Kultur : So klingt es, wenn die Engel sich verlieben

Frederik Hanssen

Es sind Abende wie dieser, die dem Opernfan neues Zutrauen in das deutsche Ensembletheater geben. Ein "Rigoletto", der gut tut im Januar nach dem Verdi-Jahr, eine Inszenierung, die nicht mit einer revolutionären Optik punkten will, sondern ganz auf die Musik vertraut, ein hausgemachter Erfolg: Der Männerchor der Hallenser Oper ist nicht nur von Helmut E. Sonne bestens musikalisch präpariert - als schwierige Hofschranzen-Clique bewegen sich die Herren auch optisch mit jener Homogenität, die nur aus Vertrautheit entsteht. Man kennt sich, man hat schon in so vielen Produktionen zusammengearbeitet. Das gilt auch für die Solisten, die - mit Ausnahme des Tenors Shivko Shelev, der kurzfristig einspringen musste - alle fest am Theater arbeiten.

Opernhäuser wie das von Halle sind das Rückgrat der deutschen Musiktheaterszene. An den gut funktionierenden mittleren Bühnen erlebt man junge Künstler, die weiterkommen wollen, vielleicht schon an der Schwelle zur großen Karriere stehen. So wie Joachim Rathke: Im Herbst darf er an der Berliner Staatsoper Unter den Linden beweisen, dass sich Donizettis "Liebestrank" nicht nur als putziges Puppenstubenstück inszenieren lässt. Dass Rathke weiß, wie man auf der Bühne komplizierte Paarbeziehungen schlüssig darstellt, zeigt er in diesem "Rigoletto": Der bucklige Spaßmacher (Ulrich Studer) ist in seine Tochter im wahrsten Wortsinn vernarrt - und weiß doch nicht, wie er seinen Gefühlen Ausruck verleihen kann. Gilda ihrerseits sehnt sich nach Geborgenheit - und zuckt doch unter der zaghaften Berührung des Vaters zusammen.

Martina Rüping zeigt die Gilda als Mädchen an der Schwelle vom Kind zur Frau - und macht damit die gedankenlose Brutalität des Herzogs deutlich: Der vernascht sie wie eine seiner abgestumpften Kurtisanen. Für Gilda aber ist es die erste, die große Liebe. Gildas Gefühle erblühen in Martina Rüpings unendlich zarten, süß seufzenden Tönen mit einer Überzeugungskraft, der sich keiner entziehen kann. Vor den Ohren der Zuhörer verwandelt sich der zwischen Angst und Neugier schwankende Teenager in eine grenzenlos Liebende. Sie flüstert den Namen des fremden Mannes so anmutig, wie sie ihn in die Luft schreibt, sie formt jeden Ton so hingebungsvoll, wie sie die Decke glattstreicht, die er ihr eben um die Schultern gelegt hat. So klingt es, wenn Engel sich verlieben.

Dass Verdis Musik an diesem Abend so zu Herzen geht, ist neben der grandiosen Martina Rüping auch Francesco Corti zu danken. Dem jungen Dirigenten gelingt es, mit dem bestens aufgelegten Orchester des Opernhauses echte Italianità zu zaubern. Das von deutschen Tondichtern so hämisch belächelte Humtata der ostinaten Begleitfloskeln Verdis gewinnt Eleganz durch federne Leichtigkeit, präzise und gleichzeitig geschmeidig setzt Corti rhythmische Akzente, gestattet den Blechbläsern auch mal einen hochdramatischen Ausbruch, lässt die Belcanto-Melodien in leuchtenden Farben erblühen. Aber das Beste an diesem "Rigoletto" ist: Alles, was hier szenisch behauptet wird, verschmilzt mit der Überzeugungskraft der Musik zur interpretatorischen Einheit. In Berlin ist dieses Prinzip leider aus der Mode gekommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar