Kultur : Sir Simon und die Seinen

Allegro molto in Avatar-Dur: „A Musical Journey“, die Berliner Philharmoniker in 3-D

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Foto: NFP
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Eigentlich geschieht das alles ja nur aus Liebe. Die Berliner Philharmoniker wollen ihren Fans in aller Welt nahe sein, haben aber aufgrund heimatlicher Spielverpflichtungen nur begrenzt Zeit für Tourneen. Bis vor wenigen Jahren mussten den Klassikhörern in Japan, Chile oder Neuseeland die CDs des Spitzenorchesters genügen. Weil aber inzwischen das Optische alle anderen Sinne dominiert, weil selbst im Bereich der sogenannten ernsten Musik das Auge längst mithört, muss jetzt zum unverwechselbaren Philharmoniker-Sound auch das passende Bild mitgeliefert werden.

So zumindest empfinden es die Medienvorstände des Orchesters – und stürzen sich vehement auf die neuesten Möglichkeiten der Übertragungstechnik: Da gibt es die „Digital Concert Hall“, eine Art privates Bezahlfernsehen für LiveKonzerte des Orchesters, da sind die republikweiten Ausstrahlungen von Auftritten aus der Philharmonie in angeschlossene Kinos, und da ist nun der 3-D-Film „A Musical Journey“. Sir Simon und die Seinen, räumlich tiefengestaffelt wie noch nie. Was Wim Wenders mit Pina Bauschs Tänzern kann, können die Philharmoniker schon lange! Allegro molto in Avatar-Dur.

Beim SingapurGastpiel im vergangenen Jahr durfte Regisseur Michael Beyer seine 3-D-Kameras aufbauen. Im ersten Teil des Films erlebt der Zuschauer eine absolut perfekte, zutiefst beglückende Interpretation von Gustav Mahlers 1. Sinfonie. Der einzige Unterschied zum konventionellen Konzertmitschnitt: Durch die Spezialbrille bekommt man mehr vom Orchester mit als üblich. „Man kann gleichzeitig sehen, wie sich der Flötist auf seinen nächsten Einsatz vorbereitet und wie genau in dem Moment der Trompeter den Dämpfer wechselt“, schwärmt Beyer. Auch bleibt dem aufmerksamen Beobachter nicht verborgen, wie viele Sorten von FrackhemdFliegen es gibt. Oder dass die Hornistin Sarah Willis durchsichtigen Nagellack trägt.

Mancher mag es allerdings auch desillusionierend finden, so nahe an die Gesichter der Musiker heranzurücken, wenn sie ihren Rohrblättern Töne abringen, Luft in metallene Mundstücke pressen oder die Geige zwischen Schulter und Doppelkinn klemmen. Dass zudem jene Spieler, die gerade nicht dran sind, ihren Kollegen mit ernstem Blick zuhören, macht zwar die Qualität des PhilharmonikerTeamplays aus, optisch aber wenig her.

Richtig enttäuschend ist der zweite Teil dieser 105 Minuten. Nicht, weil die Philharmoniker Rachmaninows „Sinfonische Tänze“ uninspiriert spielen würden. Sondern weil die Impressionen aus Singapur, die Beyer nun immer wieder einblendet, schlicht langweilig ausgewählt und abgefilmt sind. Da wirken die urbanen Impressionen in Thomas Grubes Philharmoniker-Film „Trip to Asia“ (2008) nicht nur poetischer, sondern auch musikalischer geschnitten. Überhaupt kommt man hier den Künstlern viel näher als bei Beyer. Und das ganz ohne 3-D. Frederik Hanssen

Astor Film Lounge, Cinemaxx, Cinestar Event Cinema, Kulturbrauerei, Titania Palast – „Trip to Asia“ ist auf DVD erhältlich.

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