Shitstorm für Feminismus-Kritik : Ronja von Rönne und der einkalkulierte Skandal

Die Autorin Ronja von Rönne "ekelt" sich vor dem Feminismus. Er sei eine "Charityaktion für unterprivilegierte Frauen". Mit dieser Aussage zog die 23-Jährige einen Shitstorm auf sich. Nun wurde sie zum Bachmann-Preis eingeladen. Und die Empörung geht weiter.

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„Ein Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“
Shitstorm ist mittlerweile schon im Duden angekommen: „Ein Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der...Foto: dpa

Da wird eine 23-jährige Jungautorin zum Bachmann-Preis eingeladen und der halbe Jungliteratenbetrieb schreit auf, Tagesschau-Journalisten spötteln über die Autorin, Grünen-Politiker mischen sich ein und irgendwann gibt es eine Morddrohung. “Well, that escalated quickly“ wäre wohl das passende Meme dazu. „Ganz schön schnell eskaliert“. Was ist denn da schiefgelaufen? Und wieso ist das überhaupt so wichtig?

Am 8. April erscheint im Feuilleton der „Welt“ der zweite Text einer Feminismus-Serie. Angekündigt sind „Radikalpositionen“. Was folgt sind dann auch genau solche. Autorin Ronja von Rönne „ekelt“ sich vor dem Feminismus, vor allem in seiner Online-Prägung. Sie habe noch nie erlebt, wie Frausein ein Nachteil sein könne. Mit ausreichend Haltung sei den gesellschaftlichen Einbußen beizukommen – schließlich seien Frauen selbst für ihre Situation verantwortlich. Knapp 20.000 Facebook-Likes hat der Text momentan.

In den Kommentaren des sozialen Netzwerks sammelt sich alles von „Gut so, Mädchen – endlich sagt’s mal jemand“ bis „Weltfremde, naive Sicht auf Probleme, die sie selbst nicht hat“. Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Aber unter den hunderten polemisierenden Artikeln, die jeden Monat veröffentlicht werden, scheint dieser besondere Verbreitung zu finden. Und zwar vor allem bei den Falschen.

Beifall von der falschen Seite

MVGida, ein rechtsradikaler Pegida-Ableger in Mecklenburg-Vorpommern, teilt den Artikel: „Schön, dass eine junge Frau mal Tacheles redet, über den Feminismus und den Gender-Wahnsinn“. Der Ring Nationaler Frauen, eine NPD-Gruppe von und für Frauen, teilt den Post: „Auch wir positionieren uns gegen den Gender-Wahn.“ Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ – das Verlautbarungsorgan der Neuen Rechten, nennt von Rönnes Text „ungewöhnlich erfrischend“ und deklamierte den Tod des Feminismus.

Beifall von der falschen Seite. Auch hier hätte die Geschichte zu Ende sein können. Doch von Rönne wurde für die Facebook-Kommentatoren zum pars pro toto für was alles falsch ist – mit der „Welt“, mit Nachwuchsliteratur, mit jungen Frauen. Und sie liefert ein vorzügliches Feindbild: als hübsches Ex-Model schreibt sie, nie Nachteile als Frau gehabt zu haben. Als erfolgreiche Jungautorin nennt sie den Feminismus „eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen“. In diesem altklug-süffisanten Ton verteidigt sie sich auch gegen negative Kommentare.

Noch dazu ist von Rönne kein unbeschriebenes Blatt, was aufmerksamkeitsheischende Texte betrifft. Am 26. März veröffentlicht sie in der „Welt“ einen Text über psychische Krankheiten, Protagonistin ist ihre Freundin Cara: „Die Krankheit gibt Sicherheit, macht unangreifbar und immun gegen Vorwürfe.“ Der Text wurde fast unisono gescholten. Depression wird hier als Ausweg für Überforderung in einer neoliberalen Gesellschaft dargestellt. „Ich bin fast neidisch“ schreibt von Rönne, „Cara darf entspannt zwanzig Minuten über Kaffee mit oder ohne Milch nachdenken und keiner verübelt es ihr.“ Der Vorwurf lautete bereits hier: Da betreibt eine junge Frau Nabelschau-Journalismus, die Texte sind auf die höchstmögliche Polemik zugespitzt, der Skandal einkalkuliert. Von den Lobpreisungen der rechten Szene hat sie sich aber immer deutlich distanziert.

Ronja von Rönne wurde zum Bachmann-Preis eingeladen

Der Shitstorm gegen Rönne war damals ein Shitlüftchen. Auch diesmal hätte das so kommen können. Dann aber kam die Ankündigung aus Klagenfurt: Ronja von Rönne, Berlin – eingeladen zum Bachmann-Preis. Es ist der wichtigste deutschsprachige Nachwuchsliteraturpreis. Eingeladen wurde sie von Hubert Winkels, dem Vorsitzenden der Bachmann-Jury und Literaturkritiker in der „Zeit“ und im „Deutschlandfunk“. Diese Würdigung ertrugen viele Literaturkollegen wohl nicht. Dabei wurde sie nicht wegen einer der umstrittenen Texte eingeladen. Ihren Bachmann-Beitrag reichte sie bereits im Januar ein – bevor sie für die „Welt“ arbeitete.

Die Hass-Kolonne gegen von Rönne im Netz war schon ins Rollen geraten. Neben einer ganzen Menge junger Schriftsteller, war dafür maßgeblich die Tagesschau-Journalistin Anna-Mareike Krause verantwortlich, die einen Screenshot auf Twitter teilte. Darauf war zu sehen, wie der Ring Nationaler Frauen den Text anpries. Auch Grünen-Politiker Volker Beck mischte sich in die Diskussion ein, Feuilletonschreiber, Chefredakteure und Medienkritiker sowieso. Die Hatz gipfelte darin, dass ein Twitter-User schrieb: ,Adel ist was für die Laterne' Ça irá, #BachmannPreis, ça irá, von Rönne!" Man kann darin eine Morddrohung sehen; der Text stammt aus einem französischen Revolutionslied. Adelige werden darin an Laternen geknüpft.

Und plötzlich scheint der Shitstorm vorbei. Volker Beck twittert: „Morddrohungen sind Straftaten und als solche zu verfolgen und zu verurteilen“. Man empört sich jetzt über vermeintliche Morddroher oder darüber, ob man aus einem alten Revolutionstext überhaupt eine Morddrohung lesen kann. Auch die ARD-Journalistin ist jetzt plötzlich Ziel vom Hass-Sturm. "Bitte nicht gegen Anna-Mareike Krause hetzen", schreibt Ronja von Rönne, "Das ganze ist hässlich, aber niemandem ist geholfen, nur weil das Fähnchen sich dreht."

Ronja von Rönne äußert sich auf Facebook zu dem ganzen Thema entspannt. Sie sei zwar genervt ob der Aufregung über ihre Person: „Es ermüdet etwas, es hält mich auf, lenkt ab und bremst, aber weder fanatische Antifa-Pfarrer noch uncharmante Bemerkungen einer ARD-Social Media Beauftragten sind jetzt das, was mich nachts nicht schlafen lässt“, schreibt sie. Ihren Blog habe sie vorerst eingestellt. Die Gründe könne man "auf Twitter nachlesen."

Von Aufregung also keine Spur. Sie sei gerade spazieren gewesen und „alles scheint sehr normal, da draußen tobt kein Krieg um ein ‚Enfant terrible des Feuilleton’“. Eine Erinnerung daran, wie Eskalationsmechanismen online funktionieren und wie wunderbar egal es den meisten draußen ist.

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