Kultur : Seins oder nicht seins

Eine Studie entdeckt den „wahren“ Shakespeare.

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Christopher Marlowe. Foto: picture-alliance
Christopher Marlowe. Foto: picture-allianceFoto: picture-alliance / United Archiv

Roland Emmerichs Film „Anonymus“ hat eine kulturhistorisch-philologische Frage plötzlich vor ein Massenpublikum gestellt. War der frühere Schauspieler, Theaterbesitzer und letztendlich als pfeffersäckischer Geschäftsmann in seinem Geburtsort Stratford-upon-Avon verstorbene Mann, der sich laut einer krakeligen Unterschrift „Shakspere“ nannte, tatsächlich identisch mit dem Weltdichter namens Shakespeare?

Jetzt ist die Diskussion neu entflammt. Während Emmerich im Gewebe zahlreicher Verschwörungen und Maskeraden im elisabethanischen London um 1600 den poetisch versierten Edelmann Edward de Vere zum wahren Dichter und Mister Shakspere zu dessen Strohmann macht, wird nun eine andere These frisch unterfüttert. Diesen jüngsten Streich wider das alte Sh.-Bild führt Bastian Conrad. Der frühere Chef der Neurologischen Uniklinik in München, ein philologischer Autodidakt von imponierender Bildung und Verve, möchte in seinem 700-seitigen Buch „Christopher Marlowe. Der wahre Shakespeare“ beweisen, dass der elisabethanische Dramatiker, wie der Mann aus Stratford 1564 geboren, das Genie in der Maske des anderen gewesen sei. Zwar soll Marlowe 1593 bei einem Streit durch einen Messerstich ums Leben gekommen sein. Doch Conrad behauptet, der historisch beglaubigte Geheimagent Marlowe, ein gebildeter, sprachgewandter Bursche, sei vom Hof Elizabeth I. nach einem Komplott gerettet und mit einer neuen Identität versehen worden – unter der Bedingung, dass er künftig als tot zu gelten habe und darum nur noch unter fremdem Namen publizieren dürfe.

Ähnlich wie de Vere, der als Earl of Oxford nicht offen dem als unseriös und bürgerlich geltenden Gewerbe eines Theaterschreibers hätte nachgehen dürfen, hätte in diesem Fall nun selbst der Profiautor Marlowe eines Strohmannes bedurft: eben des dafür von seinen Hintermännern kräftig honorierten Schauspielers William Shakspere. Wie schon frühere Shakespeare-Zweifler und Marlowe-Verfechter kann Bastian Conrad auf einen erst 1925 aufgefundenen Untersuchungsbericht über den Todesfall im Jahr 1593 verweisen. Demnach hatten den Leichnam nur Zeugen gesehen, die den zu Lebzeiten bereits berühmt-berüchtigten Dramatiker („Der Jude von Malta“, „Eduard II.“) gar nicht persönlich kannten.

Der Dichter der Shakespeare-Dramen war als „uomo universale“ bewandert in mehreren Sprachen, in Philosophie, Theologie und Jurisprudenz, er kannte die Mythen der Antike und des Mittelalters sowie alle höfischen Finessen und musste, wie seine Stücke zeigen, in Venedig und Oberitalien intimere Ortskenntnis gehabt haben. Mister Shakspere aber, der Sohn eines Analphabeten, genoss nur eine Dorfschulbildung, mindestens eine seiner zwei Töchter blieb gleichfalls Analphabetin, er hatte England nie verlassen, war nie bei Hofe, hinterließ außer seinem ungelenken Namenszug kein Schriftstück von eigener Hand, besaß kein einziges Buch, geschweige denn irgendwelche Autorenrechte. Als wäre Mozart ohne eine Note und Tizian ohne Pinsel und Leinwand verschieden.

Bastian Conrad liest nun alle Shakespeare-Stücke mit ihren Rollenwechseln, ihren Verkleidungen, doppelten Identitäten, Scheintoten und vertauschten Leichnamen auf die These hin, dass der untergetauchte Marlowe hier undercover sein eigenes Schicksal mit thematisiert habe. Weniger überzeugend sind indes die auf einzelne Worte und Wendungen bei Marlowe und Shakespeare gestützten Textreferenzen, die oft auch durch literaturübliche Ähnlichkeiten der Zeit erklärt werden könnten. Vielfach sind auch schiere Mutmaßungen über Marlowes geisterhaftes Fortleben vom Hypothetischen einfach ins Faktische verschoben: es „müsse“, nein „muss“ sich so zugetragen haben. Der Brustton der Überzeugung klingt dann hohler, als es das in vielen Details eindrückliche Buch verdient. Postskriptum: Bei Emmerich bringt der Schauspieler Shakspere den Kollegen Marlowe übrigens selber um die Ecke.

Bastian Conrad: „Christopher Marlowe. Der wahre Shakespeare“. Buch & media, München 2011. 702 Seiten, 29,80 €

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