Shows auf Kreuzfahrtschiffen : Boot und Spiele aus Berlin

Die Kreuzfahrtbranche boomt – und damit auch der Bedarf an Shows und Entertainment für die Gäste an Bord. In Berlin-Treptow wird jetzt eigens ein Probenzentrum dafür errichtet. Ein Besuch auf der Baustelle.

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Finalszene aus einer Musical-Gala auf dem Kreuzfahrtschiff.
Alles im Griff auf dem singenden Schiff: Finalszene aus einer Musical-Gala auf dem Kreuzfahrtschiff.Foto: TUI Cruises

Den einen steht das Wasser bis zum Hals, die anderen wünschen sich immer eine Handvoll davon unterm Kiel. Die einen leben ständig in der Angst vor der nächsten Sparwelle, die anderen surfen auf der Schaumkrone des Erfolges. Während derzeit so manches deutsche Stadttheater akut in seiner Existenz bedroht ist, vor allem in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, boomt das Kulturleben auf hoher See in einem Ausmaß, das neidisch machen kann. Mit jedem neuen Schiff, das getauft wird, wächst der Bedarf an Unterhaltungsprogrammen für die bordeigenen Bühnen. Abend für Abend wird den Gästen dort nämlich nach dem Dinner eine Show geboten. Und zwar in eigens dafür eingerichteten Sälen, deren Größe und technische Ausstattung jeden Stadttheaterintendanten vor Neid erblassen lassen.

1000 Plätze beispielsweise sind allabendlich auf den „Mein Schiff“ genannten Vergnügungs-Linern der TUI zu füllen. Zur Verfügung stehen dort eine in der Höhe verstellbare Doppelring-Drehbühne, dazu acht fahrbare LED-Wände, eine ultramoderne Soundanlage und sogar zwei Flugwerke, wie man sie als Berliner vom Friedrichstadtpalast kennt und mit denen Künstler über die Zuschauerköpfe hinweg auf die Bühne einschweben können. „Als 2014 ,Mein Schiff 3’ in Hamburg getauft wurde, war das gleichzeitig auch die Einweihung des größten Theaterneubaus in Deutschlands nach der Wende“, sagt Wolfram Korr, der künstlerische Leiter für Unterhaltung an Bord. „Am 6. Juni startet ,Mein Schiff 4’ zu seiner Jungfernfahrt, weitere Neubauten sind bereits in Planung.“

TUI spendierte einen Neubau zum Proben

Ursprünglich hat Korr als Geiger Karriere gemacht, 2002 wird er zum Konzertmeister des Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus berufen. Da er sich aber schon als junger Mann nebenbei auf Kreuzfahrtschiffen Geld verdient hatte, kannte er die Branche – und machte sich 2008 mit einer Firma für Cruise Entertainment selbstständig, zusammen mit seinem Kumpel Thomas Schmidt-Ott, einem klassisch ausgebildeten Cellisten, der zuvor als Orchesterdirektor beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin sowie den BR-Symphonikern in München gearbeitet hatte.

Es dauerte keine zwei Jahre, bis die TUI ihre Firma übernahm – und die beiden Gründer gleich mit. Seitdem wird alles, was künstlerisch auf den Kreuzfahrtschiffen passiert, in Berlin erdacht und geprobt, in einem von Aldo Rossi erbauten Gebäudekomplex gleich um die Ecke vom Checkpoint Charlie. Hinter der unechten Barockfassade, einer Kopie des aus Puccinis Oper „Tosca“ bekannten römischen Palazzo Farnese, sollten eigentlich noble Anwaltskanzleien residieren. Das Überangebot an Büroraum in Mitte aber machte vor sieben Jahren die Nutzung als Proberaum möglich – mit dem entscheidenden Manko, dass die Maße des Sitzungssaals nicht denen der nautischen Bühne entsprechen. Die farbigen Markierungen auf dem Boden zeigen unmissverständlich an, dass ein Teil der Tanzfläche jenseits der Glastür auf dem Flur weiterzudenken ist.

Wolfram Korr.
Wolfram Korr.Foto: TUI Cruises

Weil zudem auch die übrigen Räumlichkeiten aus allen Nähten platzen, in denen nicht nur die Büros untergebracht sind, sondern auch eine eigene Schneiderwerkstatt sowie ein Kostümfundus, spendiert die TUI seinem Berliner Unterhaltungsteam nun tatsächlich den Neubau eines eigenen Probenzentrums. Der Kreuzfahrtboom macht’s möglich.

Auf dem Kreuzfahrtschiff gibt's die Erfolgs-Sofortkontrolle

Wenn Wolfram Korr und sein Chefregisseur Arthur Castro, der bei Götz Friedrich an der Hamburger Hochschule studiert hat, ihre Erfolgsgeschichten erzählen, geht es gleich um die ganz großen Zahlen: Zehn verschiedene Shows werden künftig auf jedem der vier Schiffe angeboten. Rechnet man damit, dass jede Vorstellung mit 1000 Gästen voll besetzt ist, dann ist die Marke von 100 000 Besuchern schnell geknackt. Was es wiederum für junge Künstler attraktiv macht, auf den Showboats anzuheuern.

Bei einem Engagement in Detmold oder Halberstadt bekommen sie vielleicht die Chance, den Hamlet zu spielen oder das „Faust“-Gretchen. Aber eben vor kleinem Publikum. Auf dem Kreuzfahrtschiff dagegen lässt sich vor allabendlich 1000 Leuten Praxiserfahrung sammeln. Und zwar mit Erfolgs-Sofortkontrolle: Weil die Shows zum All-Inclusive-Angebot gehören und darum nichts extra kosten, findet man hier nicht nur die üblichen Theaterabonnenten, sondern auch jede Menge eher hochkulturferne Menschen – und die stimmen gnadenlos mit den Füßen ab, wenn sie das Showgeschehen nicht fesselt.

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