Kultur : Sinn und Sehnsucht

Die Königin des Tanztheaters: zum 65. Geburtstag von Pina Bausch

Sandra Luzina

Auf die Frage, was sie von ihrem Lehrer Kurt Jooss gelernt habe, hat Pina Bausch einmal geantwortet: „Eine gewisse Ehrlichkeit.“ Diese Wahrhaftigkeit – der Bewegung, des Gefühls – springt den Zuschauer der Bausch-Choreografien mit aller Heftigkeit bis heute an. „Man fühlt sich frei und ist gleichzeitig emotional ungeheuer in der Zange“, sagte Heiner Müller über das Tanztheater der Pina Bausch. Und gestand, dass er in ihren Stücken sogar geweint habe.

Die Königin des deutschen Tanztheaters feiert heute ihren 65. Geburtstag – aber was ändert das schon. Ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. Zuletzt pilgerte die globale Tanzwelt im April dieses Jahres nach Wuppertal, um das neue Stück von Pina Bausch zu sehen – das Bausch-typisch bei der Premiere noch keinen Titel hatte und auch noch nicht „fertig“ war. Inzwischen hat es einen Namen: „Rough Cut“. Und Pina Bausch kann ihren zahlreichen Auszeichnungen eine weitere hinzufügen: Im Juni wurde sie zur Ehrenbotschafterin für Kunst und Kultur in Süd-Korea ernannt.

Vergangenes Jahr wurde mit einem stürmisch begrüßten Heimspiel der Weltreisenden der 30. Geburtstag des legendären Wuppertaler Tanztheaters begangen. Die Retrospektive bewies: Pina Bauschs Stücke altern nicht. Sie erlauben aber den Darstellern, älter zu werden. Und mit verjüngtem Ensemble aufgeführt, erzählen sie sich neu und anders.

Fast 40 Tanzabende hat sie mit dem Ensemble im Lauf der Jahre herausgebracht, darunter viele Kopoduktionen. Ihre Stücke bewegen die Menschen von New York bis Tokio. Einst hat Pina Bausch den Tanz revolutioniert. Die ästhetischen Schlachten sind längst geschlagen, aber Bausch hält sich auf der Höhe ihrer Meisterschaft. Von Liebe und anderen Grausamkeiten erzählen ihre Produktionen, die aufwühlend und verstörend sind und zugleich gnadenlos komisch. Wenn Männer und Frauen (und Nilpferde) aufeinander treffen, sind dies immer auch szenische Erkundungen eines unmöglichen Miteinanders. In den jüngeren Arbeiten manifestiert sich eine neue Lust am Tanzen, hemmungslos bekennen sie sich zu Sinnlichkeit und Schönheit. Doch auch die so heiter anmutenden Stücke seien unter Schmerzen geboren, bekannte die Bausch in einem Interview.

Vergleicht man die Stücke des Wuppertaler Tanztheaters mit dem, was die jungen Choreografen heute bewegt, muss man konstatieren: Pina Bausch stellt eine Klasse für sich dar. Das Stück zur neuen Altersklasse hat sie übrigens längst inszeniert. Es heißt „Kontakthof“; sie hat es mit Laiendarstellern jenseits der 60 neu einstudiert. „Damen und Herren ab 65“ ist eine Liebeserklärung an den Tanz – und wirft einen ungewöhnlicher Blick auf Alter und Körperlichkeit. Das Stück hat seine Darsteller verändert.

Und Pina Bausch hat unser Leben verändert. Sie hat nicht nur unsere Wahrnehmung von Kunst radikalisiert, mit der Choreografin sind wir eine innige Liebesbeziehung eingegangen – die dauert wunderbarerweise immer noch an. Natürlich wird sie weiter choreogafieren, denn sie lebt in und für ihre Kunst. Wenn Pina Bausch nach den Beweggründen ihrer Arbeit gefragt wird, dann sagt sie nur ein Wort: Sehnsucht. Und die ist ja an kein Alter gebunden.

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