Sofi Oksanens Roman "Fegefeuer" : Unter Schmeißfliegen

Jagdszenen aus Estland: Die finnische Autorin Sofi Oksanen und ihr historischer Roman „Fegefeuer“.

Marie-Luise Knott
Sofi Oksanen
Sofi OksanenFoto: Toni Härkönen/Kiepenheur & Witsch

Sie ist weiß geschminkt, die Wimpern pechschwarz, die Augen lilarosa; die rotgesträhnten Haare verschwinden unter einem Dreadlook-Wollensemble. Sofi Oksanen, wie sie im Café sitzt, präsentiert sich als eine „Gothic“ – als wolle die finnische Schriftstellerin sich abschirmen gegen die enorme öffentliche Aufmerksamkeit für ihren viel gepriesenen, vielfach ausgezeichneten Roman „Fegefeuer“.

Es beginnt 1992, in der ländlichen Einsamkeit von West-Estland. Eine alte Frau, Aliide Truu, macht in ihrer Stube Jagd auf eine Schmeißfliege, die ihrerseits darauf lauert, dass die Alte die Küchentür öffnet, hinter der die Fleischtöpfe locken. Eine Schlüsselszene: Es geht um die Enge und Einsamkeit eines Frauenlebens, um Aliides Welt, zu der neben Fliegenklatschen noch Himbeeren-Einkochen und das Radio gehören. Und Nachbarn, die sie, das Russenliebchen, mit Schmähliedern und Steinen bewerfen, nachdem Hund und Hühner bereits vergiftet wurden.

Warum Aliide auf dem Hof ihrer Eltern abgeschottet lebt, hat eine lange Vorgeschichte, die eng mit der Geschichte Estlands verbunden ist. Nach kurzer Unabhängigkeit zwischen den Kriegen kam Estland ab 1940 erst unter sowjetische, dann unter deutsche und wieder unter sowjetische Okkupation. Alle Besatzer verbreiteten Angst und Schrecken. Trotz Zwangsansiedlungen, Kollektivierung und Massendeportationen gelang es den Sowjets aber nicht, die Sehnsucht nach Unabhängigkeit zu ersticken. 1991 gewannen die Esten ihr Land zurück. Das alles hat Aliides Leben geprägt. Aus Liebe denunzierte sie die Schwester, nach Verhör und Vergewaltigung heiratete sie zur Sicherheit einen Russen. Fortan „roch sie nach Iwan“.

Der Roman Fegefeuer
Der Roman Fegefeuer

Oksanen erzählt sparsam und mit packender Intensität. Die Fliegen-Szene bricht ab, als Aliide im Hof unter der Birke ein junges Mädchen erspäht, zerlumpt und verwundet. Aliide ist sich sicher: Sie darf ihrem Mitleid nicht nachgeben, die Verwundete nicht ins Haus lassen. Auch das Mädchen, Zara, ist misstrauisch, denn sie fürchtet, die Frau könne sie an die Männer verraten, vor denen sie geflohen ist. Zaras Nachwende-Traum vom goldenen Westen war zuvor in Berlin in der Zwangsprostitution geendet. Aus Zara war dort eine „Natascha“ geworden, die, in ein Zimmer gesperrt, den Freiern sagen soll, wie einzigartig sie beim Ficken seien. „All das Sperma, all die Haare, all die Haare im Hals, und dennoch schmeckte die Tomate immer noch nach Tomate.“ Grauen und Genuss, dicht beieinander. Immer schwingt die Möglichkeit mit, dass etwas im Menschen stärker ist als die Gewalt.

Oksanens Protagonistinnen scheitern bei ihren Versuchen, sich die große Geschichte zu ihrem kleinen Vorteil zurechtzurücken. „Man möchte gerne an etwas glauben, also glaubt man daran“, kommentiert die Autorin im Gespräch die Verheerungen des gewissenlosen Durchschlängelns. Die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen bei den beiden Frauen, die da auf dem Hof zusammenkommen, eine jede mit ihrem Geheimnis. Nur langsam begreifen sie, was sie miteinander verbindet.

Warum schreibt eine 32- jährige Finnin eine solche Geschichte? Oksanens Mutter, eine estnische Ingenieurin, heiratete 1976 einen Finnen und reiste aus. Die Tochter wuchs zweisprachig auf, zwischen den wechselseitigen kulturellen Zuschreibungen und Tabuzonen. Wie ein finnisch-estnisches Mädchen, das ihre estnische Herkunft verheimlichen soll, an Bulimie erkrankt, davon handelte Oksanens erster Roman „Stalins Kühe“ von 2003. Auf der Rückseite des Buchs prangt ihr Protest gegen den Sextourismus der nach Estland reisenden Finnen: „Warum sind alle estnischen Frauen Huren? Liegt es in ihren Genen?“

Im Café erzählt Oksanen von der Einsamkeit ihrer Kindheit. Wenn sie auf Familienbesuch nach Estland reiste, war sie eine westliche Exotin. Überall gab es noch Kriegsspuren und eine Armut, die man in Finnland längst hinter sich gelassen zu haben glaubte. Aus Trotz gegen die Sowjets konservierte die Großmutter die alte Zeit, bei ihr sah es aus wie in einem Heimatmuseum. „Ich war dort eine Attraktion und fühlte mich schrecklich unwohl, wie die einzige Weiße in Afrika.“ Ihre „Autofiktionen“, wie sie es selbst nennt, sind grandios erfunden, sie ermöglichen dem Leser Einblicke in die Geschichte Estlands und halten jenseits der Tatsachen tiefere Wahrheiten bereit. Schriftsteller lügen, um in die Nähe dieser anderen Wahrheit zu gelangen. So hat Oksanen in „Fegefeuer“ auch Aufzeichnungen eines versteckten Unabhängigkeitskämpfers von 1950 erfunden, sowie Geheimdienstakten aus der Zeit, als die Schwester deportiert wurde.

Bereits in „Stalins Kühe“ hatte die Schriftstellerin die traditionelle Erzählweise bewusst verlassen. „Wenn man Charaktere nachdenken lässt, was früher war, dann verlangsamt sich alles.“ Aus einem halben Jahrhundert folgt Szene auf Szene, wobei jeder Moment derart verdichtet ist, dass sich die Bilder – von Angela Plöger überzeugend ins Deutsche übertragen – dem Leser unmittelbar einprägen. Die Zeitsprünge bei der Montage sorgen für Tempo und stehen im Kontrast zur verlangsamten Erzählweise und den großen Innenräumen. So gelingt Sofi Oksanen das kleine Wunder, das Leben von Frauen zu zeichnen, denen sich die Sehnsucht nach einer schönen Welt unter der Hand in eine Hölle verwandelt. Eine Hölle, die sie auch anderen antun.

Sofi Oksanen:

Fegefeuer. Roman. Aus dem Finnischen von Angela Plöger.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 400 Seiten, 19,95 €.

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