Kultur : Seine Welt ist rund

Der Architekt Oscar Niemeyer wird heute 100

Ulf Meyer

Der Architekt als politischer Mensch und Lebemann. Wie kein Zweiter hat Oscar Niemeyer die Baukultur Brasiliens geprägt. Er ist der einzige lebende Baumeister, von dem gleich ein ganzes Stadtensemble – Brasilia – zum Weltkulturerbe zählt. Und wenn man den bekennenden Kommunisten nach seinen architektonischen Einflüssen fragt, dann spricht Niemeyer, der heute 100 Jahre alt wird, über die wunderbaren Rundungen der Frauen von Rio de Janeiro, seiner Heimatstadt.

Die Moderne in der brasilianischen Architektur ist ohne ihn nicht denkbar. Sie begann 1936 mit dem von Niemeyer mitgestalteten Erziehungsministerium in Rio. In der Folge entwickelte sich Niemeyers Moderne, die immer auch monumental war, zum „nationalen Stil“. Mit dem Casino von Pamulha erreichte die Karriere des jungen Architekten 1942 schnell ihren ersten Höhepunkt. Das Gebäude, heute ein Kunstmuseum, inszeniert eine elegante „promenade architecturale“. Der freie Grundriss, Brise-soleil-Elemente und die schlanken Pilotis, die sich zu festen Bestandteilen von Niemeyers architektonischem Vokabular entwickelten, wurden fortan oft kopiert.

Zum wohl bekanntesten Architekten Lateinamerikas wurde Niemeyer jedoch durch seine Bauten in der neuen Kapitale Brasilia. Sie sollte die Stadt der Zukunft werden, Symbol für den Aufbruch des Landes. Der Stadtplaner Lucio Costa, mit dem Niemeyer zusammenarbeitete, wurde 1956 vom frisch gewählten Präsidenten Juscelino Kubitschek mit dem Bau der Retortenstadt auf einer kargen Hochebene beauftragt. Zwischen 1957 und 1960 entstanden der Kongress mit dem Doppelhochhaus und der berühmten Schale und Kuppel. Schräg davor wurde der Präsidentenpalast und diesem gegenüber – zur Verdeutlichung der Kontrollfunktion – der Justizpalast errichtet. Niemeyers Bauten am „Platz der drei Gewalten“ zählen seitdem neben dem Zuckerhut zu den Nationalsymbolen Brasiliens.

Heute wird Brasilia, das in eine kleinere reiche Stadt im Zentrum und eine arme und sich weit über das Plateau ausdehnende Peripherie zerfallen ist, häufig als gebaute „Carta von Athen“ gescholten. „Dieses Experiment war nicht erfolgreich“, sagt Niemeyer selbst. Schon damals markierte die Stadt wegen der mangelnden Flexibilität die Krise der brasilianischen Moderne. Und dennoch ist die kreuzförmige Anlage Brasilias mit ihren identischen Wohnblöcken, den „Supercuadras“, bis heute einer der kühnsten Beiträge zum Städtebau geblieben.

Die Liste der weiteren Gebäude Niemeyers ist lang: ein Yachtclub, Restaurants, Theater, Kapellen, Banken, Wohnkomplexe. Außerdem das Museum für Zeitgenössische Kunst in der Bucht von Rio, das 1991 entstand und nicht nur Niemeyers Hang zur Rundung exemplarisch zeigt – Beton macht’s möglich –, sondern auch die „Unmittelbarkeit im Verhältnis zur Landschaft“, wie Leonardo Benevolo die überwältigende Aura von Niemeyers Bauten einmal beschrieb.

Auch für das Berliner Hansaviertel entwarf Niemeyer 1956 einen Wohnblock, wenngleich dieser nicht ganz nach seinen Vorstellungen geriet. Und in Potsdam sollte er unlängst ein Schwimmbad bauen, doch das Projekt scheiterte an den Kosten. Erst Anfang des Jahres konzipierte Niemeyer ein Monument für den südamerikanischen Befreiungshelden Simon Bolívar in Caracas. Hugo Chávez, sozialistischer Präsident Venezuelas, hatte es bei ihm in Auftrag gegeben.

Niemeyer ist also auch mit 100 Jahren noch nicht müde. Täglich schaut er in seinem Atelier im obersten Stockwerk eines Hauses an der Copacabana vorbei. Seine Aufgabe als Architekt sieht er so: „Ein Ambiente schaffen, das alltägliches Glück in das flüchtige Leben bringt.“

Lesen Sie morgen mehr über Oscar Niemeyer und Brasilia im „Sonntag“.

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