Spielbergs "Bridge of Spies" : Zwischen den Fronten

Alle Hauptfiguren sind historisch verbürgt: Steven Spielbergs Kalte-Kriegs-Story "Bridge of Spies" mit Tom Hanks ist ein Old-School-Thriller vom Feinsten.

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Der Spion und sein Verteidiger. Rudolf Abel (Mark Rylance) und der Answalt James Donovan (Tom Hanks).
Der Spion und sein Verteidiger. Rudolf Abel (Mark Rylance) und der Answalt James Donovan (Tom Hanks).Foto:20th Century Fox

Die souveräne Meisterschaft eines Filmemachers lässt sich an mancherlei Dingen erkennen. Steven Spielberg hat den üblichen Indizien soeben ein feines Element hinzugefügt. Im Showdown von „Bridge of Spies“ lockt er die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein hochspannendes Detail im Hintergrund, das noch dazu in der Unschärfe zu verschwinden droht. Gleichzeitig findet, groß im Bild, ein patriotisches Wiedersehen statt, mit Umarmungen und Schulterklopfen und allerhand Trara. Nur: Wer jetzt, verführt durch die trickreichen Apparaturen des Kinos, ausgerechnet dorthin guckt, der verpasst das Wesentliche.
Nicht, dass der große Regisseur dann nicht doch für Eindeutigkeit sorgte, indem er die Hintergrundfigur noch einmal ausdrücklich in den Fokus nimmt; auch schiebt er sicherheitshalber eine vergleichsweise sentimentale Pointe hinterher. Was aber allein zählt, ist der genial irritierende Moment zuvor. Spielberg, der stets das maximale Versöhnungspotential seiner Filmstoffe auslotet, rückt den leisen Abschied zweier integrer Persönlichkeiten in den Mittelpunkt – beim spektakulären Agentenaustausch auf der endlich ins Bild gerückten Glienicker Brücke, die dem Film den Titel gibt. Auch ideologisch bewegt sich „Bridge of Spies“, ein lupenreiner Spionagethriller mit den Kontrahenten USA und Sowjetunion, zwischen den Fronten und unterm Radar propagandistischer Sperrfeuer. Spielberg kommt es auf die Menschen an, mögen sie noch so sehr als Marionetten größerer Interessen erscheinen – nicht auf die Apparate, in deren Auftrag sie tätig sind.

Alle Hauptfiguren sind historisch verbürgt in dieser Geschichte, die 1957 in New York mit der Verhaftung des sowjetischen Spions Rudolf Abel (Mark Rylance) beginnt. Fünf Jahre später endet sie, an einem frühen Februarmorgen, auf der Brücke zwischen Berlin und Potsdam mit dem Austausch Abels gegen den 1960 bei einem Spionageflug über der Sowjetunion abgeschossenen Piloten Francis Gary Powers (Austin Stowell). Parallel kommt, am Übergang Checkpoint Charlie, der kurz nach dem Mauerbau in Ost-Berlin festgenommene amerikanische Doktorand Frederic Pryor (Will Rogers) frei. Vorbereitet wird der Austausch auf amerikanischer Seite von dem Anwalt James Donovan (Tom Hanks), auf der Gegenseite sind KGB-Mann Iwan Schischkin (Mikhael Gorevoy) und DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel (Sebastian Koch) zuständig.

Spielberg scheut nicht die spektakulären Effekte

Spielberg erzählt seinen Thriller mit dem für einen Blockbuster verblüffend leisen Finale durchgängig aus der Perspektive Donovans. Die CIA reaktiviert den Versicherungsanwalt, einst Assistent des Chefanklägers bei den Nürnberger Prozessen, für eine politische Mission: Donovan soll den russischen Top-Spion Rudolf Abel verteidigen, der noch dazu in der Haft stoisch und selbstbewusst schweigt.

