Kultur : Seit Jahren verzögert sich der Bau des "Orakels" auf dem Mehringplatz

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Zu Delphi gehört das Orakel seit Urgedenken. In Berlin wird es einfach nicht fertig. Aber die Ewigkeit soll irgendwann doch ein Ende haben. "Es wird sein!" versichert Bonger Voges, Hauptinitiator des Installationsprojekts für den Mehringplatz am Halleschen Tor. Er nennt sogar einen genauen Zeitpunkt: Anfang 2001. Die Zahl derjenigen, die an das "Orakel von Berlin" glauben, wächst. Bonger Voges und Mitinitatorin Kristjana Penava ist es gelungen, einen festen Stab von Vereinsmitgliedern und eine erste Sponsoren zusammen zu trommeln.

Mit ihrer Hilfe hat der Orakel-Verein jetzt eine Ausstellung zu Details des Projekts eröffnet. Das Orakel von Berlin lässt sich dort in Miniaturform schon betreten: Rings um den Mini-Mehringplatz stehen 64 Fahnen in den Farben des Spektralkreises, die nach dem Prinzip des chinesischen Weisheitsbuchs "I Ging" zu allen Lebensfragen Antwort geben - sie dürfen nur nicht "ja" oder "nein" erfragen. In anderthalb Jahren, mit Abschluss der Sanierungsarbeiten der WIR-Wohnungsbaugesellschaft, sollen diese Fahnen als großformatige Emailleplatten auf dem Dach des inneren Gebäuderondells um den Mehringplatzes installiert sein. Jeder Farbe wird eine Texttafel zugordnet, montiert auf dem Betonring, der heute noch struppige Buschrabatten am Fuß des Gebäuderings einfasst. Auf ihnen sind dann die Orakel-Sprüche des "Buchs der Wandlungen" in der Übersetzung des Berliner Chinawissenschaftlers Richard Wilhelm zu lesen.

Der Passant, der beim Queren des Mehringplatzes Fragen mit sich herum trägt, kann sich an die ihm spontan zusagende Farbe wenden und durch sie tausendjährige "I-Ging"-Weisheit erfahren. Nach der Lehre der Farbpsychologie - sie lässt sich in der Ausstellung an einer Farbkanone testen - sagt das momentane Farbempfinden des Menschen darüber aus, welche Probleme ihn gerade quälen. Die Sonnen- und Mondtor-Figuren von Niki de Saint Phalle, durch die das Orakel-Areal betreten wird, sollen trotz der schweren Krankheit der Künstlerin bis zur Eröffnung 2001 fertig sein.

Für Voges hat das Orakel nicht nur die Bedeutung einer Platzverschönerung. Sein Projekt ist gigantisch angelegt: "Das erste Orakel 1600 Jahre nach Delphi", sagt er. Als Orakel-Platz sei dem vergessenen Mehringplatz wieder die Bedeutung und Attraktion verliehen, die dem Verkehrsknotenpunkt am Ende der Friedrichstraße zustehe. Für dieses einzigartige Projekt müsse auch der Senat bei der Platz-Sanierung einen größeren Wurf wagen. Der große Wurf auch im Materiellen ist bitter nötig: Das Finanzvolumen schätzt der Verein jetzt auf 6,5 Millionen Mark (ehemals 4,8 Millionen), die Drittelfinanzierung über Sponsoren, einen Designerwettbewerb und öffentliche Gelder ist nach wie vor unsicher.Die Ausstellung "Das Orakel von Berlin" in der Friedrichstraße 246 ist bis zum 4. September täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Neben dem Miniatur-Orakel sind dort Dokumentationen zu Niki de Saint Phalle, der Geschichte des Mehringplatzes und zur I-Ging-Farbpsychologie zu sehen. Führungen über das Areal gibt es am Sonntag, dem 29. August, um 11 und 13 Uhr. Die Orakel-Konzertreihe beginnt mit Auftritten eines tibetanischen Mönchchors in der Heilig-Kreuz-Kirche am 25. und 26. August, jeweils um 20 Uhr.

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