Kultur : Sitzen auf Quülzen

Burcu Dogramaci

Der erste Kontakt mit dem Werk eines Künstlers ist meist optischer, manchmal, wie in den lautstarken Videos von Bruce Nauman, auch akustischer Natur. Um so überraschender also, wenn man eine künstlerische Arbeit zunächst haptisch und noch dazu mit dem Gesäß erfährt. Bei der Pressekonferenz zur Übersichtsschau des Künstlers Franz West in den Hamburger Deichtorhallen saßen die Geladenen auf 42 Stühlen, die der Wiener eigens für die Ausstellung konstruiert hatte. Für kurze Zeit überzog ein Unwohlsein die Gesichter, so als hätten die Leute versehentlich das legendäre Pissoir von Marcel Duchamp entweiht oder die Badewanne von Joseph Beuys benutzt.

Unter dem Titel "Appartement" subsumiert die Hamburger Ausstellung Skulpturen, Installationen und Plakatentwürfe von Franz West aus den letzten 15 Jahren. Humorvoll, bisweilen auch sperrig und befremdlich ist das oeuvre des 1947 geborenen Künstlers. Er bestückt in den Deichtorhallen 15 Räume, in denen er alte und neue Objekte miteinander kombiniert. Der Name "Appartement" assoziiert eine Wohnsituation, die durch möbelähnliche Skulpturen tatsächlich gegeben ist. In einem Raum befindet sich das "Mao Memorial" von 1994/96. Diese Chaiselongues sind wie zu einer Konferenz zusammengestellt. Ihre Farben Rot und Blau spielen auf die Uniformen und den roten Stern der Maoisten an. Verteilt in der Ausstellung sind auch die bunten "Sitzquülze". Es sind biomorphe Plastiken, für die Franz West einen absurden Namen erfand, um ihre Nutzlosigkeit zu verdeutlichen. Entscheidend für die Entwicklung von Wests Werk sind die "Passstücke". Diese Objekte werden nach Gebrauchsanweisung des Künstlers übergestülpt und dem eigenen Körper angepasst.

Bereits 1974 gestaltete Franz West, damals noch Autodidakt, die ersten interaktiven Passstücke. Der Künstler forderte einen Besucher auf, eine Badekappe überzustülpen, die an einer Holzplatte befestigt war. Mitte der achtziger Jahre entstanden dann die ersten Möbelskulpturen, und West wurde zum Skulpturenprojekt nach Münster eingeladen. Sein internationaler Durchbruch gelang wenig später mit einer Ausstellung im New Yorker "Institute for Contemporary Art". Seitdem ist Franz West international etabliert und bestückte zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen. Seine zwischen künstlerischer Ästhetik und Gebrauchsgegenstand angesiedelten Arbeiten stehen dem Konsumenten zur Verfügung. West führt einen künstlerischen Ansatz weiter, der bereits in der klassischen Moderne entwickelt wurde.

Die Ready-mades von Marcel Duchamp machten aus einem industriell gefertigten Alltagsgegenstand ein künstlerisches Objekt. Doch die Banalisierung von Kunst wird ad absurdum geführt, da die Pissoirs oder Flaschenhalter von Duchamp bei Ausstellungen unter Glas stehen. Franz West jedoch möchte ausdrücklich, dass seine Artefakte vom Publikum berührt und benutzt werden. Er fordert eine Rezeptionshaltung, die sich vom gängigen Kunstbegriff unterscheidet. West kippt das museale Objekt vom Sockel und nimmt ihm die Aura des Unantastbaren. Sein Ansatz der Verwischung von Kunst und Design findet bei einer jüngeren Generation nachhaltig Widerhall: Jorge Pardo und Andrea Zittel lokalisieren ihre Environments und Objekte zwischen Funktionalität und Ästhetik.

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