – und der ersten Enttäuschung, dass „sich noch sehr wenig geändert hat und die Partei nach wie vor unsichtbar regiert. Der eingesetzte Bürgermeister Willi Michel war selbst 10 Jahre Parteigenosse und ist sicher weit davon entfernt, seinen ehemaligen Parteifreunden wehe zu tun“. Kellner selbst lehnte 1945 eine Kandidatur als Laubacher Bürgermeister ab und blieb im Justizdienst; es dauerte bis zu seiner Pensionierung 1950, dass er im Zuge der Wiedergutmachung nachträglich zum Oberinspektor befördert wurde. Am politischen Leben nahm er als Stadtrat teil, war aber von der Nachkriegsentwicklung Deutschlands so enttäuscht, dass er einen Teil seiner Unterlagen und ein begonnenes Buchmanuskript zur Geschichte des „Dritten Reichs“ vernichtete.

Das postume Erscheinen seiner Tagebücher verdanken wir seinem Enkel Robert Martin Scott Kellner aus der ersten Ehe seines 1934 nach Amerika ausgewanderten und 1953 verstorbenen Sohnes Friedrich Wilhelm. Der übrigens war zum Kummer seines Vaters ein Nazifreund. Der Enkel hat seinen Großvater erst 1960 als US-Soldat kennengelernt und wurde von ihm zum Studium ermutigt und hoffnungsvoll mit der Herausgabe der Tagebücher betraut. Doch es dauerte mehr als vier Jahrzehnte, bis Zeitungen, Holocaust-Gedenkstätten und ein kanadischer Dokumentarfilmer die Existenz der Tagebücher bekannt machten und die Universität Gießen die Initiative zur Herausgabe im Wallstein-Verlag ergriff. So hat ein altes Widerstandslied aus dem deutschen Bauernkrieg recht behalten: Die Enkel fechten’s besser aus.

Friedrich Kellner: „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne.“ Tagebücher 1939- 1945. Wallstein Verlag Göttingen 2011. Zwei Bände, 1128 Seiten, 59,90 Euro.

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