Kultur : Spielmanns Register

Mit der Eröffnung des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik in Hannover erfüllt sich der Musiker Andor Izsák seinen Lebenstraum.

Igal Avidan

Wie kaum ein anderes Musikinstrument vermittelt die Orgel ein Gefühl der Erhabenheit, der Entspannung und der Harmonie, vor allem bei Kirchgängern. Dennoch spartete gerade die Einführung der Orgel in den Synagogen-Gottesdienst Mitte des 19. Jahrhunderts die orthodoxen und liberalen jüdischen Gemeinden. Die Orthodoxen lehnen die Orgel als „christliches Instrument“ bis heute ab. In rund 200 jüdischen Gemeinden konnten dagegen jüdische Komponisten wie Louis Lewandowski in Berlin und Salomon Sulzer in Wien mithilfe der Orgel die jüdische Liturgie reformieren.

Diese Musiktradition wurde in der Shoah beinahe vernichtet. Seit Jahrzehnten kämpft der aus Ungarn stammende Musiker Andor Izsák für der Erhalt von Synagogenorgeln, die für katholische Kirchen umgebaut worden waren. Am 50. Jahrestag der Reichspogromnacht 1988 gründete er das Europäische Zentrum für Jüdische Musik (EZJM), das er in Augsburg einrichten wollte. Doch die israelitische Kultusgemeinde lehnte ab. Izsák zog 1991 nach Hannover, wo er die Villa Seligmann entdeckte, die 1906 der jüdische Industrielle Siegmund Seligmann errichtet hatte. Izsák gründete eine Seligmann- Stiftung, kaufte das schlossartige Haus von der Stadt Hannover und restaurierte sie aufwendig. Jetzt hat das EZJM hier einen würdigen Sitz gefunden: Zur Eröffnung am Dienstag kam neben Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister auch Bundespräsident Christian Wulff.

Andor Izsáks Leben ist von der Orgelmusik und der Shoah stark geprägt. Er wurde mitten im Krieg im Budapester Ghetto geboren und überlebte nur durch ein Wunder. Seine orthodoxen jüdischen Eltern erkannten sehr früh sein absolutes Gehör. Andor erhielt Klavierunterricht und besuchte heimlich die Kirche, um die Orgelmusik zu hören. Mit 13 Jahren entdeckte er, dass die Dohányi-Synagoge in Budapest als einzige eine Orgel besaß. Er wird Assistent des Organisten und bald dessen Nachfolger.

Jetzt steht der freundliche Mann stolz vor „seiner“ Orgel, der größten Synagogenorgel der Welt. Als er vor Jahren vom bevorstehenden, aber schließlich abgewendeten Abriss der Budapester Synagoge erfahren hatte, kaufte er den Spieltisch. Mit den Aufnahmen, die er in Budapest selbst machte, soll diese Orgel im EZJM zumindest virtuell wieder zu hören sein. In der Großen Halle präsentiert er eine Orgel, die einst in einer Berliner Synagoge erklang. Er entdeckte sie in der katholischen Kirche im oberbayerischen Weßling. Auf diesem restaurierten Instrument erklangen gestern beim Festakt wieder jüdische Melodien - zum ersten Mal nach der Shoah. Künftig sind auch Konzerte, Vorträge und Ausstellungen geplant. Im früheren Personaltrakt der Villa befinden sich die Bibliothek, das Tonarchiv sowie die Büros der Mitarbeiter, die die Sammlung erschließen und die Geschichte der Synagogenorgeln erforschen sollen.

Zehn Jahre begleitete Andor Izsák in Ungarn Gottesdienste und trat mit dem Synagogenchor 1962 sogar auf Einladung der DDR in der Ostberliner Synagoge Rykestraße auf, die sich damals Friedenstempel nannte. 1967 musste er jedoch dieses Engagement beenden, sonst hätte man ihn als Zionist verklagt. Er wurde Operndirigent und Musikwissenschaftler, aber ihm fehlten die synagogalen Melodien. Als er 1983 in die Bundesrepublik kam, suchte er nach dieser Musik – und stellte fest, dass sie fast verschwunden war. „Diese musikalische Tradition ist den russischen Juden, die die überwiegende Mehrheit der Gemeinden bilden, fremd", sagt der liberale Rabbiner in Hannover, Gabor Lengyel. Überhaupt gilt Izsák in der jüdischen Gemeinde als Außenseiter, obwohl er jeden Sabbat in die orthodoxe Synagoge geht. Michael Fürst, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hannover, kritisiert, dass das EZJM für die jüdische Gemeinde gar keine Bedeutung habe. Er bemängelt seine „Orgelmission für die Gojim (Nichtjuden)“ und die Tatsache, dass Izsák der einzige jüdische Vertreter im Kuratorium der Seligmann-Stiftung sei.

Die nichtjüdischen Hannoveraner lieben jedoch Izsáks Musik und fördern seine Projekte. „Durch seine Konzerte ist die synagogale Musik für uns inzwischen ein Teil von Hannover“, sagt Susanne Rode-Breymann, Präsidentin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, zu dem das EZJM offiziell gehört. Finanziell ist es aber von der Hochschule weitgehend unabhängig.

Informationen unter: www.ezjm.hmtm- hannover.de. Die von Arno Beyers verfasste Biografie über Izsák ist unter dem Titel „Andor der Spielmann: ein jüdisches Musikerleben“ im Olms-Verlag erschienen.

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