Serie "Brücken in Berlin" : Steg in die Ewigkeit

Abseits und doch mitten in der Stadt: die Brücke zum Friedhof Grunewald. Sie ist kaum 25 Schritte kurz und führt zur "Toteninsel", wie der von Bahngleisen eingefasste Friedhof im Volksmund genannt wird - in Anlehnung an ein berühmtes Gemälde von Arnold Böcklin.

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Ins Jenseits. Über diese Brücke geht es zum 1892 angelegten "Begräbnisplatz der Gemeinde Grunewald". Mit dem stillgelegten Gleis darunter hat es seine besondere Bewandtnis.
Ins Jenseits. Über diese Brücke geht es zum 1892 angelegten "Begräbnisplatz der Gemeinde Grunewald". Mit dem stillgelegten Gleis...Foto: Thilo Rückeis

Sie befindet sich in der geografischen Mitte des alten West-Berlin, und zugleich könnte sie weiter abseits kaum gelegen sein. Sie ist asphaltiert und verfügt über zwei Bürgersteige, regulären Autoverkehr aber verhindert ein schmiedeeisernes Tor mit Vorhängeschloss. Sie führt zu einer für Berliner Verhältnisse winzigen Einrichtung ihrer Art und ist selber winzig: gerade mal 20 oder 25 Schritte kurz. Und doch geht ohne sie, die Brücke zur Toteninsel, hier nichts.

Toteninsel? Ja, so hat der Volksmund den Friedhof schon früh getauft, nachdem er 1892 als „Begräbnisplatz der Gemeinde Grunewald“ angelegt worden war. Nicht in der Wohnsiedlung Grunewald allerdings, sondern an deren äußerstem nördlichen Ende, gegenüber der Bornstedter Straße in Halensee. In dem weiträumigen Gleisgewirr, in dessen Mitte heute der Bahnhof Westkreuz thront, war ein von drei Seiten eingefasster Zwickel unbebaut geblieben, zu unattraktiv für Wohnungsbau, für ein Totendorf aber allemal groß genug. Die erste Trasse führt von Südwesten Richtung Innenstadt, die zweite, die Ringbahn, begrenzt den Friedhof nach Osten – und an seiner Südseite verläuft eine eingleisige stillgelegte Verbindungskurve zwischen Bahnhof Grunewald und Südring. Hierüber führt die Brücke.

Eine kuriose Lage. Eine einzigartige Lage. Ein Friedhof abseits der Autoverkehrsströme, aber umtost vom Rauschen der Stadt und dem zarten Jaulen der an seinen Rändern vorüberfahrenden S-Bahnen. Eingefasst wird er durch eine unregelmäßige Mauer aus Ehrengrabstätten und Erbbegräbnissen – noch ein Detail, das von ferne an Arnold Böcklins steinern von der Welt abgeschirmte „Toteninsel“ erinnert. Nur dass, anders als auf seinem berühmten Gemälde aus dem späten 19. Jahrhundert, hier niemand einen schwarzen Nachen übers Meer nimmt, um zu dem zypressenbewachsenen Ort zu gelangen, und auch keinen Kahn über der Lethefluss. Es genügt die Brücke über das „tote Gleis“, wie die Anwohner den stillen Graben vor ihren hohen, alten Häusern nennen.

Ursprünglich reservierten sich die Villenbesitzer der neu erschlossenen Kolonie Grunewald auf dem kleinen Friedhof ihre Plätze für die Ewigkeit. Ein paar vergangene Berühmtheiten liegen hier, nach denen sogar Berliner Straßen benannt worden sind, der Dramatiker Hermann Sudermann etwa oder der Sexualforscher Alfred Blaschko. Auch der noch straßennamenlose Hans Geiger, Erfinder des Geigerzählers, ist hier begraben. Und Namenlosere, deren Tod dazu führt, dass Angehörige und Freunde eines Tages in den dunklen Zauber dieses Orts eintreten und durch eine Eichenallee in die backsteinerne Trauerkapelle.

Am Anfang aber steht die Brücke. Mit dem Gleis, über das sie führt, hat es seine besondere Bewandtnis. Wer den wachsend verkrautenden Schwellen nach Westen folgt, an der Betriebszentrale der S-Bahn vorbei und über die Stadtautobahn, sieht sich bald über den Parkrand am Halensee auf die Trabener Straße geleitet. Auf alten Stadtplänen aber ist deutlich zu sehen, dass exakt dieses Gleis an einem markanten Punkt des Bahnhofs Grunewald endet. Und hier verbindet sich jedwede mit dem Friedhof verbundene individuelle Trauergeschichte mit einer viel größeren.

Denn das tote Gleis mündet in jenes „Gleis 17“, das zur düstersten Stadtgeschichte gehört und, spät genug, 1998 als Mahnmal gestaltet wurde. Von hier starteten ab 18. Oktober 1941 die „Osttransporte“, mit denen die Berliner Juden zu Zehntausenden in die Ghettos und die Lager verschleppt wurden; gerade hat man an Ort und Stelle erneut des Datums gedacht. Fuhren also diese Züge – zunächst mit den Zielen Lodz, Riga und Minsk – womöglich unter jener namenlosen Friedhofsbrücke durch, bevor sie überwiegend vom Güterbahnhof Moabit nach Auschwitz und vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt abgingen?

Man weiß es nicht genau, auch die Experten sind auf Vermutungen angewiesen. Anders als in anderen Städten, wo solche Strecken im Detail dokumentiert sind, gibt es keinerlei Zeugnisse der Reichsbahn darüber – wie es auch kein einziges erhaltenes Foto aus Berlin über die Juden gibt, die in Kolonnen von bis zu 1700 Kindern, Frauen und Männern auf kilometerlangen Wegen zu den Bahnhöfen gescheucht wurden. Gisbert Gahler von der Deutschen Bahn hält es für möglich, dass die Züge vom Bahnhof Grunewald über die Verbindungskurve und den Südring Richtung Polen fuhren. Alfred Gottwaldt, Historiker vom Deutschen Technikmuseum, hält den Weg über die andere Verbindungskurve zum Nordring technisch für plausibler, weil etwas kürzer. Dann wären die Züge am jenseitigen Ende des Friedhofs und nicht unmittelbar unter den Augen der Anwohner der Bornstedter Straße vorübergefahren.

Was ändert das? Im Großen nichts. Auch nicht den Begriff von jenen persönlichen Abschieden und Zeremonien, wie sie überall zu Friedhöfen gehören. Nur den Begriff von der kleinen Brücke selbst, die auf ihre Weise die Welten der Lebenden und der Toten verbindet. Und vom Gleis darunter, das sie trennt. Wie friedlich sie sich vor den Augen des Besuchers erstreckt, geschmückt mit buntem Laub – an diesem sonnigen Mittag im Oktober 2013.

Mit diesem Artikel endet unsere Serie über Brücken in Berlin.

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