Sexismus-Debatte : Ein Lob auf den älteren weißen Mann

In der Sexismus-Debatte wird eine Spezies meist zu Unrecht beschimpft. Dabei hat sie Einfluss und große Verdienste. Eine Verteidigung.

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Lemuren-Loge. Waldorf & Statler, die Kritiker aus der Muppet-Show.
Lemuren-Loge. Waldorf & Statler, die Kritiker aus der Muppet-Show.Foto: Rodriguez/AFP

Du Kanake! Du Jude! Du Assi! Du Opfer! Deutschland ist ein an Universalbeleidigungen reiches Land. Und der Reichtum wächst: Du älterer weißer Mann! ist in der Hitliste angekommen. Die Kür zum Wort des Jahres 2017 steht an. Nicht zum Unwort des Jahres, was richtiger wäre.

Älterer weißer Mann ist ein Deckname. Er steht für Sexismus, Machtmissbrauch, Geldgier, Klimaschutzfeindlichkeit, Veganerhass, Nachbarschaftsstreit, Laubbläser-Fetischismus – der Katalog ist nicht vollständig. Der ältere weiße Mann ist nach grassierender Meinung das, was die Evolution nicht gemeint haben kann, als sie sich entschlossen hatte, auch weiße Männer älter werden zu lassen.

Es ist Zeit, ein paar wesentliche Punkte zurechtzurücken, nicht im Sinne der Wahrheit, die gibt es ja gar nicht, sondern unter der Perspektive der Gerechtigkeit. Vielleicht ist dieser Text ungerecht. Er verallgemeinert.

Deutsch sein, heißt Opfer sein zu wollen

Die älteren weißen Männer sind die Träger der Republik, sie sind die Stahlträger des Systems. Sie beherrschen die Politik, den Bundestag, sie dominieren die Wirtschaft. Sie haben die Macht, sie setzen sie ein. Herauskommt eine Republik in Stabilität, eine Gesellschaft in Wohlstand. Dank bekommen sie dafür nicht, sie ernten Wut. Das ist verständlich. Deutsch sein, heißt Opfer sein zu wollen. Weil irgendetwas im eigenen Leben nicht klappt oder nicht geklappt hat – und irgendetwas, nur das eigene Versagen nicht, lässt sich immer finden. Dann müssen Schuldige her.

Die älteren weißen Männer bieten sich an, sie lehnen die Opferrolle ab. Sie wollen Täter, sie wollen die Täter sein. Sie wollen Verantwortung, Verwaltungs- und Gestaltungsmacht, das alles müssen sie haben wollen, die anderen wollen es ja nicht. Sie sind der Grund, warum die Welt so passabel ist, wie sie ist. Sie sind Realisten, also nicht bigott, dafür Klardenker und Klarhandler. Machtausübung ist kein Sympathiewettbewerb. Sie ist der Versuch, die eigene Superiorität zu sozialisieren. Da geht es nicht um Abzocke, vielmehr dreht es sich darum, Eigenwohl und Fremdwohl auszubalancieren.

Das bringt, natürlich, Verluste mit sich. Wenn Männer ältere weiße Männer werden, werden sie so, wie sie im Status des weißen Mannes nie werden wollten. Beispiel: FDP-Chef Christian Lindner, 38, kann sich nicht wünschen, so zu werden wie Wolfgang Kubicki, 65 Jahre alt und stellvertretender Vorsitzender der Liberalen, ist. Kubicki ist ein Prototyp. „Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock“, sagte er einst. Es gebe in der Hauptstadt nämlich „einen enormen Frauenüberschuss“. Jetzt ist er in Berlin, im Bundestag, als stellvertretender Präsident.

Der Selbstzweifel ist weiblich

Es geht noch älter. Der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf, 87, wird sich bis an sein Lebensende als pater patriae saxoniae sehen und selbst feiern. Er weigert sich anzuerkennen, dass „seine“ Sachsen rechtsradikal denken und wählen. Tun sie aber. Der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi, 88, deklamierte nach der Bundestagswahl: „Martin Schulz war von Anfang an die falsche Wahl. Er war der Sache nicht gewachsen.“ Welcher Sache war Klaus von Dohnanyi als SPD-Politiker noch mal gewachsen? Und Edmund Stoiber, der 76-jährige und ewige CSU-Streber, ist das nächste Beispiel, freilich nicht das letzte für das Faktum, dass ältere weiße Männer auf ihrem Lebensweg die Ausfahrt zum alten weisen Mann nicht finden. Die Waldorf-and-Statler-Loge ist stets prominent besetzt.

Der ältere weiße Mann als Manager ist cleverer als der Politiker. Er drängt sich nicht in die Öffentlichkeit, er ist nicht Gast in den Talkshows, er handelt und lenkt in seiner Filterblase, er handelt Verträge aus, die einen Gewinner festschreiben: ihn selbst. Wer ins berufliche Risiko geht, der darf selbstverständlich erwarten, dass sich das Risiko auszahlt.

Man muss sich Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann nicht als gramgebeugten Mann vorstellen. Aber Frauen in den Vorstandsetagen der 30-Konzerne handeln anders, ja? Sie verdienen im Schnitt mehr als ihre männlichen Kollegen. Ist das jetzt besser, richtiger, gerechter? Insgesamt liegt der Frauenanteil in den Vorstandsgremien erst bei 6,9 Prozent. Die Gehälter gegengeschnitten sind Frauen begehrter, weil teurer, und teurer, weil begehrter. Den Topos der älteren weißen Frau gibt es noch nicht. Vielleicht nie: Die Hybris ist tatsächlich männlich, der Selbstzweifel ist tatsächlich weiblich.

Nicht mehr individuelles, sondern strukturelles Problem

Der ältere weiße Mann ist keine Erscheinung der Heutzeit, er ist so historisch wie gegenwärtig, eine Menschheits- und Männlichkeitskonstante. Der ältere weiße amerikanische Mann bildet dabei das Nonplusultra, das perfekte Passepartout. Donald Trump ist „Grab the pussy“-Präsident, Filmproduzent Harvey Weinstein ist gleichauf. #MeToo rast um die Welt.

Der ältere weiße Mann kapiert nur mit Mühe, dass seine Schussfahrt in die Sackgasse führt. Schon selber schuld, er hat sich nie vorstellen können, dass er eines Tages nicht nur als individuelles Problem verachtet wird, das passierte und passiert immer wieder, sondern als strukturelles Problem. Es wird enger für ihn.

Umgekehrt: Die Qualität von Kritik und Attacke ist überschaubar. Es regiert der Jammerton, das Selbstmitleid. Ich könnte ja, der ältere weiße Mann lässt mich nicht. Diejenigen, die einen älteren weißen Mann für alle nehmen, sie handeln leichtfertig und unbedacht. Der ältere weiße Mann wird gebraucht, nicht mehr denn je, das nicht, aber unverändert in Ermangelung von Alternativen in großer, in überzeugender Zahl. Der Menschenzoo wird voller, gewiss, der Artenreichtum hält nicht Schritt. Wer den älteren weißen Mann diskreditiert, wer ohne Unterlass und ohne Distinktion urteilt, der will nur seine Täterperspektive pflegen und sein Diskriminierungspotenzial hegen. Wie armselig ist das denn?

Rein in die Freiheit der Persönlichkeit

So armselig wie das Vorbild. Wenn die älteren weißen Männer die gewohnte Macht nicht mehr haben, können sie sehr wütend werden. Dann organisiert er sich bei Pegida, in der Legida. Heißt seine Wärmestube Alternative für Deutschland, will er seine Wut zum Machtfaktor bündeln. Ob das gelingt, hängt von den anderen älteren weißen Männern ab. Sieht gut aus. Ältere weiße Männern wählen weiße ältere Männer. Und die Gruppe der Wahlberechtigten ab 60 Jahren wächst. Sie gehen überdurchschnittlich wählen, sie verstehen sich auf Macht und darauf, wie man sie organisiert. Die AfD-Fraktion im Bundestag ist die männlichste und die älteste. Aber das passt schon, im neuen Bundestag ist ein knappes Fünftel aller Abgeordneten über 60 Jahre alt und mehr als die Hälfte zwischen 45 und 59.

Unbezweifelbare Leistungen des älteren weißen Mannes sind in Verruf geraten. Was er dringend braucht, ist überzeugende Eigen-PR. Er muss mehr darauf schauen, wen er in den Vordergrund schiebt. Weniger Alexander Gauland, weniger Thomas Middelhoff, weniger Uli Hoeneß, mehr Jupp Heynckes, mehr Mick Jagger und – ja, wer? Stets daran denken, älterer weißer Mann: Youth is given, age is achieved. Jugend ist kein Verdienst, Alter kann eines sein. Weiß und weise und wütend, das passt alles in eine Person. In Bernie Sanders, den 76-jährigen zerzausten Links-Ami, nur zum Exempel.

New country for old white men: Raus aus der Gefangenschaft des Vorurteils und rein in die Freiheit der Persönlichkeit. Nur wer sich aufs freie Feld begibt, nur der kann weit sehen, nur der wird von Weitem gesehen. Auch von jungen weißen Frauen. Sie sollten genau hinschauen. Der ältere weiße Mann kann ihr Vater sein.

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