Sektion SHORTS : Das Leben ist eine Probe

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen im Kino vor den eigentlichen Abendfilmen noch Kurzfilme liefen. Doch der Kurzfilm lebt – nicht nur im Netz.

Mattes Lammert
Gestrandet in Berlin. Hannah Gross als Lilly
Gestrandet in Berlin. Hannah Gross als Lilly

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen im Kino vor den eigentlichen Abendfilmen noch Kurzfilme liefen. Und so bietet sich nur noch selten die Gelegenheit, dieses eigenständige Format, in dem so viele große Filmemacher ihre ersten Schritte gemacht haben, auf großer Leinwand zu sehen. Eine der wenigen Ausnahmen stellt die Sektion Shorts der Berlinale dar, in der dieses Jahr insgesamt 27 Filme aus 18 Ländern um den Goldenen und Silbernen Bären für den besten Kurzfilm konkurrieren. Dabei sind die Filme so unterschiedlich wie ihre Länge: Von 5 Minuten („Lama?“) bis 32 Minuten („Blood Below the Skin“), von Fiktion über Animation bis zur Dokumentation ist alles vertreten. Doch wahllos ist dieses Programm keinesfalls. Die Kuratorin Maike Mia Höhne hat einmal mehr ihren scharfen Blick für das Außergewöhnliche bewiesen.

Der Kurzfilm lebt weiter, auch im Netz. Das hat der Digitalkünstler Till Nowak mit seinem letzten Werk „The Centrifuge Brain Project“, das bei YouTube schon über 3,4 Millionen Menschen gesehen haben, eindrucksvoll bewiesen. Mit seinem diesjährigen Beitrag „Dissonance“ lässt er den Zuschauer durch die raffinierte Verquickung von Animation und Spielfilmsequenzen in den Geist eines erfolglosen Pianisten eintauchen, für den die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immer mehr verschwimmen.

Ein surrealer Film über Sex

Technisch wesentlich konservativer, aber deswegen nicht weniger modern, kommt „Take What You Can Carry“ daher. Matt Porterfield zeichnet das Porträt einer Generation junger Leute, die trotz aller Begabung nicht weiß, was sie mit sich anfangen soll. Nicht wenige von ihnen stranden irgendwann in Berlin – so auch die junge Amerikanerin Lilly. Wirklich ankommen tut sie aber nur, wenn sie mit ihrer Performancegruppe übt, denn hier ist das Leben nur eine Probe.

Die Suche nach sich selbst thematisiert auch Joanna Arnow in ihrer wunderbar schrägen Komödie „Bad at Dancing“ über eine junge Frau, die aus Eifersucht oder einfach aus Langeweile die schlechte Angewohnheit hat, immer genau dann ins Zimmer ihrer Mitbewohnerin zu kommen, wenn diese gerade mit ihrem Freund schläft. Ein surrealer Film über das Wesen der Sexualität.

Für all jene, deren Zeit begrenzt ist

Zu den zahlreichen dokumentarischen Beiträgen zählt „Symbolic Threats“ über die öffentliche Debatte, die Mischa Leinkauf und Matthias Wermke im letzten Sommer mit ihrer Kunstaktion des Hissens weißer Flaggen auf der Brooklyn Bridge auslösten. Der in Zusammenarbeit mit Lutz Henke entstandene Film beweist, wie politisch Kunst sein kann. Ob David Muñozs „El Juego del Escondite“ noch eine Dokumentation oder schon Fiktion ist, lässt sich kaum klären. Denn der Besuch in einem syrischen Flüchtlingscamp im Libanon gerät so stark zur Inszenierung, dass eine eindeutige Antwort unmöglich erscheint.

Gerade für alle jene, deren Zeit begrenzt ist, bietet die Sektion Shorts mit ihrer bunten Mischung verschiedener Genres einen idealen Einstieg in die Berlinale. Denn nirgendwo sonst findet sich so konzentriert die Vielfalt versammelt, die ja schließlich den Charme eines Filmfestivals ausmacht.

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