Sido in Berlin : Er ist so frei: Sido

Familienunterhaltung und derbe Sprüche: Sido rappt in der Berliner Columbiahalle – mit vielen Stargästen aus dem deutschen Entertainment.

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Mr. Mainstream. Sido am Mittwoch in der Columbiahalle.
Mr. Mainstream. Sido am Mittwoch in der Columbiahalle.Foto: Britta Pedersen/dpa

Die Lisa möchte etwas sagen, und zwar zum Steffen. Und weil das, was die Lisa zum Steffen sagen möchte, ziemlich wichtig ist, steht sie jetzt auf der Bühne der Columbiahalle. Die Hälfte des Publikums johlt, die andere ist gerührt, weil sie sich denken kann, was da jetzt kommt: Lisa sagt, dass sie Steffen liebt und macht ihm dann einen Heiratsantrag, vor tausenden Leuten, während eines Sido-Konzerts. Der Steffen, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, antwortet mit „Ja“.

Eine halbe Stunde später. Sido, der eigentlich Paul Hartmut Würdig heißt, 33 Jahre alt ist und im Märkischen Viertel aufwuchs, ist jetzt im Battle-Modus. Er rappt „30-11-80“, den Titeltrack seines neuen Studioalbums. „30-11-80“ ist eine Nummer, in der ihm alle möglichen Kollegen Respekt zollen. Einige davon kommen auf die Bühne, etwa Frauenarzt von den Mallorca-Rappern Die Atzen, Afrob und Bushido. „Die Halle eskaliert“, wird ein User später bei Instagram schreiben. Es ist also Gangster-Time, aber nur ganz kurz, denn der Auftritt der Hip-Hop-Prominenz wird von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf gesprengt: Der eine macht Blödsinn, der andere entschuldigt sich dafür – eine Vorgehensweise, mit der sie bereits am Abend zuvor beim Konzert von Jared Letos Rockband 30 Seconds To Mars für Irritationen sorgten.

Sido hält die Balance - nur am Ende wirkt er ein bisschen betrunken

Diese Kombination der Gäste sagt eine Menge aus über Sido. Einerseits ist er einer, der mittlerweile oben mitspielt im bundesdeutschen Showalltag. Das Intro des Abends – ein kurzer Gruß aus der Hölle, in der Sido schmort, er kommt nur für das Konzert zurück – zeigt Kurt Krömer als übellaunigen Chef der Jenseits- Bar. Auf der neuen Platte rappt ein ebenso wunderlicher wie wunderbarer Helge Schneider, beim Konzert wird sein Anteil des schönen Songs „Arbeit“ leider nur mittels Videoübertragung eingespielt. Die Botschaft: Sido ist für alle da. Auf der anderen Seite bedient er aber auch die alte Zielgruppe. Die, die ihn seinerzeit wegen Stücken wie dem Betonsilo-Biopic „Mein Block“ zu lieben lernten – zu Recht, es ist die beste Nummer, die der Deutschrap in seinen 20 Jahren hervorgebracht hat. Und da passt Bushido als Gast. Der Mann, der kurz Teil des gesellschaftlichen Betriebs Deutschlands zu werden schien, aber dann feststellte, dass Praktika bei CDU-Abgeordneten und Bambi-Galas doch nicht so viel Spaß machen.

Das Publikum in der Columbiahalle feiert alle Seiten Sidos. Klar, wenn’s textlich derbe wird, sind es vor allem die Jungs, die erfreut am Geschehen teilnehmen. Berliner Jungs, Umland-Jungs. Das Gegenteil von den Kerlen, die man bei den Konzerten von Casper oder Prinz Pi trifft. Weniger sehnsuchtsvoll, dafür handfest. Raspelkurze Haare, trinkfest, eine Nuance zu laut. Die coolen bemühen sich, niemals zu lachen. Die stehen da also und springen und bewegen sich wie Roboter, wenn Sido „Hände hoch, Polizei“ ruft.

Für die, die eher Familienunterhaltung erwarten, hat Sido andere Sachen im Gepäck. Den erwähnten Heiratsantrag, gegen Ende des Konzerts, dann auf Leinwänden eingeblendete Fotos und Liebesbotschaften aus dem Publikum. Und einige Songs, deren Claims die unbedingte Kraft des Optimismus postulieren: „Wichtig ist, dass du dich nicht verstellst“, rappt er in „So frei“, einem Song seines neuen Albums. Und dann sind da noch die Stücke, die sich nicht verorten lassen, weil sie mit doppelten Böden spielen, etwa „Augen auf“, diese wunderbare Hymne auf das Aufwachsen jenseits geordneter Verhältnisse.

Sido hält also die Balance, gute eineinhalb Stunden lang. Nur ganz am Ende verzettelt er sich etwas, die Pausen zwischen den Songs werden länger, er scheint ein bisschen betrunken zu sein. Was aber nichts ausmacht, das Publikum ist es schließlich auch. Der vehement eingeforderte „Arschficksong“ kommt, die mehrfach beschworene Polizei steht übrigens vor der Halle. Viel zu tun hat sie nicht, ein Beamter sagt einem Mädchen im Fler-T-Shirt, sie solle sich was überziehen, sonst hole sie sich noch eine Erkältung. Hip-Hop-Konzerte sind eigentlich ganz nett.

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