Kultur : Sie war 19

Der letzte Tango: Zum Tod der Filmschauspielerin Maria Schneider

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Ein Paar, kein Paar. Maria Schneider mit Marlon Brando in Bernardo Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" (1972).
Ein Paar, kein Paar. Maria Schneider mit Marlon Brando in Bernardo Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" (1972).Foto: The Picture Desk

Sie war ein One-Hit-Wonder des Kinos, oder ein Two-Hit-Wonder, wenn man den ungleich wundervolleren Michelangelo-Antonioni-Film „Beruf: Reporter“ dem Skandalwerk „Der letzte Tango in Paris“ von Bernardo Bertolucci hinzufügt. Beide Werke stammen aus den wilden, fernen, filmgeschichtlich solide weggehefteten Siebzigern, sind also unendliche fast 40 Jahre her. Dennoch trifft die Nachricht – die französische Schauspielerin Maria Schneider starb in Paris mit 58 an Krebs – wie ein Schock.

Warum? Vor allem weil sie so unwandelbar jung im Gedächtnis ist. Also: unsterblich. So jemand kann sich in seiner Restbiografie verlaufen wie Maria Schneider, kann noch ein Dutzend ziemlich unwichtige Rollen in mittelwichtigen Filme spielen wie Maria Schneider, kann zeitweise in den einschlägigen News mit Entzugsklinikdramen auf sich aufmerksam machen wie Maria Schneider, aber ist doch nichts für eine Todesanzeige. Sie war „das Mädchen“, das namenlose, das in Antonionis Film erst im letzten Drittel so richtig vorkommt, sie ist das Mädchen mit den dunklen Locken und dem Schmollmund, sie bleibt für immer das Mädchen, das sie war.

Maria Schneider war 19, als sie an der Seite von Marlon Brando entdeckt wurde fürs Kino. Und sofort ein Sexsymbol namens Jeanne, demnächst verheiratet mit dem jungen Filmmenschen Tom. Aber da lernt sie den zynischen, frisch verwitweten Amerikaner Paul kennen, und die beiden haben drei Tage lang Sex, bevor sie den letzten Tango tanzen und sie ihn erschießt. Gut, es gibt da noch ein paar andere Szenen, aber wer erinnert sie? In dem jungen Jahrzehnt, in dem Sydne Rome für Roman Polanski in „Was?“ dreiviertelnackt durchs Bild lief und sich Andrea Ferréol in Marco Ferreris „Das große Fressen“ barock überfraß, war Maria Schneider eben die masturbierende Gespielin eines dicken, abgehalfterten Schauspielers, der auf Analsex stand.

Heute weiß man: Die Rolle, die die Tochter eines rumänischen Models und des Schauspielers Daniel Gélin weltberühmt machte, machte ihre Karriere gleich wieder kaputt. Einerseits prahlte Maria Schneider schon damals damit, erstens ein lockeres Verhältnis zur eigenen Nacktheit und zweitens mit mindestens 50 Männern und 20 Frauen geschlafen zu haben. Andererseits hatte sie keinerlei Lust mehr auf nackte Gespielinnenrollen. Bei Bertoluccis „1900“ winkte sie deshalb ab. Tinto Brass wiederum, der sie für „Caligula“ ausziehen wollte, fand dann, sie tauge nichts als Schauspielerin.

Aber ja, man fragte sie weiterhin, aber in größeren Abständen. Es gab Werner Schroeters „Weiße Reise“ (1980) oder, ein Jahr später, Jacques Rivettes „MerryGo-Round“. Und 1979, in „Die Aussteigerin“, wollten sogar anderthalb Millionen Deutsche sie an der Seite von Miou-Miou sehen. Aber wenn schon die Zeichen auf Abschied stehen, dann bitte mit jenem Film, der ganz aus seiner Todessehnsucht lebt, einer viel stilleren, größeren als jener, die beim „Tango“ sogar im Titel steht: eben mit „Beruf: Reporter“.

Da war sie schon 22 – und in Barcelona, sie spielt eine Kunststudentin vielleicht, schlendert sie in diesen Film mit Jack Nicholson. Reporter Nicholson hat, aus einer fatal letalen Abenteuerlaune heraus, die Personalpapiere und die Identität eines frisch verstorbenen Waffenhändlers angenommen und fährt in einem weißen Cabrioschlitten die spanische Küste runter Richtung Afrika. Leute jagen ihn, und auch seine Frau ist ihm auf den Fersen, aber er vertut seine letzten Tage mit diesem Mädchen, mal müde, mal zärtlich, oft gedankenabwesend, irgendwie schon tot. Irgendwann schickt er sie weg, aber im Hotel de la Gloria, wo die Bösen ihn töten werden, ist sie schon vor ihm angekommen.

Noch einmal schickt er sie weg. Und dann ist sie, die diesen Mann gekannt hat, ohne viele Fragen zu stellen, in der unglaubliche sieben Minuten langen letzten Einstellung des Films auf einem sonnenbeschienenen Kleinstadtplatz im Mittagslicht. Sie geht zögernd herum, Autos fahren heran und fort, sie bleibt auf unvergleichliche Weise in der Nähe. Maria Schneider bleibt in der Nähe.

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