Spielfilm über Missbrauch : "Michael": Das Kellerkind

Die österreichischen Missbrauchsfälle um Natascha Kampusch und Elisabeth Fritzl sind unvergessen. Nun hat der Österreicher Markus Schleinzer einen Spielfilm zum Thema gedreht. In "Michael" hält ein Mann einen Jungen in seinem Keller gefangen.

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Täter von nebenan.
Täter von nebenan.

Ein blasser Mittdreißiger rangiert seinen Kleinwagen in die Garage eines unauffälligen Hauses. Das Tor surrt herab, die Rollläden senken sich automatisch, grau verschließt sich die Fassade des spießigen Vorstadtbunkers. Der Mann mit dem misstrauischen Zug im weichen Gesicht packt seine Einkäufe aus, brutzelt Leberkäse, deckt pedantisch den Tisch. Es dauert, bis der Hintergrund dieses Feierabendrituals sichtbar wird: Michael (Michael Fuith) steigt in den schalldichten Keller hinab, öffnet ein massives Türschloss und holt sein Entführungsopfer aus dem Verlies, den etwa zehnjährigen Wolfgang (David Rauchenberger).

Die ungeheuerliche Ausgangskonstellation von Markus Schleinzers Film „Michael“ evoziert Bilder, die nach den Verschleppungen von Natascha Kampusch und Elisabeth Fritzl in die Öffentlichkeit drangen, auch die Unzahl pädophiler Missbrauchsfälle spiegelt sich darin. Die hysterische Berichterstattung über diese Taten, die nicht am Rand der Gesellschaft, sondern in der sozialen Mitte begangen wurden, hat sich verselbstständigt. Theaterstücke von Elfriede Jelinek und Kathrin Röggla setzten sich mit einer Welt auseinander, in der öffentlich ungehemmter Voyeurismus möglich ist, hinter geschlossenen Gardinen jedoch die Versklavung von Kindern stattfindet, die niemand bemerkt haben will. In Frankreich wird die Debatte durch den Roman „Claustria“ von Régis Jauffret über den Fall Fritzl neu entfacht, und die Constantin verfilmt Kampuschs Erinnerungen an ihre Kindheit als Gefangene eines Psychopathen.

Der 40-jährige österreichische Regisseur Markus Schleinzer beleuchtet einen anderen Aspekt, dessen konsequente Umsetzung seinem Spielfilmdebüt vor wenigen Tagen den Saarbrücker Max-Ophüls- Preis eingetragen hat. Schleinzer distanziert sich vom meist obszönen Interesse an der Opferperspektive, indem er den Täter fixiert, vor allem die fatale Normalität der Kulisse, die sein Protagonist Michael bis zu den dramatischen Zerreißpunkten des Films aufbaut.

Verschiebungen und Auslassungen fordern den Zuschauer in „Michael“ heraus. Die Zeit dehnt sich. Aus dem, was sichtbar wird, springt kaum Schauder über, umso mehr aus der Fantasie, mit der man die Gewalt erahnt. Auf fast unerträgliche Weise ist das weggeschlossene Kind präsent, sein Ausgeliefertsein.

Das Geschehen setzt erst ein, nachdem die Panik der Entführung einer befremdlichen Routine erlegen ist. Beiläufig dokumentarisch wirken die Szenen, in denen beide zusammen essen, immer wieder penible Haushaltsverrichtungen erledigen, ein Puzzle legen, einmal sogar einen Ausflug in die Berge unternehmen – wäre da nicht eine böse Stille, die die präzise komponierten Einstellungen vergiftet.

Tagsüber arbeitet Michael als beflissener Versicherungsvertreter in einem Großraumbüro. Seine Kontakte beschränken sich auf Kantinengespräche, auch dann, als er befördert werden soll. Ganz der devote Angestellte, teilt er bei der Feier Schnittchen aus. Einen Skiausflug verpatzt er grotesk unsportlich, ein (wenig plausibler) Quickie mit einer Kellnerin offenbart sein Unvermögen zu erwachsener Heterosexualität.

Schleinzers Film bringt Eigenschaften, wie man sie von Natascha Kampuschs Entführer Josef Priklopil zu kennen meint, eindringlich nahe, ohne sie zu einem verbrieften Krankheitsbild zu verdichten. Der Regisseur, der lange in Wien als Casting–Director arbeitete und unter anderem bei Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ viel Erfahrung mit Kindern und ihrem darstellerischen Können sammelte, legt mehr Wert darauf, die Stärke und Integrität des kleinen Jungen zu feiern. Schleinzer schützt seinen kindlichen Darsteller David Rauchenberger, indem er dessen Figur gerade nicht in Verzweiflung und Verfall stürzen lässt. Der Junge malt, schreibt Briefe, liest Bücher, bereitet sich Dosensuppen zu und widersetzt sich seinem Peiniger, zunächst mit winzigen Ausfällen, dann mit einer radikalen Tat.

Als zunächst hermetische Studie eines Psychopathen enttäuscht der Film konsequent das Bedürfnis, sich im Kinosessel ungeschoren mit gruseligem Opfererleben identifizieren zu dürfen. Doch dann entwickelt sich „Michael“ zum veritablen Thriller, bei dem man in der Hoffnung mitfiebert, dass Erlösung möglich ist.

fsk am Oranienplatz

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