Smartphones : Knipsen, Posten, Slalom-Gucken

Eine Band kommt auf die Bühne. Kaum ist der Begrüßungsapplaus verklungen und die Musiker schlagen die ersten Akkorde an, reagiert das Publikum: Dutzendfach recken sich Arme in die Luft. An ihren Enden: Smartphones. Ein Stoßseufzer

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Smartphone-Nutzer auf Popkonzert. Aber wie war's eigentlich?
Smartphone-Nutzer auf Popkonzert. Aber wie war's eigentlich?Foto: dpa

Für den puristischen Konzertbesucher beginnt das Slalom-Gucken, der Versuch, wenigstens dann und wann mal einen ungefilterten Blick auf die Bühne zu erhaschen – vorbei an den Displays.

Die Kameras schießen Bilder und filmen mit. Das Ergebnis kann man zum Beispiel bei Youtube betrachten: verwackelte Aufnahmen, deren miserable Bildqualität nur noch vom scheppernden und dröhnenden Klang unterboten wird. Wer sich diese Videos freiwillig ansieht, hat eine ausgeprägte masochistische Ader.

Neulich im ehemaligen Kraftwerk Trafo in der Köpenicker Straße standen die Chancen nicht schlecht, einen Abend ohne die nervigen Geräte zu verleben, gewissermaßen ein Konzert im Stile der neunziger Jahre. Denn der Spartensender ZDF.kultur hatte eingeladen und nahm die Auftritte der Bands mit seinen Fernsehkameras auf. Im November lassen sich die Konzerte dann in bester Qualität vom heimischen Sofa aus genießen. Aber zu früh gefreut. Auch diesmal: fotofähige Mobiltelefone in rauen Mengen. Das Smartphone-Recken folgt reflexhaft auf Live-Musik wie das Hundesabbern aufs pawlowsche Glöckchengeläut.

Bei einem bestuhlten Konzert kürzlich in der Berliner Volksbühne gaben zwei „Smarties“ Einblick in ihre Psyche. Das Pärchen hatte sich wegen der Platznot in einen einzigen Sessel gequetscht. Beide schnitten das Konzert mit ihren Mobiltelefonen in einmütiger Synchronität mit – wohl für den Fall, dass einer der beiden Akkus unvermittelt den Geist aufgibt. Als die Kameras oft genug geblitzt hatten, ging es an die Datenverarbeitung. Aus den Fotos – die sich alle verdächtig ähnelten – wurden die schönsten ausgewählt und bei Facebook hochgeladen.

Die Formulierung des zugehörigen Textes brauchte einige Zeit (Endfassung: „Aufm Konzert von …“), dann ging das brandheiße Material online. Dank der guten Abstimmung hatten die Verliebten beim Knipsen und Posten am Ende keine einzige Sekunde des Konzerts verpasst. Aber wie war’s eigentlich?

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