Chef-Unterhändler. Donovan (Tom Hanks) im Kalte-Kriegs-Winter in Ost-Berlin.
Chef-Unterhändler. Donovan (Tom Hanks) im Kalte-Kriegs-Winter in Ost-Berlin.Foto:20th Century Fox

Im antikommunistisch aufgeheizten Klima der fünfziger Jahre ist das ein Knochenjob – schließlich gehört ein Verräter der grundsätzlich guten amerikanischen Sache, finden Justiz und Medien unisono, sofort auf den elektrischen Stuhl. Donovan aber holt eine 30-jährige Freiheitsstrafe heraus, mit einem temperamentvollen Plädoyer für einen „aufrechten Soldaten“ – nur eben der anderen Seite. Die Quittung für den rechtsstaatlich untadeligen Einsatz: Anonyme Schützen zersieben die Fenster von Donovans Haus, zum Glück bleibt seine Familie unverletzt.
Derlei spektakuläre Effekte, die scharf mit dem damaligen US-Politklima ins Gericht gehen, scheut Spielberg nicht; sie sind auch höchst thrilleraffin – zumal in einer Story, deren guter Ausgang in den Geschichtsbüchern steht. Ebenso grob skizziert er die DDR und den sozialistischen Osten überhaupt, als es Jahre später um den Agentenaustausch geht.

Das Retro-Setting von "Bridge of Spies": bis ins Detail exakt recherchiert

Ost-Berlin, stets in kaltblaue Farben getaucht, sieht so aus, als hätten die Trümmerfrauen nach Kriegsende ausschließlich im Westen aufgeräumt: eine Ruinenlandschaft, in der dann allerdings höchst realistisch – am Drehort Breslau mit Materialien vom Studio Babelsberg – die Mauer aufgebaut wird. Donovan, der in CIA-Auftrag den Austausch einfädelt, wird bei einer S-Bahn-Fahrt zwischen den Stadthälften sogar Zeuge eines gescheiterten Fluchtversuchs. Damit entwickelt der glücklich überwundene historische Horror wenigstens einmal Nutzen: als weiteres Thriller-Element.
So elegant aber das Retro-Setting mitunter den Bond-Filmen eben jener Zeit ähnelt, so sehr bleibt es bis ins Detail stets exakt recherchiert. Abel versteckt Spionageerkenntnisse in ausgehöhlten Fünfcentstücken; der unglückliche US-Pilot, der in seiner U-2 in der Nähe einer russischen Atomanlage abgeschossen wird, hat für den Fall der Enttarnung eine Giftnadel in einem Dollar dabei – und setzt sich dann doch nicht den Todesschuss.

Im Zweifel eben triumphiert das Leben in „Bridge of Spies“, und die coolste Figur darin ist keiner der zahlreichen dienstlich zum Äußersten bereiten Agenten, sondern der Anwalt Donovan, der sich bei seinen heiklen Demarchen stets Menschlichkeit, soziale Umsicht und auch Humor bewahrt, ohne jemals tatsächlich kaltblütig zu sein. Der gereifte Tom Hanks, nach drei gemeinsamen Filmen wohl so etwas wie Spielbergs Lieblingsschauspieler, ist dafür die ideale Besetzung.

Die Coen-Brüder haben das Drehbuch poliert

Angenehm langsam und zugleich kontinuierlich spannend geht dieser Old-School-Thriller über seine Strecke von nahezu zweieinhalb Stunden, setzt auf ökonomische, pointierte Dialoge – die Coen-Brüder haben Matt Charmans Drehbuch den letzten Schliff verpasst – und überzeugt durch eine auch in Nebendisziplinen oscarreife Inszenierung. So schön kann Kalter Krieg sein, so trocken komisch auch in seiner längst in die Nacht der Zeiten entrückten Absonderlichkeit. Und wenn dann bei Spielberg doch Propaganda einsickert – so what! Sogar eine deftige Geschichtslüge, das Schicksal des Rudolf Abel betreffend, sei verziehen. Man muss die guten Gefühle ja nicht gleich totrecherchieren.


In 23 Berliner Kinos. OV: Alhambra, Cinestar Sony-Center, Colosseum, Zoo-Palast. OmU: Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei, Rollberg

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