Soderberghs "Logan Lucky" : Und ewig kreist das Geld

Eigentlich wollte er ja aufhören, jetzt hat Steven Soderbergh doch wieder einen Film gedreht: die Gangsterkomödie „Logan Lucky“.

Dennis Vetter
Panzerknackerbande. Channing Tatum, Riley Keough und Adam Driver sind die Logans. Die Geschwister wollen aus ihrem Loser-Dasein ausbrechen und den Tresor der lokalen Autorenbahn knacken: gewissermaßen Ocean's Eleven.
Panzerknackerbande. Channing Tatum, Riley Keough und Adam Driver sind die Logans. Die Geschwister wollen aus ihrem Loser-Dasein...Foto: Studiocanal

Steven Soderberghs Comeback-Film heißt „Logan Lucky“, dabei sind seine Protagonisten, die Logans, vom Pech verfolgt. Eine Trotzreaktion? Jimmy (Channing Tatum), seine Schwester Mellie (Riley Keough) und der Bruder Clyde (Adam Driver) hätten zum Trotz tatsächlich Anlass, sie gelten in ihrer Kleinstadt nicht als große Leuchten und ernten schon mal einen Spruch. Also planen die Arbeitslosen und Loser, den Tresor der lokalen Rennbahn in North Carolina auszuräumen. Ihr Ausbruch: ein Einbruch.

Ob auch beim Filmemacher Trotz im Spiel ist? Eigentlich hatte Soderbergh vor ein paar Jahren seinen Abschied vom Kino verkündet, weil sich die Produktionsbedingungen in Hollywood für Independent-Regisseure wie ihn kontinuierlich verschlechtern. Nun ist er zurück, mit einer Gangsterkomödie, die Motive der „Ocean’s“ -Reihe aufgreift. Vielleicht ist der 54-Jährige auch nur seinem Motto treu geblieben: „The making of any art is problem solving.“ Die Kunst, Probleme zu lösen: Der Film erfüllt diesen Zweck, für Soderbergh wie für sein Publikum.

„Logan Lucky“ erscheint so wie eine Variation von Altbekanntem, angereichert mit dem charmant leiernden Rhythmus des Südstaatendialekts. Am Planen und Inszenieren hat Soderbergh weiterhin Vergnügen. Ein Zettel an Jimmys Kühlschrank fasst die zehn wichtigsten Regeln für einen Coup zusammen. Regel Nummer 2: „Habe einen Plan“. Regel Nummer 3: „Habe einen Plan B“. Wieder geht es um das Wunder der perfekten Organisation, die alle Eventualitäten berücksichtigt, um die allumfassende Inszenierung. Um die kleinen Pläne, die noch nicht ganz ausgereift sind. Und darum, wie alle Bestandteile des Plans mit ein wenig Schmierfett (oder purem Zufall) ineinandergreifen.

Der Ort, der diesmal in detailverliebten Montagefolgen untersucht wird, ist kein Casino, sondern besagte Rennbahn. Autorennbahnen haben – wie der Dialekt – ihre eigene Geschwindigkeit, ihren eigenen Rhythmus, eine spezielle Stimmung und den Charakter des ewig Kreisenden. Beiläufig werden dabei auch die USA als Ort inszeniert, mit Konstruktionen von Identitäten, provinziellen Eigenheiten und Codes. „Nationwide is on your side“, steht auf einem Rennwagen – der vielsagende Werbespruch einer Bank. Zur Feier des „Heartland“ gehören bei der Eröffnung eines NASCAR-Rennspektakels Kampfjets und die Nationalhymne. Und die Rennen sind allen Kriegsveteranen gewidmet.

„NASCAR is like America!“, heißt es einmal im Film. Soderbergh verzahnt seine amerikanische Gegenwartserzählung mit den Inszenierungsweisen des Autorennens. Krönender Abschluss: ein Konzert in der örtlichen Turnhalle, bei dem alle zusammen „Take Me Home, Country Roads“ singen. „Logan Lucky“ zielt auf den aktuell erstarkenden Nationalismus in Amerika, wobei sich alles, auch die Identitäten der Figuren, in das dichte Netz einer vorgegebenen Logik einfügt. Und alle inszenieren (sich), nicht nur die Regie: Die Charaktere haben Spielregeln und Sprechweisen entwickelt, die erst nach und nach verständlich werden. Jimmy überlegt sich sehr genau, was er wem erzählt und mit wem er gemeinsame Sache macht. „Sie werden nur das erfahren, was sie wissen müssen“, meint er zu Clyde, bevor sie für ihren Bruch die trotteligen Brüder von Joe Bang (Bond-Darsteller Daniel Craig mit Gesichts-Tattoo!) anheuern. Entscheidend ist hier eigentlich immer das, was ausgeblendet wird.

Falsche Fährten sind Soderberghs Spezialität

Auf dieser Doppelbödigkeit basieren der Humor und der Feinsinn von „Logan Lucky“. Falsche Fährten sind ohnehin Soderberghs Spezialität: Immer wieder wird das Plumpe und Provinzlerische der Figuren zu einer Version des besonders Ausgefuchsten – womit Soderbergh eine interessante Ableitung der „Ocean’s“-Filme gelingt. Allerdings auch nicht mehr als das.

Es macht Spaß, wie der Film über die hanebüchenen Planungseskapaden seiner Helden den Charme des Zufälligen und Verspielten an den Tag legt. Die Figuren sind kauzig und liebenswert, ohne schablonenhaft zu erstarren. Auch verkommt der Patriotismus nicht zur Plattitüde, sondern wird als gesellschaftliche Realität präsentiert. Etwas, das zirkuliert, das vielschichtig begriffen und verhandelt werden sollte. So wie die Zirkulation des Geldes, auf das die Logan-Bande es abgesehen hat. Ein prächtiges Röhrensystem erstreckt sich unter der Rennbahn, Geldschein für Geldschein gelangt so zum Ziel. Die Konventionen der Heist Movies interessieren Soderbergh dabei nicht. Es gilt bloß, sich die Kanäle, Strukturen und (erzählerischen) Hintertüren des Banküberfall-Genres nutzbar zu machen.

Soderbergh zitiert populäre Codes, sogar "Game of Thrones"

Soderbergh entwirft eine halb offene Welt, die auf einem zirkulierenden Verständnis von Popkultur basiert. Selbst beim Knastaufstand, der als Ablenkungsmanöver inszeniert wird, um einen Mitstreiter aus dem Gefängnis zu holen, diskutieren die Insassen mit dem Direktor über „Game of Thrones“. Soderbergh zitiert populäre Codes und spielt mit bewusst überdeutlichen, gefälligen Bildern. Das wirkt oft selbstironisch, wie eine Fingerübung. Dass er auch anders kann, davon zeugen seine kleineren Filme wie „The Girlfriend Experience“ oder „Magic Mike“.

Wie sich Steven Soderbergh seine Zukunft in Hollywood vorstellt? Nach „Logan Lucky“ ist das nicht ganz klar.

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