Shirana Shahbazi in der Kindl-Brauerei : Zeigen heißt verbergen

Konzeptionelle Geometrie trifft auf erzählerische Genauigkeit: Shirana Shahbazis Studiofotografien, Straßenaufnahmen und Porträts in der Kindl-Brauerei.

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Ausstellungsansicht von Shirana Shahbazis "First Things First" im Maschinenhaus M1 der Kindl-Brauerei.
Ausstellungsansicht von Shirana Shahbazis "First Things First" im Maschinenhaus M1 der Kindl-Brauerei.Foto: Jens Ziehe

Ein abstraktes Bild mit zwei Kugeln neben der Fotografie eines Ledersesselsauf auf einem Teppich mit Pflanzenmuster. Konzeptionelle Geometrie trifft auf erzählerische Genauigkeit. So sieht es zumindest aus. In der Ausstellungshalle M2 der Neuköllner Kindl-Brauerei widmet sich der Schweizer Kurator Andreas Fiedler nun schon zum zweiten Mal dem hierarchielosen Nebeneinander von Motiven und Bildsprachen. Im Sommer zeigte er die Malerei von Eberhard Havekost, nun sind es die großformatigen Fotografien der 1974 in Teheran geborenen Künstlerin Shirana Shahbazi.

Sie kombiniert hochglänzende Studiofotografien mit Straßenaufnahmen, Porträts und Reisebildern. Ein überlebensgroßes, von hinten beleuchtetes Pflanzenblatt hängt neben einem Schulbus in einer wüstenhaften Stadt. Eine abstrakte Komposition mit rot-grün-blauer Fläche neben der körnigen Aufnahme eines Freizeitpark-Dinosauriers. Den roten Faden muss man erst suchen. Ein Stillleben mit drei gelben Birnen hängt neben einer Aufnahme von Sophia Loren, im weiteren Umfeld ist eine psychedelische Wohnlandschaft zu sehen, ein Swimmingpool, die Lichter einer Skyline.

Reisefotos, die eigentlich privat waren

Die erst vor wenigen Monate eröffnete Ausstellunghalle im Maschinenhaus ist bewusst so konzipiert, dass sie weder einen vorgegebenen Rundgang noch feste Blickachsen intendiert. Sie fordert Offenheit. Genau darum geht es Shirana Shahbazi. Schlafende Frau, Tankstelle, Sandwolke – der innere Zusammenhang ergibt sich über Flächen, Formen, Tiefe und Farbe. „Fotografien können Dinge präzise zeigen und gleichzeitig viel verbergen“, sagt Shahbazi. So ist es bei der Komposition am Beginn. Die beiden Kugeln sind nicht etwa mit digitalen Mitteln erzeugt. Shahbazi hat die schwarzen Kugeln auf einen weiß-roten Untergrund gelegt und von oben fotografiert. Solche „Tricks“ wendet sie häufig an, auch für ihre großformatigen Abstraktionen. Die Fotografien entstehen mithilfe farbig lackierter Objekte und Podeste, die Shahbazi arrangiert, verschiebt und oft mehrfach belichtet, bis sich bestimmte Farb- und Raumwirkungen ergeben, Illusionen, die immer wieder von absichtsvollen Fehlern gestört werden. Am Tag der Eröffnung trug Shahbazi ein Kleid mit bunten Streifen und Quadraten, die Farben ähnlich wie in ihren Abstraktionen.

Shahbazi, die in Dortmund und Zürich studiert hat, zeigte ihre Arbeiten bereits in in Bern und New York. In Berlin sind Fotografien aus den letzten zehn Jahren zu sehen, mitsamt der Reisebilder, die sie jahrelang eher als private Angelegenheit betrachtete. Die Schnappschüsse von Straßen und Menschen, Fahrzeugen und Wolken zeigt sie als zweifarbige Lithografien, was den Bildern eine wunderbare Stofflichkeit und eine neue Zeitlichkeit verleiht. Eine Ausstellung, die den Augen wohltut und den Kopf dennoch in Wallung bringt.


KINDL, Zentrum für zeitgenössische Kunst, Neukölln, bis 6.8., Mi-So 12-18 Uhr

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